Warum bloß hat Fritz Koenig auf seinen Wiesen keine Apfelbäume gepflanzt? Markus Hoffmann versteht das nicht. Zumal der Bildhauer doch Pferde züchtete, sagt der Künstler, der sich intensiv mit dem Lebensraum von Pflanzen und Tieren beschäftigt. Er möchte diese Lücke schließen und in seinem Projekt „Fruitlink Ganslberg“ historische, rotfleischige Apfelsorten in das weiträumige Gelände setzen. Im Moment begnügt er sich aber mit der Skulptur „Urstock“, einem 700 Kilogramm schweren, ausgehöhlten und geflammten Baumstamm.
Später soll er der Bayerischen Urbiene als Heimstatt dienen. Doch derzeit schwebt der schwarze Stamm an einem Hallenkran in der Kugelhalle. Fritz Koenig baute sie 1968, um das Gips-Modell der rund acht Meter hohen „Großen Kugelkaryatide N.Y.“, auch „The Sphere“ genannt, zu realisieren. Damals ahnte noch niemand, wie berühmt das Werk des Landshuter Bildhauers werden sollte. Bis zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stand die Plastik vor dem World Trade Center in New York. Beschädigt, aber weitgehend intakt wurde sie nach dem Einsturz der Türme aus den Trümmern geborgen und 2017 als Teil des 9/11 Memorials im Liberty-Park als Mahnmal wieder aufgestellt.
Die lastende Schwere des Stamms, der über den Köpfen der Besucher pendelt, vertieft eine Klangskulptur von Frank Campoi. Dumpfe Bässe wabern durch die Halle. Campoi und Hoffmann sind zwei der bayerischen Künstler, die gerade auf dem Ganslberg ausstellen. Eingeladen hat sie ihr Kollege Christian Schnurer. Seit einem Jahr macht er sich im Auftrag der Fritz-und-Maria-Koenig-Stiftung darüber Gedanken, wie die ehemalige Wohn- und Arbeitsstätte des Bildhauers am Ganslberg in Altdorf zu reaktivieren ist.
Die Richtung, in die es gehen soll, war für den Münchner Künstler und Kulturmanager schnell klar. „Wir brauchen kein künstliches Leuchtturmzeug, sondern das Anwesen soll bleiben, was es immer war: ein Künstlerhaus.“ Eleganter formuliert steht es in seinem Konzeptpapier. „Kulturpädagogische Projekte aus Schulen, Hochschulen und Erwachsenenbildung sollen gleichberechtigt mit internationalen Residenzprojekten und regionaler zeitgenössischer Kunstproduktion stattfinden“, heißt es dort. Sechs Künstlerinnen und Künstler könnten nach seiner Planung künftig jeweils für einige Wochen auf dem Ganslberg arbeiten. Dazu Ausstellungen, Seminare, offene Ateliers, regelmäßige Workshops für Kinder und Jugendliche.

Neuer Projektmanager für das Anwesen des Bildhauers Fritz Koenig:Wie es auf dem Ganslberg weitergeht
Der Münchner Künstler und Kulturhallenbetreiber Christian Schnurer soll ein Konzept für das Anwesen und Museum des Bildhauers Fritz Koenig entwickeln. Was schwebt ihm vor?
Jetzt ist der Projektleiter erst einmal froh, dass er es geschafft hat, ein Symposium und die daraus resultierende Ausstellung „Heimat deine Sterne“ noch vor der Winterpause zu organisieren. „Als Präzedenzfall sozusagen“, als Beleg dafür, dass es so funktionieren kann, wie er es sich vorstellt. „Dazu musste ich allerdings vielen Leuten ziemlich auf die Nerven gehen.“
Das kann Schnurer, 1971 in Schwandorf geboren und an der Münchner Akademie zum Bildhauer ausgebildet, vermutlich ziemlich gut. Aber was ihn für den schwierigen Job besonders qualifiziert, ist nicht nur seine Beharrlichkeit, sondern seine ansteckende Zuversicht. „Das ist mein Trick“, spöttelt er und erzählt von guten konstruktiven Gesprächen, in denen es – endlich – nicht mehr darum geht, warum man etwas auf gar keinen Fall machen kann, sondern darum, wie etwas zu bewerkstelligen ist. Zweifelsfrei eine große Leistung von Schnurer, denkt man an die mühseligen Diskussionen und Streitereien zurück, die die Koenig-Debatten in Landshut jahrelang prägten.
Während Schnurer Richtung Haupthaus eilt, vorbei am „großen kleinen Leuchten“ von Florian Froese-Peek, einer zauberhaften Lichtinstallation, schwärmt er von der Zusammenarbeit mit den Kollegen und der tollen Atmosphäre. „Genauso stelle ich es mir vor“, sagt er, jetzt mehr in seiner Funktion als Vorsitzender des BBK, und spaziert in den Stallungen durch eine fabelhafte Rauminstallation von Susanne Neumann. Dass der Titel der Ausstellung – ein Zitat des Titellieds aus dem 1941 gedrehten Heinz-Rühmann-Film „Quax der Bruchpilot“ – vor dem Hintergrund der Geschichte eine Herausforderung darstellt, ist Schnurer bewusst und wird im Katalog ausführlich thematisiert.

Noch sind das gemeinsame Arbeiten und Ausstellen aber eine Ausnahme. Erst einmal muss hier nämlich saniert werden. „60 Jahre ist hier nichts gemacht worden“, sagt Schnurer. „Die Schönheit des wilden Weins war wichtiger als eine dichte Regenrinne.“ Entsprechend lang ist die To-do-Liste: Eine neue Heizung ist fällig, das Dach muss gedämmt werden, in den Stallungen nagt der Holzwurm, die Feuerwehrzufahrt fehlt noch und so weiter und so fort. Vielleicht muss Koenigs ehemaliger Swimmingpool als Löschteich wieder instandgesetzt werden – denkmalschutzgerecht natürlich, wie alles hier auf dem Ganslberg.
Auf jeden Fall wird alles viel Geld kosten. Der Freistaat übernimmt 80 Prozent, sagt Schnurer. 20 Prozent bleiben bei der Stiftung, die bekanntlich kaum Geld hat. Und auch nach der Sanierung wird das Künstlerhaus ohne Zuschüsse sein Programm nicht bewältigen.
Viel Arbeit also noch für Christian Schnurer, dessen Stelle bis 2027 aus EU-Mitteln finanziert wird. Nur gut, dass er so optimistisch ist. Wenn auch vieles im Moment noch ein Traum ist, der Konzeptkünstler Peter Kees nimmt als Botschafter von Arkadien im großen Wohnraum den idealen Zustand schon mal vorweg.
Auf die traurigen, leeren Sockel, auf denen einst Koenigs Plastiken standen, sind neue Kunstwerke gezogen. Ein großes verspiegeltes, trashiges „Pegasus-Einhorn“ von Thorsten Mühlbach ist auf den Platz von Koenigs „Rossmensch“ gesprungen. Einen anderen Sockel bevölkern die schneeweißen Marmorskulpturen des Künstlerduos Venske und Spänle. In der Rosshalle dreht sich, umgeben von Geweihen, Tierschädeln und Totenbretter aus Koenigs Sammlung, Jörg Bessers interaktive Plastik „Wir sind das Volk“. Und die Schüler der Mittelschule Altdorf haben die ganze Afrikahalle für sich und ihre gelungenen Exponate.
Ein Pfau spaziert vorbei. Der letzte, der noch auf dem Ganslberg lebt. Früher tummelten sich hier manchmal mehr als 40 Vögel. So viele sollen es nicht mehr werden, sagt Schnurer. „Aber zwei oder drei dürfen es schon sein.“
Heimat deine Sterne, Freitag, 24., bis Sonntag, 26. Oktober, 12 bis 18 Uhr, Künstlerhaus Ganslberg, Altdorf

