Auswirkungen der Kälte Todesflug der Mauersegler

Autofahrer fühlen sich an einen Hitchcock-Film erinnert: Wegen der Kälte fliegen einige Vögel extrem tief - und krachen reihenweise in Autos. Die Polizei greift zu ungewöhnlichen Mitteln.

Von Wolfgang Wittl

Wer am Samstag auf der Bundesstraße 388 von Passau in östlicher Richtung unterwegs war, der zog unwillkürlich seinen Kopf ein, auch wenn er in einem Auto saß. Schwärme von Vögeln kreuzten in aberwitzigem Tempo die Fahrbahn, teilweise in nicht einmal einem Meter Höhe.

Dutzende Tiere bezahlten das waghalsige Flugmanöver mit dem Leben, weil sie mit den Fahrzeugen kollidierten. Bei der Passauer Polizei gingen jedenfalls gleich mehrere Notrufe von erschrockenen Autofahrern ein, die sich offenbar an einen Hitchcock-Film erinnert fühlten.

Es geschehe nicht zum ersten Mal, dass die Vögel gehäuft in dieser Gegend auftauchten, "doch so extrem wie jetzt war es noch nie", sagt ein Polizeisprecher. Gudrun Dentler, die Kreisvorsitzende des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), hat für dieses Phänomen eine Erklärung.

Die Tiere - vorwiegend Mauersegler und Schwalben - befänden sich auf der sogenannten Wetterflucht. Aufgrund der kühlen Witterung seien sie auf Nahrungssuche. Mauersegler legten dafür Hunderte Kilometer zurück.

Das Gebiet an der B 388 ist offensichtlich besonders ertragreich in diesen kalten Tagen. Es liegt in unmittelbarer Nähe zur Donau, wo sich derzeit viele Wasserinsekten zur Eiablage und Paarung träfen, wie die Vogelschützerin sagt. Schlüpfende Fliegen ergänzen das derzeit spärliche Nahrungsangebot. "Die Mauersegler kommen hierher, um zu überleben" - und finden stattdessen den Tod.

Da der Uferbewuchs an dieser Stelle breitflächig abgeholzt worden sei, hätten die Vögel kein natürliches Hindernis mehr und zögen in hohem Tempo auf die Straße. Mauersegler erreichen im Sturzflug eine Geschwindigkeit von etwa 200 Stundenkilometern. Selbst wenn sie an der Donau nur halb so schnell sind, bleibt Autofahrern keine Zeit zu reagieren.

Ein wenig Besserung brachte immerhin die Sofortmaßnahme der Straßenmeisterei. Auf Veranlassung der Polizei stellte sie noch am Samstag ein Warnschild auf, versehen mit dem handschriftlichen Hinweis: "Vögel". Ein Tempolimit in diesem Abschnitt gibt es nicht, als Höchstgeschwindigkeit sind 100 Kilometer pro Stunde zugelassen.

Nicht wenige Autofahrer waren in den vergangenen Tagen freilich im Schritttempo unterwegs: zum einen wegen der tollkühnen Flugeinlagen, zum anderen wegen der bereits verendeten Tiere, die in beträchtlicher Anzahl die Straße säumten. Allein am Montag kamen laut Angaben der Straßenmeisterei Hauzenberg bis zum Nachmittag etwa 35 Vögel zu Tode, am Wochenende dürfte die Zahl weitaus höher gelegen haben.

"Es sind kluge, wilde Vögel"

Wie lange das Verkehrsschild dort stehen bleibt, hängt nun vom Wetter ab. "Ich fürchte, die Vögel werden noch eine Zeit lang an der Donau unterwegs sein", sagt Vogelschützerin Dentler. Erst bei wärmeren Temperaturen würden sie wieder Nahrung in höheren Lagen finden. Normalerweise sei Mauerseglern eine Lebenserwartung von 20 Jahren beschieden.

Dentler hat im vergangenen Jahr selbst 40 Mauersegler groß gezogen, sie weiß daher: "Es sind kluge, wilde Vögel" - leider allerdings auch ziemlich hungrige.