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Augsburger Puppenkiste:Der böse Wolf braucht dringend einen Minijob

Augsburger Puppenkiste dreht Werbespot

Mit diesem rosa Ami-Schlitten wird die Geißen-Mutter gleich den bösen Wolf überfahren.

(Foto: Stefan Puchner)
  • Lustige Filme, ernster Hintergrund: Die Augsburger Puppenkiste dreht Werbespots gegen Schwarzarbeit.
  • Auftraggeber ist die Minijob-Zentrale der deutschen Rentenversicherung.
  • Gezeigt werden Szenen mit bekannten Märchenfiguren - mit denen nicht gerade zimperlich umgegangen wird.

Das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein dauert genau 25 Sekunden. Der Wolf, verkleidet als Kindermädchen, klopft an die Tür, die Geißlein lassen ihn nicht herein. Schließlich fährt die Geißen-Mutter vor, in einem großen Ami-Schlitten, und erfasst den Wolf. Humpelnd zieht er von dannen. Die Geißlein rufen ihm hinterher: "Wenn du deinen Minijob angemeldet hättest, wärst du jetzt unfallversichert."

Die Augsburger Puppenkiste hat das Märchen für einen Fernseh-Spot der Mini-Job-Zentrale umgeschrieben und in Szene gesetzt. Bei der Kampagne gegen Schwarzarbeit in Privathaushalten spielen die Figuren des Puppentheaters die Hauptrollen: Am Mittwoch, dem ersten Drehtag, musste sich der Wolf auf Anweisung von Regisseur Fred Steinbach mehrmals überfahren lassen, bis die Szene im Kasten war. An diesem Donnerstag geht es der Hexe beim Zusammentreffen mit Hänsel und Gretel nicht besser.

Die Puppenkisten-Macher um ihren Leiter Klaus Marschall drehen in der ehemaligen Halle eines Ballonwerks im früheren Augsburger Textilviertel. Scheinwerfer strahlen übermannshohe, liebevoll gestaltete Kulissen an. Drumherum wuselt das Film-Team, oben auf der Spielerbrücke hält Melanie Marschall, die Tochter des Leiters und Puppenspielerin in vierter Generation, die Fäden der Geißen-Mutter in der Hand. Bei einer Szene stehen sieben Akteure auf der Brücke. Jeder dirigiert die Bewegungen eines der Geißlein, die um einen Tisch herumsitzen.

Zum vierten Mal arbeitet die Puppenkiste mit der Deutschen Rentenversicherung zusammen, die die Spots für die Mini-Job-Zentrale produzieren lässt. Es sind witzige kurze Filme, die jedoch eine ernste Botschaft vermitteln sollen. In diesem Fall: Haushaltshilfen wie Putzfrauen oder Kindermädchen müssen als Minijobber angemeldet werden. Die neuen Spots werden von April an in der ARD und auch in mehreren Privatsendern in den Werbeblöcken zu sehen sein. Kult sind die in den vergangenen Jahren gedrehten sieben Clips längst im Internet. Sehr gut würden sie angenommen, bestätigt Sandra Piehl, Sprecherin der Rentenversicherung.

"Wir überlegen uns heute genau, ob wir überhaupt noch was fürs Fernsehen machen"

2014 hatte die Puppenkiste mit Schneewittchen angefangen, das sich von den Zwergen ausgebeutet fühlte. Nächstes Jahr ist dann womöglich Rumpelstilzchen dran. Klaus Marschall grinst jedenfalls bei dem Gedanken an die Figur, die so viel hergeben könnte. Er und sein Team schlagen jeweils die Story für die Spots vor. Eine Werbeagentur übernimmt den Feinschliff. So wurde die ursprüngliche Idee, dass der Wolf den Unfall nicht überlebt, etwas entschärft. Für die Kulissen und Puppen sorgen jeweils die Puppenkisten-Profis.

Für das Marionettentheater sind die Spots "ein nettes Nebengeschäft" und "im wesentlichen Eigenwerbung", wie Marschall sagt. Der 56-Jährige hat keinen Marketing-Etat für die trotz ihres Erfolges immer noch auf Subventionen angewiesene Puppenkiste. Sie trifft nach wie vor den Nerv des Publikums: Ihr jüngstes Großprojekt, die fürs Kino adaptierte Weihnachtsgeschichte, lief 2016 in 300 Kinos und zog 100 000 Besucher an, obwohl der Film nur an den Adventssonntagen zu sehen war.

Marschall liebt seine Puppen und kann die im Kinderprogramm laufenden Serien nicht leiden. Schrill und bunt würden den jungen Zuschauern Versatzstücke hingeknallt, die keine Geschichte mehr erzählten. "Für die Entwicklung der Kinder ist das nicht gut", sagt er, das Puppenspiel indes habe das richtige Erzähltempo. Hier müssten Kinder auch ihre Fantasie einbringen. Die mangelnde Qualität des Fernsehens sei auch ein Grund dafür, dass die Augsburger Puppenkiste seit der 2000/2001 produzierten Serie "Lilalu im Schepperland" kaum noch im TV präsent ist. "Wir überlegen uns heute genau, ob wir überhaupt noch was fürs Fernsehen machen", sagt Marschall. Das war jahrzehntelang anders, als Jim Knopf oder das Urmel über den Bildschirm hüpften. Gäbe es nicht die lustigen Spots für die Rentenversicherung, wären überhaupt keine Marionetten mehr im Fernsehen zu sehen.

Immerhin gibt es noch das Kino, das für Marschall nach wie vor attraktiv ist. Deshalb könnte es in diesem Jahr eine weitere Weihnachtsgeschichte geben. "Möglicherweise eine amerikanische Weihnachtsgeschichte" - mehr verrät Marschall nicht.

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