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Wirtschaft:Wie Augsburg wachgeküsst wird

Der Augsburger Baukonzern Walter AG plant am Innovationspark mit dem Innovationsbogen bereits ein ungewöhnliches Büroobjekt.

(Foto: Stefan Mayr/oh)

Lange Zeit litt Augsburg unter Pleiten und dem Wegzug von Unternehmen. Doch nun ergeben sich Chancen: Es gibt viel Platz für Forschung, Start-ups und Dienstleister. Ein Risiko aber bleibt für den Wohnungsmarkt.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Es ist noch nicht lange her, da gab es wieder dieses große Wehklagen, das es in den letzten Jahren öfter gab in Augsburg: Fujitsu schließt seinen großen Standort, war diesmal die Nachricht. Viele Arbeitsplätze standen auf dem Spiel. Man kennt das in der schwäbischen Metropole, die noch immer besonders von der Produktion lebt, wo aber eines dieser großen produzierenden Unternehmen nach dem anderen seine Pforten schließt. Diesmal also Fujitsu, das aber vor der Schließung noch einen ungewöhnlichen Weg gegangen ist: Der Konzern veranstaltete in seinen Hallen eine Jobbörse für seine Angestellten, die so bei anderen Unternehmen unterkommen konnten.

In jeder Krise steckt eine Chance, das war auch damals so: Einige - nicht nur die hochqualifizierten - Mitarbeiter waren sehr begehrt und fanden bald Jobs bei anderen Unternehmen. Und auch das riesige Gelände, das frei wurde, hatte mit der Walter Beteiligungen und Immobilien AG schnell einen neuen Eigentümer. Denn die Chancen bei all den schlimmen Nachrichten rund um Standortaufgaben großer Unternehmen stecken auch in der Entwicklung der Gewerbeflächen. Nachdem Augsburg lange "in einem Dornröschenschlaf' gewesen sei, wie es Peter Wagner, Geschäftsführer der Peter Wagner Immobilien AG ausdrückt, wandelt sich heute das Bild - was das Image, aber auch die Stadtentwicklung anbelangt. Viele moderne Bürofläche für junge Forschungs- und Dienstleistungsunternehmen entstehen. Augsburg sei leidgeprägt, sagt Wagner. "Aber jetzt ist es für die Zukunft stabil aufgestellt, weil sich zukunftsfähige Branchen ansiedeln."

Wagner entwickelt das alte NCR-Gelände am Universitätsklinikum. Der US-amerikanische Registerkassenhersteller hatte einst mehr als 5000 Mitarbeiter. Nun soll dort ein 5500 Quadratmeter großes Büro- und Konferenzzentrum entstehen, später sollen weitere Büroflächen mit einer Gesamtmietfläche von etwa 20 000 Quadratmetern hinzukommen. Es ist ein typisches Projekt, wie es derzeit häufig in Augsburg zu sehen ist: Auf dem ehemaligen Fujitsu-Gelände werden 100 000 Quadratmeter Büro- und Hallenflächen umgebaut, auf dem ehemaligen Gelände des Messerschmitt-Flugplatzes nahe der Universität entstehen auf rund 30 000 Quadratmetern sechs neue Bürogebäude mit einem Parkhaus.

Gleich in der Nähe des Innovationsparks entsteht der "Technology Campus" auf dem ehemaligen Fujitsu-Gelände.

(Foto: Walter AG/oh)

"Die Sparte Produktion bleibt Thema in Augsburg", sagt Andreas Thiel. MAN, Renk, Kuka, sind alle noch da. "Aber Augsburg entwickelt sich weiter." Thiel ist Geschäftsführer bei Regio Augsburg, sein Job ist es, den Wirtschaftsraum Augsburg mit den angrenzenden Landkreisen voranzubringen. Die Krux sei, sagt er, dass in der Stadt die großen, alten Firmennamen die Schlagzeilen beherrschten. Dabei habe es vor Corona zwei Jahre hintereinander Rekordzahlen bei der Beschäftigungsquote zu vermelden gegeben. "Wir kompensieren bei Weitem, was bei den großen Unternehmen über zehn Jahre hinweg abgebaut wurde."

Toni Immobilien entwickelt den Toni Park - mit Fujitsu als Mieter.

(Foto: Toni Immobilien Dr. Krafft KG/oh)

Die Aufwertung des Klinikums zum Universitätsklinikum werde die Stadt verändern. Genauso wie der Innovationspark, in dem sich viele Hochtechnologiefirmen angesiedelt haben. Konversion, sagt Thiel, beherrsche man nach den Umwandlungen der alten US-Militärflächen in Augsburg. Und vor allem aus München kommen viele Interessenten.

Andreas Thiel leitet die Regio Augsburg Wirtschaft GmbH, die sich für die Stadt und den Landkreis Augsburg sowie Aichach-Friedberg um die Wirtschaftsförderung kümmert.

(Foto: Regio Augsburg)

Das ist ein Aspekt, den auch das Wirtschaftsreferat der Stadt beobachtet hat: attraktive Flächen, moderne Neubauten, dazu deutlich geringere Mieten als in der großen Nachbarstadt: Check24, Webasto Group, einige Firmen mit Standort München haben in Augsburg eine Dependance eröffnet oder sind gleich übergesiedelt. "Die Kombination aus Produktion und Dienstleistung macht Augsburg zu einer Chancenregion", sagt Wirtschaftsreferent Wolfgang Hübschle. "Vor zehn Jahren war Augsburg völlig uninteressant. Aber die letzten Jahre gab es einen massiven Aufschwung", sagt Andreas Lesser, der mit seinem Unternehmen Toni Immobilien den sogenannten Toni Park entwickelt. Das lohnt sich, so sehr, dass er nicht einmal davor zurückschreckte, die Altlasten auf dem ehemaligen Messerschmitt-Flugplatz zu entfernen: 110 000 Tonnen belasteter Untergrund mussten auf Deponien verbracht werden.

Weil die Preise in München und Stuttgart explodiert sind, bewegt sich nun auch in Augsburg einiges. Die Stadt habe eine günstige geografische Lage, sagt Jürgen Kolper von der Walter AG. "Das eine oder andere aus diesen Märkten ist zu uns rüber geschwappt." Vor allem im Gesundheitsbereich, findet Andreas Thiel, könne Augsburg München bald Paroli bieten, weil dieser in der Landeshauptstadt nur eine Sparte unter vielen sei. Kolper erkennt für den Augsburger Markt vor allem eine hohe Nachfrage nach modernen Neubauten, weil viele Bestandsgebäude in der Stadt 30 bis 40 Jahre alt seien. Dass die Stadt mehr und mehr ihr Gesicht verändert, sieht der Immobilienexperte positiv: Augsburg, sagt er, kenne Veränderungsprozesse. "Während es in den Achtzigerjahren beim Niedergang der Textilwirtschaft aber keinen Plan B gegeben hat, ist die Stadt jetzt mit Universität, Uniklinikum und jungen Firmen viel besser aufgestellt."

Nur bei einem, da sind sich alle einig, muss die Stadt aufpassen: Dass die Entwicklung des Wohnraums mit der rasanten Entwicklung der Gewerbeimmobilien Schritt hält. Die Mieten sind nicht so teuer wie in München, aber sie ziehen stark an die letzten Jahre. "Wenn die Entwicklung so weitergeht, laufen wir in einen Bedarf an Wohnungen hinein", sagt Thiel. Er setzt auf unter anderem auf die groß geplante Bebauung in Haunstetten Südwest, wo eine Art neues Stadtviertel entstehen soll. 10 000 Menschen sollen dort einmal wohnen. Baureferent Gerd Merkle weist darauf hin, dass die Stadt dazu alleine seit Mai 2020 Bebauungspläne mit mehr als 6500 Wohneinheiten auf den Weg gebracht hat, die mittel- bis langfristig realisierbar sind. All die Forscher, Mitarbeiter von jungen Start-ups und Ärzte im Augsburg der Zukunft wollen ja irgendwo unterkommen.

© SZ vom 08.06.2021/vewo
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