Süddeutsche Zeitung

Wirtschaft:Augsburg brummt

Zwar bauen Großunternehmen wie Premium Aerotec massiv Stellen ab, aber die Wirtschaft ist stark und es herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Das liegt an den dem breiten Branchenmix und den zahlreichen Mittelständlern, die oft händeringend nach Fachkräften suchen

Jürgen Filsinger arbeitet im Augsburger Technologiepark bei der Fraunhofer-Einrichtung für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik, und was der Ingenieur dort genau macht, klingt in etwa so kompliziert wie der Name seines Arbeitgebers: Zum Beispiel ist er an der Herstellung von Hubschrauber-Rotorblättern beteiligt, die aus Carbon gefertigt sind. Er kann exakt erklären, wie die Rotorblätter geformt werden müssen, damit so ein Hubschrauber tatsächlich abhebt, aber um diese Details geht es eigentlich gar nicht. Es geht vor allem um den Werkstoff, um das Carbon selbst, denn das steht seit dieser Woche in Augsburg für Innovation, Zukunftsfähigkeit und überhaupt dafür, dass vieles besser wird.

Die Staatsregierung hat vorbeigeschaut am Montag, in Gestalt von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW), und große Worte sowie ein millionenschweres Geschenk mitgebracht: 20 Millionen Euro pumpt die öffentliche Hand in den nächsten Jahren in Projekte vor allem für die Luft- und Raumfahrt, der Werkstoff Carbon soll im Mittelpunkt der Forschungen stehen. Weitere 20 Millionen Euro kommen von verschiedenen Unternehmen. Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) spricht von einem wichtigen Impuls, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Er sagt aber auch: "Das ist keine Maßnahme, um Not zu lindern, sondern eine Investition in die Zukunft." Denn dass vieles besser werden müsste, trotz all der schlechten Nachrichten bei einigen großen Unternehmen der Region, das ist überhaupt nicht notwendig, im Gegenteil - da sind sich Augsburger Wirtschaftsexperten einig.

Tatsächlich dominieren immer wieder die Hiobsbotschaften, wenn vom Augsburger Wirtschaftsstandort die Rede ist: Beim Luftfahrtzulieferer Premium Aerotec könnten mehr als 1000 Arbeitsplätze wegfallen. Der Roboterbauer Kuka muss einsparen, der IT-Konzern Fujitsu streicht Stellen, der Leuchtmittelhersteller Ledvance hat sein Werk bereits dichtgemacht. Und dennoch herrscht nahezu Vollbeschäftigung in der Stadt und in den Landkreisen Augsburg und Aichach-Friedberg, weniger Arbeitslose gab es laut Arbeitsagentur zuletzt Anfang der Neunzigerjahre kurz nach der Wiedervereinigung. Und bei der neuesten Konjunkturumfrage der schwäbischen Industrie- und Handelskammer (IHK), die am Montag vorgestellt wird, nennen die Unternehmen wieder den Fachkräftemangel als größte Herausforderung. "Der Wirtschaftsraum", sagt Sprecher Thomas Schörg, "hat sich in den letzten Jahren extrem gut entwickelt."

Erik Lehmann, Professort für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Augsburg, kann erklären, wieso die öffentliche Wahrnehmung des Standorts Augsburg manchmal so drastisch von der insgesamt eigentlich positiven Entwicklung abweicht: "Wenn eines der großen Unternehmen schwächelt, beherrscht das die Nachrichten." Sogenannte Hidden Champions, die in ihren Sparten weltweit konkurrenzfähig sind, stehen dagegen selten im Blickpunkt: Washtech ist so ein Beispiel, der Weltmarkführer für Autowaschanlagen hat seinen Sitz in Augsburg. Oder das Start-up Secomba, das sich auf Verschlüsselungstechnik spezialisiert hat und zeigt, wie sehr die Stadt inzwischen auch zu einem beliebten Ort für Gründer geworden ist - der Infrastruktur mit der Autobahn A 8 und der Bundesstraße 17 nach Süden zur A 96 sowie der immer noch deutlich geringeren Mieten im Vergleich zu München sei Dank.

Das Rückgrat der Augsburger Wirtschaft bildet der Mittelstand, da ist sich Lehmann einig mit IHK, Oberbürgermeister Gribl und dem Geschäftsführer der IG-Metall Augsburg, Michael Leppek. Die Stadt habe einen breiten Mix aus Branchen und Firmen, anders als etwa Ingolstadt. Wenn Audi dort Probleme hat, leidet die gesamte Region. "So etwas kann uns hier nicht passieren", sagt Lehmann. Wenn die großen Unternehmen Stellen abbauten, seien das keine guten Nachrichten. Die frei gewordenen Arbeitskräfte könnten den Mittelständlern aber helfen, den Fachkräftemangel zu kompensieren. Auch OB Gribl spricht von einem "aufnahmefähigen Arbeitsmarkt" und davon, dass der Arbeitsplatz bei einem Mittelständler sogar sicherer sein könne als der bei Kuka oder Fujitsu, die von Konzernzentralen in fernen Ländern gesteuert werden und deshalb eben auf Augsburger Belange im Zweifel kaum Rücksicht nehmen. Leppek von der IG Metall warnt allerdings, dass Facharbeiter tatsächlich nicht lange auf der Straße stehen werden. Ungelernte Arbeiter jedoch kämen oft nur zu deutlich schlechteren Bedingungen bei Mittelständlern unter. "Da fehlen dann die Schichten oder die Nachtarbeit, die bei den großen Unternehmen das Gehalt auf ein vernünftiges Niveau heben."

Doch auch Leppek hebt den Branchenmix in Augsburg hervor und vergleicht die aktuelle Situation mit der in den Achtzigerjahren: Damals ging die Textilindustrie nieder, viele Menschen verloren ihre Arbeitsplätze. "Aber die Stadt hat den Strukturwandel geschafft." Auch jetzt seien viele Unternehmen dabei, auf Digitalisierung umzustellen. "Was uns dabei stark macht: Man kennt sich, und es gibt keine Berührungsängste", sagt Leppek. Tatsächlich ging die Initiative für das 40 Millionen Euro schwere Forschungsprogramm zu Carbon und Leichtbaustoffen nicht von der Staatsregierung aus. Arbeitsagentur, IHK, Gewerkschaftsbund und Handelsverbände hatten sich auf Einladung der Stadt an einen Tisch gesetzt, die Idee zu der Initiative entwickelt und dann in München vorgestellt. Das Programm helfe, sagt Thomas Schörg von der IHK, dass "Augsburg keine verlängerte Werkbank wird, sondern im internationalen Vergleich selbst Innovationen vorantreibt." Laut Leppek ist es "relativ einmalig, dass alle so zusammenarbeiten". Er macht sich deshalb auch für die Zukunft keine Sorgen um die Stadt.

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SZ vom 16.05.2019
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