Die Fotografen der Stiftung Dein Sternenkind erhalten oft Rückmeldungen von Eltern, die ihr Kind verloren haben. Wenn sie alarmiert werden, fahren sie in Krankenhäuser, um Kinder zu fotografieren, die vor, während oder zeitnah nach der Geburt sterben – sogenannte Sternenkinder. „Wir sind so dankbar“, das hören die Fotografinnen oft, weil die Bilder Erinnerung ermöglichen, weil die Familien ihre Kinder kurz, aber intensiv kennenlernen dürfen. „So herzzerreißend die Bilder aktuell noch sind“, haben einmal Eltern geschrieben, die ihr Kind in der 25. Schwangerschaftswoche verloren haben, „sind sie zugleich unser größter Schatz“.
Knapp 5000 solcher Bilder der Stiftung von ehrenamtlichen Fotografen sind vergangenes Jahr entstanden, das Angebot ist kostenlos für Eltern. Im Familienstützpunkt Aichach und anschließend an der Berufsfachschule für Pflege an der Wertachklinik Bobingen sind nun einige der Bilder ausgestellt, die, wie eine Fotografin mal gesagt hat, nicht den Tod, sondern sehnlichst erwartetes Leben zeigen – und so die Dienste der Stiftung bekannter machen sowie das Thema weiter aus der Tabuzone holen sollen.
„Welches Ziel verfolgen wir damit?“, das hat sich Christine Neukäufer gefragt, die Leiterin des örtlichen St. Afra Hospiz, als sie die Räume für die Ausstellung bereitstellen sollte. Allerdings war sie schnell überzeugt, weil so viele Familien betroffen sind. Experten schätzen, dass mindestens jede fünfte Schwangerschaft in Deutschland vorzeitig endet. Genaue Zahlen gibt es nicht, nur gestorbene Kinder über 500 Gramm oder nach der 24. Schwangerschaftswoche gehen in die Statistik ein.
Das Erinnern, sagt Neukäufer, sei wichtig, um zu verinnerlichen, dass es real war – das Kind, und das, was geschehen sei. Es sei hilfreich, „das erste und das letzte Bild“, wie es bei der Sternenkind-Stiftung heißt, in der Schublade zu haben, wenn einen die Sehnsucht übermannt. Wie den Schwangerschaftstest, ein Ultraschallbild oder vielleicht auch die Erinnerung an einen Tritt in den Bauch, so formuliert es auch die Mitorganisatorin der Ausstellung Nicole Kessler von der Sternenkinder-Initiative Meitingen.

Vor zwölf Jahren gründete Kai Gebel, Vater von sechs Kindern, die Stiftung. Seit 2016 steigen die Anfragen rasant: Damals waren es 330 Einsätze, heute sind die 700 Fotografinnen und Fotografen von Dein Sternenkind nicht nur deutschlandweit, sondern auch in Österreich oder Südtirol unterwegs. Die Stiftung wurde 2017 mit dem Deutschen Engagementpreis ausgezeichnet. Im Jahr 2021 erhielt Gebel, der inzwischen gestorben ist, das Bundesverdienstkreuz am Bande. Die Bilder, sagt die Fotografin Andrea Göppel, seien ein Türöffner für eine kurze, aber intensive gemeinsame Familienzeit.
Göppel ist professionelle Fotografin, für die Stiftung arbeitet sie wie alle Kolleginnen und Kollegen ehrenamtlich und kostenlos. Sie sagt: „Ich habe 40 Jahre Berufserfahrung, aber das sind meine wichtigsten Bilder.“ Sie wird durch Hebammen, Eltern, Freunde oder Verwandte über die Stiftung alarmiert, wenn in Augsburg ein Einsatz angefragt wird. Kann sie den Auftrag übernehmen, nimmt sie Kontakt zu Klinik und Eltern auf. Manchmal, sagt Göppel, brächten es Eltern nicht übers Herz, ihr gestorbenes Kind zu sehen, freuten sich aber später über Bilder. Manchmal lägen Bilder bei betroffenen Familien lange Zeit in der Schublade, bis Mütter oder Väter die Kraft haben, sie anzusehen. Aber spätestens, wenn die Erinnerung verblasst, so weiß Göppel aus Rückmeldungen, seien die Fotos hilfreich.
Dabei gehe es gar nicht allein um die Bilder. Viele Eltern bestätigen, dass der Einsatz der Fotografen wichtiger Teil der Trauerarbeit sei. „Eltern haben für die Fotos einmal Gelegenheit, ihr Kind anzuziehen, es vielleicht einmal zu wickeln“, sagt Göppel. „Das ist ein tolles Geschenk.“ Die Fotografen bringen dafür extra Kleidung mit oder Einschlagdecken und kleine Nestchen – und außerdem ein großes Maß an Feingefühl. Falls die Familien keinen Fotografen geholt haben, aber eigene Erinnerungsbilder etwa mit dem Handy gemacht haben, können sie auch diese zur Bildbearbeitung zur Stiftung schicken.
Die Sternenkind-Fotografie, sagt Göppel, gehöre in eine offene Gesellschaft, in der der Tod, die Trauer und das Leid nicht aus dem Leben verbannt werden. 25 bis 30 Einsätze absolviert sie pro Jahr. Sie würde sich wünschen, dass sich noch mehr ehrenamtliche Fotografen finden. Sie müssen dafür keine professionelle Ausbildung haben. Und Göppel würde sich wünschen, dass das Angebot noch bekannter wird, auch in Krankenhäusern, auch unter Hebammen. Manche Eltern könnten sich nicht vorstellen, Fotos ihres gestorbenen Kindes machen zu lassen. „Das muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Manchmal aber brauche es die respektvolle Überzeugungskraft der Belegschaft, trauernden Eltern deutlich zu machen, dass es nur eine Chance gebe für Sternenkind-Fotos.
Die Ausstellung ist am Montag, 3. und 10. Februar von 14.30 - 16 Uhr im Familienstützpunkt Aichach zu sehen. Anschließend an den Wochenenden 15./16. und 22./23. Februar zwischen 14.30 und 17 Uhr in der Berufsfachschule für Pflege an der Wertachklinik Bobingen. Der Eintritt ist frei.


