Von einem „mysteriösen Rohr“ sprechen die Stadtwerke Augsburg. Ganz in der Nähe des Hochablasses, Unesco-Welterbe, da schaut man natürlich genauer hin: ein Rohr, das es eigentlich gar nicht geben dürfte und dessen Zweck unklar ist? Das Ding, das vor dem Hochablass-Wehr im Bereich des Überlaufs des sogenannten Kuhsees direkt neben dem Lech aus dem Boden ragt, führt unten im Erdreich bis zur Mitte des Sees. Das zumindest haben Erkundungen eines Tauchers ergeben, den die Stadtwerke beauftragt haben.
Vielleicht war das Rohr mit einem Durchmesser von einem Meter ursprünglich als Auslauf des Sees gedacht. Inzwischen ist es jedenfalls beschädigt und eingebrochen. Jetzt wird es entfernt, im Zuge der Arbeiten für eine Fischaufstiegsanlage.
Die Augsburger kennen das ja, dass sie auf Baustellen etwas entdecken, von dem keiner wusste. Das haben sie einerseits den Römern zu verdanken, die vor 2000 Jahren hier siedelten und überall ihre Spuren hinterlassen haben. Egal, wo sie graben, die Stadtarchäologen finden so gut wie immer etwas, ob einen Schatz aus Silbermünzen, Alltagsgegenstände, Waffen oder sogar Austernschalen. Die Augsburger Überraschungsfunde sind aber nicht immer so erfreulich, etwa wenn an der Großbaustelle Staatstheater plötzlich von Asbest die Rede ist.

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Oder wenn am Perlachturm, der inzwischen saniert wird, zum Turamichele-Fest keine Blumen angebracht werden konnten, weil an Augsburgs Wahrzeichen so große Schäden an der Bausubstanz dokumentiert wurden, dass es nicht mal mehr gefahrlos das Gewicht der Pflanzen tragen konnte. Seine Römerfunde kann Augsburg schon lange nicht mehr in einem richtigen Museum zeigen, weil das alte Museum in der – inzwischen ebenfalls erneuerten – Dominikanerkirche vor vielen Jahren recht plötzlich geschlossen werden musste: statische Probleme beim Fußboden.
Der Hochablass, an dem nun das hinfällige Rohr entfernt wird, besteht als Barriere im Lech seit dem 14. Jahrhundert. Vor etwa 120 Jahren wurde das Wehr ähnlich seiner heutigen Form gebaut. Genug Zeit also, dass wunderliche Dinge im Boden versinken und vergessen werden. Kein Wunder dagegen ist es, dass es von der Entdeckung des Rohrs im Jahr 2014 bis heute gedauert hat, um es zu untersuchen und schließlich zu beseitigen: Die dort geplante Fischaufstiegsanlage ist ja auch schon seit mehr als zehn Jahren in Planung, musste aber immer wieder überarbeitet werden, nicht zuletzt wegen der Welterbe-Auszeichnung.
In spätestens eineinhalb Jahren aber sollte es so weit sein, sofern nicht noch ein Silberschatz oder Römerboote entdeckt werden: Dann können Fische und Kleinlebewesen dieses Hindernis im Lech das erste Mal seit mindestens 700 Jahren überwinden.

