Süddeutsche Zeitung

Museumsprojekt:Wie Globalisierung im 18. Jahrhundert funktionierte

Lesezeit: 3 min

"Stoff ohne Grenzen" ist ein Onlinespiel des Textilmuseums in Augsburg. Es zeigt, wie die Welt schon früh durch den Textilhandel vernetzt war - über Kleidung, Sklaven und sogar ein Nashorn.

Von Florian Fuchs, Augsburg

75 Kilometer am Tag hat die Kutsche von Johann Heinrich Schüle geschafft, bei guten Bedingungen. Von 1720 bis 1811 lebte der Augsburger Textilhändler, dessen Stoffe in ganz Europa begehrt waren. Vernetzt war Schüle auf der ganzen Welt, bis nach Indien und auf andere Kontinente. Mit seinen Geschäftspartnern korrespondierte er über Briefe, öfter stieg er aber auch in seine Kutsche und reiste damit nach Hamburg oder Wien, nach Rotterdam oder Amsterdam.

Das alles erzählt Schüle selbst, zumindest animiert im Onlinespiel "Stoff ohne Grenzen - Mode bewegt die Welt" des Staatlichen Textil- und Industriemuseums in Augsburg. Der Spieler wandert in einer stilisierten Welt des 18. Jahrhunderts umher und lernt anhand des Textilhandels die Anfänge der Globalisierung kennen. Im Mittelpunkt steht dabei die damalige Textilmetropole Augsburg, deren Händler wie Schüle vernetzt waren auf der ganzen Welt, bis nach Curaçao und Indien, nach Westafrika und innerhalb Europas sowieso. "Man kann in die Geschichten eintauchen", sagt Museumsdirektor Karl Borromäus Murr, über Videos, Hörspiele und Bildtexte. Wobei das Projekt laut dem Historiker Murr auch deutlich die Schattenseiten aufzeigt: "Globalisierung ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sie wurde durch den Preis von Kolonialismus und Sklaverei erarbeitet."

Das zeigt unter anderem die Lebensgeschichte von Guan Antonio Sideron. Sklaven mussten auf Baumwollplantagen arbeiten, einige gelangten aber auch nach Europa. Guan Antonio etwa kam als Siebenjähriger aus seiner Heimat Curaçao an den niederländischen Hof. Im Computerspiel erzählt eine kindliche Stimme via Hörspiel seine Geschichte: Der Sklavenjunge musste das Essen auftragen, manchmal sollte er aber zur Belustigung der Gesellschaft auch vortanzen, gekleidet in bunte Gewänder.

Schritt für Schritt erkundet der Nutzer die damalige Welt und streift umher zwischen Paris und Amsterdam sowie von Kontinent zu Kontinent. Auf dem Weg findet er immer wieder gelbe Papierschnipsel, die sich öffnen lassen - und Informationen über Schüle, Guan Antonio Sideron, oder ganz allgemein über Rohstoffe, Handelswege, geschäftliche Kommunikation, die Produktion von Textilien und die Kolonialgeschichte preisgeben. Warum benötigten Augsburger Manufakturen Gummi von afrikanischen Bäumen? Wie entstand das leuchtende Karminrot, mit dem Stoffe gefärbt wurden und wie ging es bei der Herstellung der Cochenille-Laus an den Kragen? Und wieso schleichen sich Spione auf eine Indigo-Plantage in South Carolina?

Das auf der Homepage des Museums aufrufbare Spiel ziele unter anderem "auf Teenager und Jugendliche", sagt Murr, und könne auch in Unterrichtseinheiten eingebunden werden. "Digitalisierungen sind nach wie vor ein großes Zukunftsthema. Da kann man noch einiges erwarten." "Stoff ohne Grenzen" ist - unterstützt durch Fördertöpfe - nicht das erste Digitalisierungsprojekt des Textilmuseums. Seit Ende Januar steht das Stoffmusterarchiv der früheren Neuen Augsburger Kattunfabrik in Teilen online. Es soll die Fülle und Vielfalt von Mode und Design "made in Augsburg" aus den Jahren 1783 bis 1858 zeigen und ist über das Internetportal www.bavarikon.de einsehbar, über das der Freistaat Kunst-, Kultur- und Wissensschätze aus verschiedenen Einrichtungen in ganz Bayern präsentiert.

62 000 Besucher zählte das Textilmuseum im vergangenen Jahr, laut Murr etwa 60 Prozent der Vor-Corona-Auslastung. Der Museumsdirektor zeigt sich angesichts der immer noch teils widrigen Umstände im vergangenen Jahr zufrieden mit dieser Bilanz. Und er hofft, mit der neuen Sonderausstellung "Coolness - Inszenierung von Mode im 20. Jahrhundert", die am 24. März startet, noch mehr Gäste anzuziehen. 300 Exponate zeigt das Museum auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern, darunter eine Lederjacke von Joschka Fischer.

Gerade aber die digitalen Projekte wie das Online-Spiel "Stoff ohne Grenzen" können die Reichweite des Museums mit einem Schlag erhöhen. Vor allem, wenn sie überraschende Aspekte liefern und - wie in diesem Fall - die Globalisierung von allen Seiten betrachten. Thema im Spiel ist zum Beispiel auch das Nashorn "Clara", das im 18. Jahrhundert eine Art Claramania in Europa auslöste. Die Mutter von Wilderern getötet, wuchs das zahme Nashorn bei Menschen auf. Schnell war es eine Attraktion, als ein niederländischer Kapitän mit ihm durch die europäischen Metropolen tourte und den Menschen das exotische Tier zur Schau stellte. Es soll sogar Frauen gegeben haben, die ihre Frisur nach dem Tier ausrichteten und ihre Haare wie das Horn von Clara aufrichteten. Auch ein Nashorn kann also ein Phänomen der frühen Globalisierungsgeschichte sein.

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