Ausstellung im Amerikahaus:One, two, gsuffa

Wahlparty zur Präsidentschaftswahl in den USA im Amerika-Haus in München, 2012

Es gibt viele Anknüpfungspunkte zwischen Bayern und den USA.

(Foto: Robert Haas)

Die Bayern haben den Amerikanern den "Spirit of Gemuetlichkeit" beigebracht - und dafür die Pressefreiheit und Buffalo Bill's Wildwest Show bekommen. Doch das ist noch lange nicht alles, wie eine Ausstellung im Amerikahaus zeigt.

Von Hans Kratzer

Am Ende seines Staatsbesuchs im Frühjahr 2002 haben die Berliner dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush eine Lederhose überreicht. Ob Bush das gute Stück an seinen Nachfolger Barack Obama weitergegeben hat, wissen wir nicht. Fest steht nur, dass Obama kürzlich beim G-7-Gipfel in Oberbayern lautstark jammerte: "I forgot to bring my Lederhosen!" Solche Episoden belegen die tragende Funktion der Lederhose im Verhältnis der Großmächte Bayern und Amerika.

Als Obama neulich in Krün fröhlich lachend mitten unter ebenso fröhlichen Gebirglern hockte, war aus dieser Szene gut zu ersehen, wie eng Freiheitsstatue und Freistaat verbandelt sind. Obama biss herzhaft in eine Breze, trank Weißbier und palaverte mit den Einheimischen, als wäre er in Bayern dahoam - was ja auf einen ehemaligen US-Außenminister tatsächlich zutrifft. Die Familie von Henry Kissinger ist 1938 von Fürth nach Amerika emigriert.

Der wichtigste Absatzmarkt für Bayern

Nicht ganz so locker wie Obama in Krün gab sich der ehemalige US-Präsident Harry S. Truman 1956 in München, aber er bekam von Ministerpräsident Wilhelm Hoegner ja "nur" eine Vorlesung über die Frühgeschichte Bayerns serviert. Dies ist einer kleinen Schautafel-Ausstellung im Münchner Amerikahaus zu entnehmen, die sich dem Verhältnis von Bayern und Amerika widmet. Die Präsentation setzt ein im Jahr 1835, in dem der erste Konsul der Vereinigten Staaten in München seine Tätigkeit aufnahm. Er hieß Robert de Ruedorffer und unterrichtete Washington von seinem Büro am Rindermarkt aus über Handel und Wandel im Königreich Bayern.

Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-65) kam der wirtschaftliche Austausch richtig in Schwung. Heute gelten die USA für bayerische Unternehmen als wichtigster Absatzmarkt weltweit. Mehr als elf Prozent der bayerischen Exporte fließen nach Amerika. Die USA sind zudem der größte ausländische Investor in Bayern, mittlerweile sind tausend amerikanische Firmen im Freistaat ansässig. Und der größte Produktionsstandort des Autoriesen BMW steht keineswegs in Bayern, sondern in Spartanburg in South Carolina.

Bayern exportierte im 19. und frühen 20. Jahrhundert aber auch seine Lebensart, als sich nämlich Hunderttausende auf den Weg "ins Amerika" machten. Doch nur wenige fanden dort ihr Glück. Verloren klammerten sich viele Auswanderer an die alte Heimat. Sogar ein Freigeist wie der 1938 emigrierte Dichter Oskar Maria Graf lief in Manhattan ständig mit einer speckigen Lederhose herum. In den Großstädten erwachte damals der "spirit of Gemuetlichkeit", weshalb Amerika mit Oktoberfesten reich gesegnet ist: oans, zwoa, gsuffa - das ist für Wiesnbesucher in Cincinnati, Ontario und Rochester längst ein landesübliches Zeremoniell.

German Handwerk in den USA

Als Europa in Schutt und Asche sank, gründeten Auswanderer und Exilanten drüben erst recht Blaskapellen und Trachtenvereine. Sie nennen sich "The Bavarian Schuhplattlers of Edmonton", klingen jagerisch wie "The Original Auerhahn Schuhplattlers of Miami" oder heben das Alpengefühl hervor wie die "Bergvagabunden Kingston", um nur einige der 80 Vereine aus dem Trachtengau Nordamerika zu nennen. Vom Bayernvirus war auch ein gewisser John Brisben Walker infiziert, der 1911 in den Bergen von Colorado ein Schloss bauen wollte, das wie Neuschwanstein aussehen sollte. Dem in der Münchner Ausstellung gezeigten Plan zufolge hätte es das Fantasieschloss Ludwigs II. an Bombast wohl noch übertroffen, wäre dem Bauherrn nicht das Geld ausgegangen.

Umgekehrt neigten die Bayern schon weit vor der Ära der amerikanisch geprägten Global-Kultur zur Aneignung amerikanischer Lebensart. Das begann schon um 1890, als sogar Mitglieder des bayerischen Königshauses bei Buffalo Bill's Wild West Show auf der Münchner Theresienwiese lauthals jubelten.

Kunsthandwerk made in Germany

Zweifellos hätten die Bayern nach dem Krieg viele Kunstschätze ohne die Hilfe amerikanischer Kunstschutzsoldaten (Monuments Men) verloren. Ein herausragendes Beispiel für Kulturrettung lieferte der US-Offizier John D. Skilton nach der Zerstörung Würzburgs im März 1945. Unter Umgehung des Dienstweges beschaffte Skilton Holz, um die schutzlosen Deckenfresken von Giovanni Battista Tiepolo vor Wind und Regen zu schützen. Damit legte er den Grundstock für den Wiederaufbau der Residenz, die seit 1981 zum Weltkulturerbe zählt. Ähnlich verdienstvoll ist der Beitrag des Amerikaners Benjamin Thompson, der sich in München als Sozialreformer und als Gestalter des Englischen Gartens (1789) hervortat.

Umgekehrt schmückt bayerisches Kunsthandwerk amerikanische Städte. Die Kugelkaryatide des Landshuter Bildhauers Fritz Koenig, die 2001 den Terrorangriff auf die Twin Towers heil überstand, ziert heute den Battery Park in New York. Die Bronzetore für das US-Kapitol in Washington stammen wiederum von der Münchner Erzgießerei Miller, die auch die Bavaria auf der Theresienwiese schuf.

Nicht zuletzt legten die Amerikaner nach dem Krieg die Basis für Presse- und Meinungsfreiheit. Die Süddeutsche Zeitung erhielt am 6. Oktober 1945 als erste bayerische Zeitung der Nachkriegszeit von der amerikanischen Militärregierung eine Lizenz. Somit konnte die SZ zwei Jahre später über einen Plan des US-Außenministers George Marshall berichten, der zum größten Wiederaufbau-Programm der Geschichte wurde. Dieser Marshallplan schuf letztlich die Voraussetzung dafür, dass heute 78 000 Amerikaner in Bayern leben und die Bayern in den USA auch kulturell und sportlich reüssieren - etwa der FC Bayern, der in New York ein Büro unterhält, und die Münchner Firma Arri, der die Academy of Motion Picture Arts and Sciences bereits 18 Technik-Oscars verliehen hat.

Freiheitsstatue und Freistaat. 180 Jahre Bayerisch-Amerikanische Beziehungen, Amerikahaus München, Karolinenplatz 3, bis 2. Oktober, Mo-Fr 10-17 Uhr, Mi 10-20 Uhr

© SZ vom 10.08.2015/vewo
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