Augsburg/Bilbao Erste Runde Krankenschein

Fanmarsch durch den Regen, halbnackt. In einem Fanbus saß auch Domsingknaben-Tenor Ferdinand Conrad mit seiner Ehefrau.

(Foto: dpa (3), Stefan Puchner)

Augsburger Fußballfans dürfen endlich einmal ins Ausland fahren. Drei Tage ohne Duschen. Ein Kurzprotokoll von der Reise nach Bilbao

Von Stefan Mayr, Augsburg/Bilbao

Manuel aus Westendorf war extra beim Friseur: Oben ist sein Haar blondiert, an der Seite rot-grün-weiß gefärbt. Es ist ein grellbunter Haufen, der sich da am Mittwoch vor der Augsburger WWK-Arena versammelt. 307 Fußballverrückte fahren mit vier Doppeldecker-Bussen nach Bilbao in Spanien, um beim allerersten Europapokal-Spiel des FC Augsburg dabei zu sein. Für zweimal 45 Minuten Fußball klemmen sie sich zweimal 24 Stunden auf ihre Sitze. 3100 Kilometer, drei Tage ohne Dusche, aber mit viel Bier und Gebrüll.

Alle einsteigen ins Soziotop Fanbus, es fahren viele offene Fragen mit. Werden die Fans einen historischen Triumph erleben? Oder eine epochale Lehrstunde? Wird es eine Schlägerei mit Fans von Athletic Bilbao geben? Oder gar mit der spanischen Polizei? Wie viele Alkoholleichen wird es geben? Oder ist das alles nur Klischee, das revidiert werden muss?

Die Männer sind klar in Überzahl. Auf den meisten T-Shirts steht: "In Europa kennt uns keine Sau." Diese Selbstironie hat der Europa-Newcomer FCA sogar auf seinen Teambus gedruckt. Zum Dank an ihre Fans haben die Profis Geld locker gemacht, um vielen Anhängern den Trip zu ermöglichen. 399 Euro kostet der Charter-Flug von Nürnberg (das ist eine ehemalige Europacup-Stadt im Norden Bayerns). Die Busfahrt war dagegen für unschlagbare 54 Euro zu haben , das Ticket für 50 Euro.

Mittwoch, 17.30 Uhr: Die Busse fahren los. Die Reisegesellschaft ist sehr heterogen: Hier der Senior mit kariertem Hemd, der Sudokurätsel löst. Dort der Muskelprotz mit einem Zirbelnuss-Tattoo auf der Wade. Zwei junge Frauen, die ihre Kuscheldecken dabei haben, eine davon mit leuchtendem FCA-Emblem. Der Steuerberater mit Designerbrille, der vier Mitarbeiter beschäftigt und durch den Bus ruft: "Bloß weil ich Steuerberater bin, muss ich noch lange nicht seriös sein." Natürlich hätte er sich auch den Flug leisten können, sagt er. "Aber hier ist die Stimmung viel besser als im Flieger." In Bus 3 sitzt Ferdinand Conrad, Tenor der Augsburger Domsingknaben, mit Ehefrau Johanna. Er singt Choräle und Messen, grölt er auch mit, wenn "Schiri, du Arschloch!" ertönt? Der Dauerkarten-Inhaber schmunzelt und sagt: "Die Stimme darf sich halt net überschlagen." Am Samstag hat er einen Auftritt als Hauptstimme.. "Das ist alles eine Frage der Erfahrung", sagt er.

18.30 Uhr: Bankkaufmann Toni hat Geburtstag und eine Schachtel "Party-Klopfer" dabei. Schnapsfläschchen, bunt und süffig. Die Beschenkten danken dem Spender mit einem "Happy Birthday".

20.30 Uhr. Pinkelpause. Kathi und Yvonne machen die außergewöhnliche Erfahrung, dass sie freien Weg zur Toilette haben, während die Männer in einer langen Schlange stehen. "Diese Fahrt ist so verrückt, da muss man dabei sein", sagt Kathi. Die Mediengestalterin hat extra Urlaub genommen. Die Europapokalreisen nach Bilbao, Alkmaar und Belgrad strapazieren das Urlaubs-Konto der Fans enorm. Dieses Thema haben sie in einem Gesang aufgearbeitet: "Erste Runde Krankenschein, dann die Oma tot/ Überstunden nehmen wir zur Not/Dann kommt die Kündigung - scheißegal/FC Augsburg spielt international." Der Refrain lautet "Europapokaaaaal". Dabei wird an die Fenster geklopft, als gäbe es keine Rückfahrt mehr.

23.35 Uhr. Endlich in Frankreich, allmählich wird es ruhiger. Irgendwann hält auch Geburtstagskind Toni die Schnauze.

Donnerstag, 8.30 Uhr. Pause im französischen Nirgendwo. Das Klischee sagt: Manchmal werden Raststätten gestürmt und Regale geplündert. Doch die Herren stellen sich am Waschbecken in die Schlange, packen die Reisezahnbürste aus und putzen Zähne. Andere achten weniger auf Hygiene. Entsprechend heterogen sind die Duftwolken im Bus. Ansonsten geht alles gesittet zu. Verhältnismäßig.

14.40 Uhr. Der Atlantik ist erstmals in Sicht. Der Bus singt: "Vamos a la playa."

16 Uhr. Ankunft auf der Plaza Federico Moyua im Zentrum Bilbaos. Überall rot-grün-weiße und singende Menschen. Mit dabei der Ex-Bundestagsabgeordnete Alexander Süßmair. Und Manne und Robert in rot-grün-weißen Bermudas. Manne war schon dabei, als der FCA noch gegen Unterhaching II spielte. "Und jetzt Bilbao", ruft Manne, "das ist wie Weihnachten, Ostern und der erste Sex auf einmal."

18.30 Uhr. Der Fanmarsch zum Stadion beginnt. Vorneweg gehen 50 Mann mit nacktem Oberkörper. Im strömenden Regen. Alle brüllen. "Hurra, hurra, die Augschburger sind da." Alte Damen drücken sich ängstlich an die Wand. Die Jüngeren filmen mit ihren Smartphones, Familien winken aus den Fenstern. Einige FCA-ler räumen den Müll der Fans weg. Bierdosen, Plastikbecher, mehrere Kartons voll.

19.20 Uhr: Der Pulk erreicht das leere Stadion. Die Fans stellen fest: "Ohne Augsburg wär' hier gar nichts los." Die Basken tröpfeln erst kurz vor Spielbeginn ins Stadion. Sie filmen die lärmenden FCA-ler wie Wesen vom anderen Stern.

21.05 Uhr. Anpfiff. 1200 FCA-Fans haben Sitzplätze. Keiner sitzt. Jeder singt.

21.19 Uhr. Der FCA macht sein erstes Europacup-Tor. 1:0. Augsburg jubelt, Bilbao staunt. Danach krächzt Thomas aus Untermeitingen: "Egal, was jetzt noch passiert. Das ist das geilste Fanerlebnis meines Lebens." Er sagt: "Ich hab Pipi in den Augen."

22.05 Uhr. Zweite Halbzeit. Bilbao schießt drei Treffer. Nach jedem Tor singen die Augsburger sofort: "Wir stehen treu zu unserm Team, Zusammenhalten, das ist unser Ziel." Bilbao staunt und filmt.

22.55 Uhr. Schlusspfiff. 1:3. Jetzt geschieht einzigartiges. Tausende Bilbao-Fans erheben sich und applaudieren in Richtung FCA-Block. Ovationen von einem Fanlager ins andere, hat es das im Europapokals jemals gegeben? Baskische Männer kommen zum Zaun des Fanblocks und betteln um Schals.

23.08 Uhr. 13 Minuten nach dem Spiel singen die FCA-Fans immer noch. "Wir sind stolz auf unser Team." Eine Handvoll Profis kommt noch mal aufs Feld. Sie werden gefeiert wie Sieger.

23.30 Uhr. Die Party wird in die Straßen verlegt. Mit dabei im feinen Zwirn FCA-Präsident Klaus Hofmann. "Das war gigantisch. Die Fans waren noch besser als die Mannschaft", sagt er. "Im VIP-Raum haben mir die Bilbao-Funktionäre zu unseren Fans gratuliert." In der Bar Campeon gibt es dann noch deutsch-spanische Verbrüderungen. Inklusive Massen-Trikottausch.

Freitag, 2.35 Uhr. Die vier Busse rollen Richtung Augsburg. Die Stimmen sind kaputt, kaum einer spricht. Erst mal setzen lassen, diese magische Niederlage. Ein Europacup-Spiel als Völker verbindendes Event, das könnte stilbildend sein.

14.20 Uhr. Frankreich. Pinkelpause. Rückkehr gegen Mitternacht. "Ich bereue keine Minute", sagt Familienvater Gerald, 54. Keine Zwischenfälle, keine Alkoholleiche. Jedenfalls in seinem Bus nicht. Viele Fans haben die baskische Fahne im Gepäck, die ebenfalls rot-grün-weiß ist. Die Erinnerung an die Nacht von Bilbao wird noch länger durchs FCA-Stadion wehen. Und seit dem 17. September ist der Satz "In Europa kennt uns keine Sau" überholt.