Süddeutsche Zeitung

Gerhard Polt:"Kann man mehr sagen als Dankschön?"

Bei der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises warten alle auf den Ehrenpreisträger Gerhard Polt. Und der bringt viele zum Staunen.

Passt scho", sagt Gerhard Polt, nachdem er sich das Schauspiel eine halbe Minute angesehen hat. Der Ehrenpreiträger beim Bayerischen Fernsehpreis steigt auf der falschen Seite aus der Limousine, geht am roten Teppich vorbei, wird allerdings sofort von einer Zwanzigschaft Fotografen umringt, die ihn wild blitzend zurückdrängt, bis der Mann mit dem gütigen Blick zu einem Mann mit einem spöttischen Blick wird, was bei einem Kabarett-Profi fast gleich aussieht. Passt schon also, "wunderbarrr" schiebt er nach und springt über ein Mini-Mäuerchen auf den roten Teppich, über den am Freitagabend bis dahin schon jede Menge Gäste aus der Filmbranche gelaufen sind. Die Frauen steigen dabei genial gestylt aus den Shuttle-Wagen, werden vom Sturm erfasst, und ehe sie einen Satz ins erste Mikrofon sagen können, ist die Frisur hinüber.

Tatort-Darsteller Miroslav Nemec streicht seiner Frau Katrin, die auch zu den Preisträgern des Abends gehört, sehr aufmerksam die Haare aus dem Gesicht, ehe er einer Journalistin für eine langweilige Frage "die blaue Karte!" zeigt, es ist die weiße Eintrittskarte, die er sich dann an die Stirn klatscht. An einem Abend, an dem der Meister der Alltagssatire ausgezeichnet wird, ist leichter Gagaismus der Gäste einfach nur angemessen.

Moderator Tom Buhrow nennt Polt einen "Klassetypen", Darsteller Armin Rohde steht nickend neben ihm. Rohde, selbst auch schon mit dem Fernsehpreis ausgezeichnet, ist an diesem Abend "ganz entspannt", er ist nicht nominiert. So entspannt, dass er jede Antwort mit einem "Joooaaa" beginnt. "Jooa, heute morgen war in München Sommer, jetzt ist Hagel."

Es ist das Pech der anderen Preisträger wie Devid Striesow oder Sonja Gerhardt, im gleichen Jahr wie Polt ausgezeichnet zu werden, zumal der Ehrenpreis diesmal nicht am Ende, sondern in der Mitte der Verleihung vergeben wird. Egal, ob Nemec eine berührende Dankesrede auf den todkranken Musiker hält, den sie in ihrer Dokumentation bis zu seinem Tod begleiten durfte, oder Thomas Gottschalk den Autor der Dietl-Doku Lars Friedrich ehrt. Alle fiebern dem Auftritt des Ehrenpreisträgers entgegen.

Zunächst versucht Kabarettist Hannes Ringlstätter noch erfolglos, humoristisch bei einem Publikum zu punkten, das auf Polt wartet. Wie eine Filmdiva steht dann Ilse Aigner im Glitzerkleid am Rednerpult und punktet. Das habe Polt sich nicht erträumen lassen, dass er mal von der Staatsregierung geehrt wird, sagt sie und Polt setzt ein gütiges Lächeln auf. Aigner zitiert Polt: "Kein Mensch hier bei uns in Bayern wird gezwungen, eine Minderheit zu sein." Pause, sie muss lachen. "Jeder hat das Recht, sich zur Mehrheit zu bekennen." In Aigners Laudatio ist so eine ehrliche Bewunderung zu spüren, dass sie richtig gut gelingt. Als Gerhard Polt dann auf die Bühne kommt, stehen die knapp 1000 Gäste im Saal schon längst.

Horst Seehofer über Gerhard Polt

"Seine Kunst liegt in der Zuspitzung des Alltäglichen, er steigert die Absurdität seiner Figuren derart, dass uns dadurch ein tiefer Einblick in die menschlichen Beweggründe möglich wird."

Polt steht da, im Jubel, den Panther mit seiner gewaltigen rechten Handpranke hochgereckt. Dann sagt er: "Dankschön", dreht sich zu Aigner um und fragt: "Kann man mehr sagen als Dankschön?" Doch dann ist die Rührung überwunden, die Rampensau übernimmt. "Mir hat mal einer gesagt, man soll immer eine Dankesrede dabei haben", sagt er und holt einen zerknitterten Zettel aus dem Sakko. Es ist die Erforschung des Ausrufs "Öha". Das sei der wahre Ausruf der Überraschung, "etwas retardiert, fast ein Ähaa. So klingt es, wenn ich über ein Kind stolpere." Nemec und Rohde hören diesem fulminanten Hintersinn mit offenen Mündern zu. "Aha?", sagt Polt leicht genäselt. Und "So soo?" leicht runtergezogen. Oder "A geh?" Nein, das sei alles nur gespielte Überraschung. "Öha!" habe er gemacht, als er von dem Preis erfahren habe.

Dass die Gäste, als Polts Pranke den Zettel wieder wegstopft und auf seinen Platz geht, mit tosendem Applaus reagieren, ist dann gar keine Überraschung, eher so ein "So soo".

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SZ vom 20.05.2017/eca
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