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Augsburg:Ein Schlag gegen die Stadt

Oberhausen liegt im Norden der Stadt Augsburg und hat 15 000 Einwohner. Viele Menschen hier leben in Armut.

(Foto: Florian Fuchs)

Die tödliche Attacke auf dem Augsburger Königsplatz löste Entsetzen in ganz Deutschland aus. Die Suche nach den Ursachen für die Gewalttat führt nach Oberhausen - ein Viertel, in dem in vielerlei Hinsicht Armut herrscht.

Es ist gerade mächtig laut im Jugendzentrum H2O im Augsburger Stadtteil Oberhausen. Sabine Fischer und Paul Waninger sitzen in einem Büro, links ein Schreibtisch mit Computer, rechts hängt eine Pinnwand. In einem anderen Raum bolzen ein paar Kinder, der Ball knallt gegen die Wände, immer wieder, bum, bum, bum. Waninger, Streetworker, sagt: "Keiner ist plötzlich gewalttätig, weil er viel draußen rumhängt. Das ist ein langer Prozess." Bum. Er sagt auch: "Wir können nicht alle erreichen, da darf man sich nichts vormachen." Bum. Und Fischer, Regionalchefin für Oberhausen des Stadtjugendrings, sagt: "Es ist schon ein sozialer Brennpunkt hier." Bum.

Sieben junge Männer, 17 bis 20, alle aus Oberhausen, einem dieser abgehängten Stadtteile, wie es sie in jeder deutschen Großstadt gibt. Am späten Freitagabend vor einer Woche treffen sie in der Innenstadt auf einen Mann, zufällig. Es gibt eine verbale Auseinandersetzung, ein Handgemenge, dann einen Schlag. Der Tod des 49-Jährigen am Königsplatz hat nicht nur Augsburg "sehr, sehr aufgewühlt", so sagt es Oberbürgermeister Kurt Gribl. Die Pressekonferenz zur Festnahme der Verdächtigen übertragen ARD und ZDF live, die New York Times ruft an. Im Rathaus gibt es einen laut Gribl "nie dagewesenen Shitstorm", Spekulationen, Mutmaßungen, Klischees, Drohungen. Und jetzt fragen sich alle: Was ist da los? Die einen überlegen, ob es draußen noch sicher sei. Die anderen wettern, dass es so etwas früher nicht gegeben habe. Im Zentrum aber steht diese Frage: Wieso schlägt da einer einfach zu?

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Der Mann war am 6. Dezember bei einer Auseinandersetzung nach einem Schlag gestorben. Zum Gottesdienst kamen auch zahlreiche Kollegen des getöteten Feuerwehrmannes.

Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Nicht von Fischer, nicht von Waninger, auch nicht von Erwin Schletterer, Geschäftsführer des Vereins Brücke Augsburg, der mit straffällig gewordenen Jugendlichen arbeitet. Aber sie sind die Experten, die nah dran sind an Jugendlichen, auch an denen, die diesen Stempel tragen: "Problemfall". Auch einige der Tatverdächtigen waren schon polizeibekannt. Hatte Brücke Augsburg also mit ihnen Kontakt? "Davon kann man ausgehen", sagt Schletterer. Im Umkreis der Jugendeinrichtungen in Oberhausen waren sie auch bekannt, die Jugendlichen im H2O kennen sie, sie sind gemeinsam zur Schule gegangen. Und deshalb wissen Fischer, Waninger und Schletterer schon Antworten. "Vielschichtige Ursachen gibt es", sagt Waninger.

Also, warum schlägt einer zu? Da wäre zunächst einmal die Antwort aus der Situation heraus. Gruppendynamik spielt eine Rolle, es mangelt an Strategien zur Konfliktbewältigung. "Ein falscher Blick, ein falsches Wort, das wird gleich als Angriff auf die ganze Person verstanden", sagt Schletterer. Und so einen Angriff kann man sich nicht gefallen lassen, das ist die Logik in der Gruppe. "Sonst bin ich ein Luschi. Wer ein Luschi ist, verliert seinen Status. Das ist letztlich Ausdruck eines schwachen Selbstbilds." Schließlich ist da noch der Alkohol. In den meisten Fällen haben junge Männer, die gewalttätig werden, laut Schletterer nicht mehr alle fünf Sinne beieinander. Eine drohende Strafe ist da keine Abschreckung. "In dem Moment denkt keiner von denen an Konsequenzen."

Sabine Fischer, Regionalleiterin beim Stadtjugendring.

Sabine Fischer, Regionalleiterin beim Stadtjugendring.

(Foto: Privat)

Bleibt die Frage, warum die Gruppendynamik so stark ausgeprägt ist, warum die Konfliktlösung schief läuft. Und da kommen dann die "vielschichtigen Ursachen" ins Spiel: Bildungsarmut. Finanzielle Armut. Falsch verstandene Männlichkeit. Kaum Anerkennung im Leben. Kaum Perspektiven. Schwieriges Elternhaus. "Manche kennen das ja gar nicht anders", sagt Waninger. "Bei denen ist Zuschlagen zu Hause völlig normal." Oberhausen steht exemplarisch für all die Probleme: Knapp 70 Prozent Migrantenanteil, viele Dönerbuden, aber nicht ein vernünftiges Eiscafe, in dem sich Jugendliche mal treffen und aufhalten könnten. Vor Jahren haben hier ein Netto und ein Edeka aufgemacht, gleichzeitig. Den Netto gibt es noch, der Edeka hat wieder geschlossen. "Da fehlt einfach die Kaufkraft", sagt die Regionalchefin des Stadtjugendrings, Sabine Fischer. Viele Familien kämpfen um die Existenz, einige sind Hartz-IV-Empfänger in zweiter Generation. Deshalb, sagt ihr Kollege Waninger, hätten die Probleme auch nichts mit Migration zu tun. "Familien mit Migrationshintergrund sind bloß einfach besonders häufig in sozial schwierigen Lagen." Schletterer fällt nur ein Unterschied ein: "Junge Männer, deren Herkunft stark paternalistisch geprägt ist, legen ein stärkeres Machoverhalten an den Tag."

"Es darf nicht nur darum gehen, Mathe und Deutsch beizubringen, sondern auch Herz und Verstand"

Das alles entschuldigt keinen tödlichen Schlag, das betonen die Fachleute. Hier greift erst einmal nichts als das Strafrecht. Aber es hilft zu verstehen und die Situation vielleicht zu verbessern. Schletterer fragt Jugendliche oft, worauf sie stolz seien. "Da fällt vielen schon gar nichts ein." Dann fragt er sie, wer stolz auf sie sein soll. "Da nennen sie dann ihren Vater. Aber von dem kommt halt oft nichts." Das kennen auch Fischer und Waninger. Es sind ja bei weitem nicht alle Jugendlichen bei ihnen Problemkinder. Aber manche kennen kaum Erfolgserlebnisse. Sie sind nicht gut in der Schule, sie haben kaum Geld und keine Teilhabe. Letztens wollten sie ins Stadion gehen, zum FC Augsburg, die Jugendlichen sollten für die Eintrittskarte einen symbolischen Beitrag von zwei Euro zahlen. Einer musste passen, das konnte er sich nicht leisten. "Man sieht das ganz arg in den sozialen Netzwerken", sagt Waninger: "Wie sehr sie darauf angewiesen sind, dass andere sie liken." Weil sie sonst keine Bestätigung haben.

Hier setzt die Sozialarbeit an, drinnen im Jugendzentrum, draußen von den Streetworkern. Sie versuchen, Erfolgserlebnisse zu vermitteln, und sei es durch einen Sieg im Fußballspiel. "Wir schauen, dass den Jugendlichen draußen nicht die Decke auf den Kopf fällt", so formuliert es Waninger. Und sie schauen, dass sie ausgleichen, was zu Hause fehlt. Zum Beispiel gibt es dort laut Fischer "oft kein Übungsfeld, an dem sie sich reiben können". Die Sozialarbeiter trainieren, wie Gewalt in Konflikten vermieden wird. Die Jugendlichen sollen sich die schlimmste Konsequenz vorstellen, mit der sie als Täter konfrontiert wären. Da kommen als Antwort das Gefängnis, häufig auch die weinende Mutter. Das Bild der Mutter arbeiten sie heraus: Weint sie am Fenster? Wie riecht sie dabei, was trägt sie? "Möglichst plastisch soll das sein", sagt Waninger. Damit das Bild aufploppt, wenn die Gruppendynamik greift, wenn der Zorn im Innern aufsteigt - und den Schlag so verhindert. Wer etwas nicht von Klein auf lernt, braucht manchmal Eselsbrücken.

Erwin Schletterer, Geschäftsführer Brücke Augsburg.

Erwin Schletterer, Geschäftsführer Brücke Augsburg.

(Foto: Privat)

Solch eine Sozialarbeit wirkt, das zeigen die Zahlen. Im langjährigen Vergleich hat Gewalt durch Jugendliche abgenommen, das beweisen verschiedene Studien, die das Deutsche Jugendinstitut im Überblick darstellt: So gab es 1997 bei den 18- bis 21-Jährigen etwa 800 Tatverdächtige pro Jahr. 2019 sind es etwa 600. Experten verweisen auch gerne auf eine Statistik, die in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle spielt: Die Zahl der Raufunfälle mit Frakturen an Schulen. Da sind Knochenbrüche dabei, das sind keine Lappalien. Und das sind bestens gesicherte Daten, solche Unfälle müssen Schulen melden. Die Zahlen sind an Hauptschulen deutlich höher als an anderen Schularten, aber auch hier zeigt sich von 1997 bis 2017 eine rückläufige Tendenz. Dass die Kurve an Hauptschulen in den vergangenen Jahren wieder anstieg - und trotzdem auf deutlich niedrigerem Niveau liegt als vor 20 Jahren - ist wohl auf statistische Effekte zurückzuführen.

Das Bauchgefühl, wonach früher alles besser war, ist also falsch. Auch wenn es nach der schrecklichen Tat seltsam klingt: Es muss auch keiner Angst haben, rauszugehen. Augsburg gehört zu den sichersten Großstädten Deutschlands, das hat das örtliche Präsidium mit Blick auf die Kriminalstatistik gerade wieder betont. Das Problem ist, das hat auch Oberbürgermeister Gribl unter der Woche verärgert kund getan: "Wenn man auf die Zahlen verweist, wird man beschimpft. Dann kommt der Vorwurf der Beschwichtigung." Eine schwierige Zeit also für Analysen und Konzepte. Helmut Jesske, Geschäftsführer des Stadtjugendrings, hat trotzdem Ideen: Prävention müsse gestärkt werden, das sei klar. "Aber es ist nicht damit getan, ein paar Sozialarbeiter einzustellen." In kaum einem Land sei die Bildung der Kinder so abhängig vom Bildungsstand der Eltern wie hier. Die Aufstiegschancen seien nicht mehr gegeben, sagt Jesske. Und die Schulen verfehlten ihren Bildungsauftrag. "Es darf nicht nur darum gehen, Mathe und Deutsch beizubringen, sondern auch Herz und Verstand."

Den Appell an Herz und Verstand übernehmen bislang Leute wie Fischer und Waninger. Sie haben viel mit ihren Jugendlichen über die Tat geredet. Die Verdächtigen, das wissen sie hier, waren keine Gang, wie es in der lokalen Presse hieß. Das waren Freunde, ein an dem Abend zufällig zusammengewürfelter Haufen. Auch die Kinder im H2O können nicht begreifen, warum das passiert ist, viele kennen die Verdächtigen ja. "Zuerst einmal haben sie großes Mitgefühl mit den Hinterbliebenen", sagt Fischer, das Gebolze im Sportraum hat inzwischen aufgehört. Dann sind die Kinder schockiert, was ein einzelner Schlag anrichten kann. Sie fragen sich auch, was das nun für sie bedeutet. Werden sie noch mehr abgestempelt, als Oberhausener? "Vor allem aber", sagt Fischer, "sind sie wirklich fassungslos."

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