Die große Mehrheit der Deutschen hat sich außerordentlich gefreut über das späte 2:1-Siegtor von Deniz Undav im WM-Spiel gegen die Elfenbeinküste. Augsburgs neuer SPD-Oberbürgermeister Florian Freund dagegen wird sich inzwischen insgeheim wünschen, dass die deutsche Nationalmannschaft doch nur Unentschieden gespielt hätte. Es wären in der Nacht keine Massen auf die Maximilianstraße geströmt, um zu feiern, es wären auch keine Motorräder und Auto-Poser gekommen, um zwischen all den Fans ihre Motoren röhren zu lassen. Und Florian Freund wäre vermutlich nicht in seine erste Regierungskrise gestürzt.
„Maxstraße außer Kontrolle“, „scharfe Kritik“ am Oberbürgermeister, verbunden mit der Aufforderung, „unverzüglich zu handeln“: Dies alles kam am Mittwoch nicht von der Opposition im Stadtrat, so wütete die CSU in einer Pressemitteilung – also die größte Fraktion des bunten Rathausbündnisses, das OB Freund nach der Kommunalwahl zusammengestellt hat. Dass der wichtigste Rathaus-Partner den OB massiv angreift, nur wenige Wochen nach dem Start ins Amt, ist bayernweit ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang.
Dabei war die laut CSU außer Kontrolle geratene Situation auf der Augsburger Prachtmeile nur der Höhepunkt einer seit Wochen schwelenden Diskussion. Von 30. April an ist den Sommer über in den Nächten auf Freitag, Samstag und Sonntag die Maximilianstraße gesperrt, ausgenommen Anwohner, Taxis, Hotelgäste und Lieferdienste, die Stadt handhabt das seit Jahren so. Es ist bloß so, dass die Autoposer vom Land, die bereits früher am Wochenende gerne in die Stadt gefahren sind, um ihre nicht selten getunten Wagen auszuführen, dieses Jahr wieder verstärkt die Maxstraße entdeckt haben – laxen Kontrollen sei Dank.
Anwohner regen sich auf, Hotelgäste regen sich auf, der Oberbürgermeister kündigte deshalb vor zwei Wochen an: „Wir räumen jetzt auf“, schickte zusätzlich zur Polizei den städtischen Ordnungsdienst auf Patrouille und verwies auf Versäumnisse der Vorgängerregierung, verbunden mit dem Hinweis: „Die Maximilianstraße gehört den Menschen in dieser Stadt – nicht denen, die sie als Rennstrecke nutzen.“ Er teilte außerdem mit, dass ein Sicherheitsdienst nach der Weltmeisterschaft wieder regelmäßig präsent sein solle.
Wieso erst nach der WM, fragen sich viele Augsburger. Vor allem aber: Die Sicherheitskräfte, die die vergangenen Jahre die Einfahrt der Poser einigermaßen erfolgreich unterbanden, wurden vom Wirtschaftsreferat bestellt. Das gibt es aber nicht mehr, stattdessen kündigte Freund an, sich um dieses wichtige Themenfeld selbst zu kümmern und dafür einen Verwaltungsposten zur Unterstützung zu schaffen: Der dafür vorgesehene Stadtdirektor ist aber noch nicht eingestellt.

Insofern ist also der OB selbst zuständig, die Kontrollen an der Prachtmeile zu verstärken, was führende Politiker und Angestellte der Stadt zu der Vermutung veranlasst, dass im Rathaus gerade selbst kaum jemand weiß, wer eigentlich was zu tun hat. Freund ist angetreten mit dem Versprechen, die Verwaltung großflächig umzubauen. „Da ist noch alles arg durcheinander“, sagt einer, der Einblick hat. „Und dann funktioniert es halt nicht.“
Deshalb lässt die CSU auch Kritik an Versäumnissen der alten Stadtregierung nicht gelten, die sie gemeinsam mit den Grünen bestritt. „Wir haben in den vergangenen Jahren funktionierende Regelungen geschaffen. Diese dürfen nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden“, klagt der ordnungspolitische Sprecher der CSU, Peter Schwab.
OB Freund verkündete in einer neuen Pressemitteilung dieser Woche jedoch nur, dass ein WM-Sieg halt nun einmal Freude auslöse: „Ich verstehe, warum die Menschen an diesem Abend auf die Straße gegangen sind.“ Das verstehen auch Grüne und die CSU, allerdings mit einer entscheidenden Einschränkung: Wieso sich durch die feiernden Fans, die niemand kritisiert, Autos schieben müssen, verstehen sie nicht. „Das ist nicht akzeptabel und gefährdet die Sicherheit der Besucherinnen und Besucher“, ärgert sich CSU-Fraktionsvorsitzender Leo Dietz.
Mit CSU, SPD, ÖDP, Volt, Generation Aux, FDP, Die Partei und Freien Wählern hat Freund ein Rathausbündnis mit acht Partnern und vier Fraktionen und Fraktionsgemeinschaften gezimmert. Er will das aber nicht als klassische Koalition verstanden wissen, sondern eher als lockeres Bündnis, das Grundlegendes gemeinsam beschließt. Ansonsten sollen sich wechselnde Mehrheiten im Stadtrat ergeben. Die CSU jedenfalls nutzt die diesem Versuch innewohnende Freiheit der einzelnen Partner gerade weidlich aus, was turbulente weitere sechs Jahre vermuten lässt.
Seit Jahrzehnten ist die Maximilianstraße ein Streitpunkt in der Stadt, die Vorgängerregierung etwa blamierte sich mit dem Versuch, eine Fußgängerzone daraus zu machen, was Anwohner gerichtlich untersagen ließen. Zumindest aber beim nächsten Spiel der deutschen Nationalmannschaft muss der neue Oberbürgermeister Florian Freund nicht bangen, dass wieder etwas schiefgeht. Am späten Donnerstagabend geht es gegen Ecuador, aber da ist die Maximilianstraße ausnahmsweise schon für den gesamten Verkehr gesperrt, strenge Sicherheitsmaßnahmen inklusive. Augsburg feiert seine „Sommernächte“, für das mehrtägige Stadtfest lässt das Rathaus Poller aufstellen und kontrolliert sogar Taschen von Besuchern.


