Kabarettist aus Bayern:Fredl Fesl ist jetzt Schriftsteller - welch ein Glück

Fredl Fesl hat eine Autobiografie veröffentlicht

Seit Jahrzehnten lebt Fredl Fesl auf seinem Hof in Häuslaign bei Töging am Inn. Kein anderer konnte den Königsjodler so schön falsch singen wie er.

(Foto: Sebastian Beck/oh)

Wegen seiner Parkinson-Erkrankung ist er schon seit Jahren nicht mehr aufgetreten. Hoffentlich lässt er seiner Autobiografie weitere Bücher folgen.

Von Rudolf Neumaier

Mit 68 Jahren ist Fredl Fesl jetzt Schriftsteller geworden, aber so würde er selbst sich natürlich nie bezeichnen. Er hat halt in der Schule allerhand gelernt, und irgendwann im Leben muss diese Lernerei Sinn ergeben.

Der junge Alfred besuchte die Realschule, die damals Mittelschule hieß und Fächer wie Buchführung, Stenografie und Schreibmaschinenschreiben im Stundenplan führte. Maschinenschreiben mit zehn Fingern, klassisch. Und jetzt, gut vierzig Jahre später, da seine Krankheit fortgeschritten ist und seinen früher so flinken Sprechwerkzeugen zusetzt, jetzt ist eben die Zeit gekommen, diese alte Fertigkeit aus der Schulzeit abzurufen. Also tippte Fredl Fesl mit dem Zehnfingersystem die Geschichte von Fredl Fesl.

Einer, der Gaudi macht

Falls es Leute gäbe, denen man sagen müsste, wer und was Fredl Fesl ist beziehungsweise war, könnte man's kurz machen: Musikkabarettist, und jetzt eben auch Schriftsteller. Wobei ihm das zu hochgestochen klänge, denn Fesl sagt ja auch, er habe sich nie als Künstler gesehen, "sondern als einen, der Gaudi macht, und den Leuten gefällt's zufällig".

Seine Memoiren, verfasst im lupenreinen Fredl-Fesl-Parlando, sind die fällige Fortsetzung seiner Erheiterungskunst: Er erzählt Anekdoten von absurden Streichen, schraubt sprühend trockene Pointen hinein und setzt Selbstlob so präpotent ein, dass es zur puren Selbstironie gerinnt. Auf Fesls Humor konnten sich immer alle verständigen.

Die Zeitungen verpassten ihm in den Siebzigerjahren das Etikett "Barde", und wahrscheinlich hatten nicht nur seine Lieder sie inspiriert, sondern vor allem seine Frisur - dieser Prinz-Eisenherz-Haarschnitt. So treten Barden in Ritterfilmen auf, wobei die meistens Perücken tragen. Es ist Fredl Fesls Lebensfrisur, er trägt sie noch heute in einer etwas kürzeren und schüttereren Version, auch den Vollbart dazu.

Seinem Geist kann die Krankheit nichts anhaben

Er hat sich kaum verändert, die Krankheit krümmt nur seinen Buckel ein wenig. Doch auch wenn Fesls Glieder nicht mehr alles machen, was er von ihnen will, seinem Geist kann der Morbus Parkinson nichts anhaben, dem Gemüt allenfalls zeitweise. Wen würde es nicht nerven, alle vier Stunden Tabletten einnehmen zu müssen, weil sonst die Muskeln steif werden und sich die Lippen anfühlen wie Leder. Wirklich alle vier Stunden, auch nachts, um 24 Uhr und um 4 Uhr.

Mitte der Neunziger bekam er die Diagnose. "Kopf hoch, Herr Fesl", sagte der Arzt. Im Jahr 2006 spielte er die letzten Konzerte. Das Phänomenale an Fredl Fesl ist die Tatsache, dass er heute noch genauso berühmt zu sein scheint wie vor zehn Jahren. Das lässt sich nur so erklären: Fesl ist ein Markenzeichen, und zwar für einen Humor, den viele Bayern für sich reklamieren - ein wenig subversiv und dennoch charmant, lakonisch, gerne mal platt kalauernd, skurril.

Lausbubenhumor im Erwachsenenalter. Fesl ist dabei nicht krachert und gfotzert geworden wie heute die Grubers und Grünwalds. Mit seiner Art könnte er (aber nur er!) immer noch überall das Lied vom "Riesenneger bei Nieselregen" vortragen, ohne jemals unter den Verdacht rassistischer Tendenzen zu geraten.

Schreien und hampeln widerspräche seinem Naturell

Mezzoforte war schon seine lauteste dynamische Stufe, Emotionen und ähnliche Derbheiten deutete er extrem dezent an. Schreien und hampeln, wie es viele Epigonen auf den bayerischen Brettln praktizieren, widerspräche seinem Naturell.

Doch als Zugabe führte Fesl einen Handstand auf seinem Hocker auf. Für einen besseren Halt hatte er sich einen Griff unter die hölzerne Sitzfläche geschliffen. Eigentlich gehört dieser Hocker ins Nationalmuseum oder ins Museum für bayerische Geschichte. Jetzt steht er im Hintergebäude seines Hofes vor dem elektrischen Holzspalter.

Fredl Fesl lebt mit seiner Frau Monika in Häuslaign, Gemeinde Pleiskirchen, Landkreis Altötting. Den Bagger und die anderen Maschinen, mit denen er sich ein paar Fischweiher gegraben hat unterhalb seines Anwesens, hat er verkauft. Die Fischweiher haben wenig Wasser bekommen in diesem Sommer.

Die Welt kann er nicht mehr retten

Fredl Fesl war länger nicht da. Vom Fischweiher schaut er den Hang hinauf zum Haus. "Stell dir vor", sagt er, "was das für eine Bühne wäre." Hier unten der Hocker, und im Hang die Sitzplatzreihen wie im Amphitheater - ein Traum. Wenn Fesl nicht krank geworden wäre, hätte er ihn vielleicht irgendwann verwirklicht, nur für einen Auftritt. Verrückt genug ist er, und die nötigen Baufahrzeuge hätte er auch gehabt.

Die Fische, die sind immer noch eine Leidenschaft. Eine Angel-Episode aus seiner Kindheit erzählt er im Buch. Sein Fanggerät war ein Ofenrohr, das er am einen Ende verschloss und am anderen mit einer Schnur versah. Der Knabe Alfred legte das Rohr in tiefe Bachgumpen und scheuchte die Fische in diese Gumpen. Denn er hatte herausgefunden, dass sich die Forellen immer das finsterste Versteck suchen - das Ofenrohr. Er brauchte es nur herauszuziehen und hatte Fisch für die ganze Familie.

Eine Diktatur der Intelligenz und der Vernunft

"Wer mit mir zum Fischen geht, der fängt immer was", hat er beim Kaffeetrinken in Häuslaign gesagt. So ist es dann auch. Beim ersten Ausflug an den Inn beißen Bachforellen in Steckerlfischgröße. Beim zweiten Ansitz, diesmal abends auf Rutten, rührt sich wenig. Aber Fredl Fesl redet. Er wird sogar politisch. Eine Diktatur bräuchte es, sagt er, eine Diktatur der Intelligenz und der Vernunft. Fesl ist eindeutig kein Seehofer-Anhänger, aber von anderen Parteien hat er sich auch nie vor den Karren spannen lassen.

"Und jetzt kann ich die Welt auch nicht mehr retten." Die Welt retten? Wie soll das denn gehen? "Ja. Ideen pflanzen bei den Leuten. Von der Bühne aus. Aber mir fehlt die Kraft. Also muss es mir wurscht sein."

In einem Fragebogen der Zeitschrift MUH hat der Musiker Stefan Dettl neulich angegeben, wen er sich als Ministerpräsidenten wünsche. Fredl Fesl - so viel noch mal zur ungebrochenen Popularität. Fesl hebt sich das Heft auf.

Seine letzte größere Schnurrpfeiferei ist drei Jahre her. Er war im Musikantenstadl eingeladen und staunte, wie penetrant das Publikum zum Schunkeln genötigt wurde. Immer wieder. Aus Mitleid mit diesen Leuten entwickelte Fredl Fesl eine Schunkelhilfe: einen Kunststoffsitz, mit dem man beschwerdefrei schunkeln kann.

Kauft Schunkelhilfen!

Ein großartiges Geschenk für jeden Anlass, ungefähr so sinnvoll wie Obelix' Hinkelsteine. Fesl ließ 3500 Exemplare herstellen, 2500 von ihnen lagern im Hinterhaus in einem gigantischen Stapel Kartons. Davor hat eine Spinne ein ebenso gigantisches Netz gewoben. Zwei Meter Durchmesser, mindestens. Fredl Fesl steht etwas fassungslos davor. Wegen des Meisterwerks der Spinne? Oder wegen der Schunkelhilfen? Diese Pointe muss noch zünden. Leute, kauft Schunkelhilfen!

Für die Wirkung von Witz brauchst du Intuition. Man müsse Witz gut dosieren, schreibt er im Buch. "Ich mache die Leute lieber mit ein paar Tropfen Humor nass, bevor ich kübelweise Humor an ihnen vorbeischütte." Wie Menschen als Publikum funktionieren, studierte er als Bub im Wirtshaus der Eltern. Ein Trick, sie zu bannen, war Understatement: So tun, als sei es völlig unverständlich, warum die Leute lachen. "In Wirklichkeit", erzählt er über seine ersten Auftritte in der Münchner Kleinkunstkneipe Song Parnass, "verstand ich es sehr wohl und ich gab ihnen nur wenig Zeit, um sich zu erholen, bevor ich einen witzigen Kommentar hinterherschickte."

Fesl erzählt im Buch über seine Jobs als Kunstschmied, Soldat, Kulissenbauer und Bierfahrer. Zweifellos hat er noch viel mehr Geschichten auf Lager, für die es ein nächstes Buch bräuchte. Doch manchmal ist das Schreiben lästig: wenn die Krankheit in die Finger kriecht. Dann bleibt der die linke Hand auf dem "A" der Computertastatur hängen und die rechte auf dem "L". Das ist die Grundstellung beim Zehnfingersystem. Vielleicht müsste er auf die mechanische Schreibmaschine umsatteln. Jedenfalls sollte er nicht aufhören zu schreiben, wo er gerade angefangen hat.

Fredl Fesl: Ohne Gaudi is ois nix. Volk-Verlag, München 2015. 224 Seiten, 19,90 Euro.

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