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Sprachforschung:"Geij Bou, dassd fei schee schmaadzd!"

Junge und Mädchen in bayerischer Tracht

Giggerl, Göger, Gockerl oder Hühnchen? Ob das Mädchen und der Bub irgendeinen bayerischen Dialekt sprechen, lässt sich nicht abschließend klären. Dass beide fasziniert sind vom Federvieh, ist dagegen gut zu sehen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)
  • Eine neue wissenschaftliche Studie aus Augsburg zeigt, dass die Zahl der Dialekt sprechenden Kinder drastisch zurückgeht, zumindest in Bayerisch-Schwaben.
  • Ein weiteres Ergebnis der Studie: je größer der Ort, desto weniger Dialekt sprechende Kinder gibt es.
  • Für die Studie wurden Kindergartenkinder herangezogen, weil Dialektkompetenz in der Regel im Vorschulalter erworben wird.

Sollen Kinder Dialekt sprechen oder nicht? Und welche Nachteile müssen sie in Kauf nehmen, wenn sie beispielsweise "der Schoklad" statt "die Schokolade" sagen? Über solche Fragen wird seit Jahrzehnten gestritten, auch in der Wissenschaft, die in den Siebzigerjahren noch lautstark proklamierte, der Dialekt bilde eine Sprach- und damit eine Entwicklungsbarriere. Eine neue wissenschaftliche Studie aus Augsburg belegt nun die Folgen dieser Debatten. Die Zahl der Dialekt sprechenden Kinder geht demnach drastisch zurück, zumindest in Bayerisch-Schwaben.

"Geij Bou, dassd fei schee schmaadzd!" (gell Bub, dass du fei schön sprichst!). Diese schlichte Mahnung, welche die Mutter des Schriftstellers Josef Fendl ihrem Buben jedes Mal mit auf den Weg gab, wenn er einst in die Stadt fuhr, belegt die mit dem Dialekt verknüpften Abstiegsängste. Dahinter steht die Überzeugung: Gerade der bayerische Mensch sollte schön, also nach der Schrift reden, denn sein Dialekt sei grob und verhindere zuverlässig einen schulischen wie auch beruflichen Erfolg.

Mittlerweile ist in der Politik wieder ein Umdenken zu beobachten. Die Mundarten seien kein Bildungshindernis, sondern ein Kulturgut, heißt es nun. Das Beherrschen von Dialekten soll nach Vorgaben des Kultusministeriums künftig wieder als Stärke und Bereicherung bewusst gemacht und in Kindergärten und Schulen gefördert werden. "Dialektsprechen ist nach wie vor ein gesellschaftlich relevantes Thema", sagt der Augsburger Linguist Werner König. Auf der einen Seite sehe man den Rückgang der kleinräumigen Mundarten, auf der anderen Seite spiele der Dialekt eine zentrale Rolle in der Konstruktion von regionaler Identität. König ist deshalb überzeugt: "Dialekte werden sowohl in der Politik wie auch in weiten Kreisen der Gesellschaft als schützenswertes Phänomen und ihr Rückgang als Wertverlust gesehen."

Trotzdem: "Soziale Benachteiligung durch Sprache hat in Deutschland eine lange Tradition", sagt der Sprachwissenschaftler Peter Maitz. Er hält die sprachliche Normierungswut für ein spezifisch deutsches Phänomen. "In der Schweiz und in Österreich gibt es diesbezüglich eine viel höhere Toleranz."

Dass der Schwund der Dialekte eine Folge von gesellschaftlicher Modernisierung und Globalisierung sei, greife zu kurz, sagt König. In diesem Fall müssten auch die Dialekte in der deutschsprachigen Schweiz auf dem Rückzug sein, was jedoch nicht der Fall sei. Dort trägt ein Nobelpreisträger wie Kurt Wüthrich sogar seine wissenschaftlichen Erkenntnisse unbeirrt in seinem angestammten Schwyzerdütsch vor. Auf der Suche nach einer wissenschaftlichen Erklärung starteten König und seine Mitstreiter Christian Pfeiffer und Peter Maitz 2016 am Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Uni Augsburg eine systematische Bestandsaufnahme über Dialektkompetenz im Regierungsbezirk Schwaben.

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