Was können Heilige den modernen Menschen noch sagen? Heilige galten in weniger säkularen Zeiten als viel beachtete Patrone und „Role Models“ und das noch viele Jahrhunderte über ihren Tod hinaus. So stand der Heilige Ulrich von Augsburg – Sanctus Uodalricus (Uodalrih im altdeutschen) – beispielsweise seit jeher im Ruf, bedrängten Menschen bei Fieber, Ungeziefer-, Ratten- und Mäuseplagen sowie bei Überschwemmungen und Sturmfluten zur Seite zu stehen.
Aus Anlass des Doppeljubiläums des Bistumspatrons 2023 (sein 1100. Weihejahr und sein 1050. Todestag) sollte diesem im Augsburger Mariendom mit etwas Bleibenden, in Gestalt eines Ulrichsfensters gedacht werden. Es wurde ein Wettbewerb ausgelobt, zu dem nur Künstlerinnen eingeladen wurden. Anders als beispielsweise bei der Gestaltung des großen Querhausfensters durch Gerhard Richter im Kölner Dom bestanden die Augsburger Auftraggeber darauf, dass das neue Ulrichsfenster nicht nur dekorativen oder spirituellen Charakter trägt, sondern inhaltlich klaren Bezug zur Vita des Bistumsheiligen herstellt.
Die Künstlerin Celia Mendoza aus Fürstenfeldbruck hat sich bei dieser Ausschreibung gegen internationale Konkurrenz mit ihrem Entwurf durchgesetzt. Ihr Fenster, das die Legende des Bistumsheiligen Ulrich in eine abstrakte Formensprache übersetzt, steht damit in nächster Nachbarschaft zu kunsthistorisch bedeutsamen Kunstwerken europäischen Ranges. Das reicht vom rund 900 Jahre alten romanischen Propheten-Zyklus, der als früheste erhaltene Glasmalerei überhaupt gilt, bis zum erst 2010 entstandenen Parousie-Fenster des zeitgenössischen Glaskünstlers Johannes Schreiter.
Ulrich wurde im Jahre 890 an einem nicht näher bekannten Ort in Schwaben geboren. Er gilt neben seiner Eigenschaft als Schutzheiliger auch als eine gut dokumentierte historische Persönlichkeit. Als früher Gründer, Bischof und Reichsfürst der Diözese Augsburg spielte er eine wichtige Rolle in der europäischen Geschichte, die mit seinem tatkräftigen Einschreiten bei der bedeutsamen Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955 (also vor 1070 Jahren) kulminierte.
Ulrich gelang es damals, die Stadt Augsburg gegen eine heranrückende Übermacht ungarischer Reiterheere so lange zu verteidigen, bis schließlich König Otto I. mit einem Heer der vereinten deutschen Stämme für die Entscheidung sorgte und die Ungarn vernichtend schlug. Die Legende erzählt, dass Ulrich, mit dem Schwert in der Hand und mit umgehängter Stola, im Kampfgewühl das siegzwingende Kreuz (crux victorialis – später zum Ulrichskreuz stilisiert) aus Engelshänden erhalten habe.

Die Geschichte des bereits 993 nach Christus, also 20 Jahre nach seinem Tod heiliggesprochenen Bischofs ist eng mit dem, in der heutigen architektonischen Gestalt hochgotischen, Augsburger Mariendoms verbunden, fand aber dort in der bildnerischen Darstellung dort erstaunlich wenig Niederschlag.
Das hat sich nun geändert. Als Ort bot sich das westlichste Fenster im südlichen Seitenschiff an. Hier kann moderne Glaskunst einen eleganten Übergang zum farbenprächtigen hochgotischen Salomofenster im Querarm herstellen. Das rahmengebende Fenster selbst ist spitzbogig und durch ein schlichtes, spätgotisches Masswerk gegliedert.



Für Celia Mendoza, in Philosophie promovierte Künstlerin aus Fürstenfeldbruck, war die Vorgabe, einen Bezug zum Leben des Bistumsheiligen herzustellen, eine besondere Herausforderung. Die Malerin (um Kategorisierungen zu vermeiden, will sie sich selbst nicht als Glaskünstlerin bezeichnen) hat bei Jerry Zeniuk an der Münchner Kunstakademie studiert und sich dort eine Stilsprache angeeignet, die man gemeinhin als abstrakt, also gegenstandslos charakterisiert. Ihr ging es darum, ihrer eigenen Stilsprache treu zu bleiben, andererseits der narrativen Anforderung gerecht zu werden.
Die für den Wettbewerb ausgewählten Künstlerinnen wurden in vorbereitenden Kolloquien mit der Thematik vertraut gemacht. Der Anspruch bestand darin, ein Werk des 21. Jahrhunderts zu schaffen, das sich in seiner künstlerischen Qualität in die Reihe der vorhandenen Glaskunst einfügt. Als Gegenpol zu bisher vorherrschenden Bildtradition der Lechfeldschlacht sollten auch biografische Ereignisse thematisiert werden, zu denen es bislang noch kaum künstlerische Darstellungen gibt: die Verbindung des jungen Ulrich zur Sankt Galler Märtyrerin Wiborada (gestorben 926), sein Besuch des gelähmten Einsiedlers Ruozo in Kempten, die Armenspeisungen in Augsburg sowie seine Rolle als Friedensstifter im Familienkonflikt zwischen Otto I. und dessen Sohn, die den Frieden von Illertissen (954) herbeiführte.
Die Künstlerin entschied sich für eine Art Zeichen- und Symbolsystem, das bei näherer Betrachtung leicht zu dechiffrieren ist.
Celia Mendoza entwarf somit ein Kunstwerk, das Gegenstandslosigkeit und narratives Erzählen auf eine interessante Weise miteinander verknüpft. Die Verbindung zum Himmel wird im Mittelteil des Fensters durch einen hellen Strahl charakterisiert. Das Ulrichskreuz als legendäres Symbol des Heiligen erinnert an sein segensreiches Wirken. Das Fenster selbst ist überwiegend mattiert, sandgestrahlte Gravuren stehen für die ornamental wirkende Symbolik; dazu wurden in einer besonderen Laminiertechnik einige Echt-Antik-Gläser aufgesetzt – im Wechsel mit dichroitischem Glas, einer Art metallischer Bedampfung, wodurch die Glasstücke ein kaleidoskopartiges Schillern erzeugen können.
Celia Mendoza ging an die ihr gestellte Aufgabe nicht voraussetzungslos heran. Schon 2007, während ihres Studiums an der Münchner Kunstakademie, erlernte sie in der Glaskunst-Werkstatt von Thierry Boisel die technischen und gestalterischen Besonderheiten der Materie. Rund ein Dutzend größerer Aufträge hat sie bislang realisiert. „Das Wichtigste“, so Celia Mendoza, „ist es zu wissen, wie farbiges Licht funktioniert, und gleichzeitig ein Gefühl dafür zu bekommen, was der Raum braucht. Glasgestaltung wirkt immer in das Räumliche hinein.“
Felix Landgraf, Kunstbeauftragter der Diözese und passionierter Mentor des Glasfenster-Projektes, führt die Besucher gerne an eine Stelle im Dom, von der man aus die Gesamtheit der 900 Jahre alten Augsburger Glaskunst in ihrem harmonischen und kontinuierlichem Zusammenwirken betrachten kann: die romanischen Propheten im Obergaden, das hochgotische Salomo-Fenster im Querschiff, die Schöpfungen der klassischen Moderne (Josef Oberberger und Johannes Schreiter) im Osten und Westen und schließlich das jüngste, das Ulrichsfenster von Celia Mendoza im Süden. Dabei wird klar, dass der Augsburger Mariendom nicht nur ästhetisch ein Gesamtkunstwerk ist, sondern auch inhaltlich eine vielschichtige Botschaft verkörpert. Man benötigt sicherlich etwas Zeit, um deren Komplexität zu erfassen. Ein Kirchenraum ist eben nicht nur museales Relikt, sondern im Verständnis der katholischen Kirche auch Positionierung im Inhalt.
Wie Landgraf betont, wurde Mendoza nicht nur deshalb ausgewählt, weil man jüngeren Künstlerinnen eine Chance geben wollte, sich zu präsentieren, sondern weil sie alle Voraussetzungen mitbrachte, technisch ebenso wie intellektuell, um der ihr gestellte Aufgabe gerecht zu werden. Für die Künstlerin bedeutete die Auseinandersetzung mit der Vita des Heiligen Ulrich eine Begegnung: Eine starke Persönlichkeit, die wirken wollte, im Spannungsfeld zwischen weltlichen Aufgaben und spirituellem Anspruch, zwischen Krieg und Frieden, zwischen Macht-Gestus und Demut.
Vielleicht ist es das, wovon uns heilige Männer und Frauen auch heute noch berichten können. Das Glasfenster von Celia Mendoza kann dafür als Leitfaden dienen. Zur Einweihung des Fensters ist eine gedruckte Broschüre erschienen, die es den Besucherinnen und Besuchern ermöglicht, die Ulrichslegende nachzulesen und den Erzählfluss der Glasfenster zu entziffern.

