Räteherrschaft in Bayern "Von der Schußwaffe ist rechtzeitig und rücksichtslos Gebrauch zu machen"

Die Stadtwehrkompanie am Hauptbahnhof. Bei dem Kämpfen starben 34 Menschen.

(Foto: Stadtarchiv Augsburg)

Zahlreiche Zeugnisse erinnern daran, wie vor 100 Jahren die Räteherrschaft in Augsburg endete. In angefledderten Akten ist jeder "Revolutionsunfall" festgehalten - damit sind die Opfer der Kämpfe gemeint.

Von Willi Winkler

Alles mag in der Revolution zusammenbrechen, die Bürokratie hält eisern durch. Die Krankenhausverwaltung meldet dem Stadtmagistrat Augsburg am 20. April 1919 unter dem Betreff "Revolutionsunfall" jeden einzelnen Toten. Es herrscht Hochbetrieb, die Sanitätskolonne liefert einen nach dem anderen ein, alles wird notiert: Vinzenz Rauschopf, um halb neun mit Brustdurchschuss angekommen, eine halbe Stunde später verstorben; um zehn kommt Franz Harle, Bauchschuss, um halb zwölf ist er tot. Peter Luther hat einen "Weichteilsteckschuss" erlitten, überlebt aber. Zwei Tage später gibt die Justizverwaltung die Leichen zur Beerdigung frei: die "Fabrikarbeiterswitwe" Pauline Kopp, aufgefunden an der Wertachbrücke, den "verh. Maschinisten" August Stähle, den "ledigen Taglöhner" Johann Betzner.

In der angefledderten graublauen Akte im Stadtarchiv Augsburg sind in ordentlicher Beamtenschrift alle Revolutionsunfälle verzeichnet: 34 Bürger, darunter drei Frauen und ein Kind, zehn Soldaten. Eisendreher, Buchbinder, Monteur, Hofmeister: Jeder ist mit seinem Stand eingetragen und mit den Kosten, die seine Beerdigung verursacht. 6800,75 Reichsmark werden beim Leichenversorgungsamt Augsburg insgesamt fällig.

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Am 7. April war die Räterepublik ausgerufen worden. Die nach Bamberg geflohene bayerische Regierung setzte dagegen die Freikorps in Marsch. Von Ulm her stieß die Gruppe Hierl auf Augsburg vor, die "schwäbische Kreishauptstadt, deren zahllose Kamine", wie ein 1939 entstandener schneidiger Feldzugsbericht weiß, hat "die grosse Arbeiterbevölkerung schon von ferne verraten". Augsburg war nicht nur rot, sondern ein Hindernis auf dem Weg nach München, wo die Revolutionäre ausharrten, lauter Kommunisten, "meist fremden Geblüts", außerdem kannten sie "die Seele des deutschen Volkes nicht". Am 20. April, am Morgen des Ostersonntags, sollte sie in Augsburg mit 4200 Mann und schwerem Geschütz gerettet werden. Dienstanweisung: "Von der Schußwaffe ist rechtzeitig und rücksichtslos Gebrauch zu machen."

Vor dem drohenden Einmarsch erschien eine Proklamation. "Wir wollen freie Menschen sein und bleiben. Also schließt die Reihen und laßt uns geschlossen an der Seite unserer Männer für die heilige Sache kämpfen. Seid einig und treu!" Unterschrieben war der Aufruf "Im Namen der revolutionären Frauen Augsburgs" von der 21-jährigen Lilly Prem. Als einzige Frau in Deutschland hatte die Revolutionärin die Bürstenmacher-Gesellenprüfung abgelegt, dann den Herumtreiber Georg Prem geheiratet, mit dem zusammen sie die Augsburger Bürger für die Freiheit gewinnen wollte. Damit ist sie in die Literatur eingegangen; Bertolt Brecht schrieb die "Ballade von der Höllen-Lili" über sie.

Das Augsburger Stadtarchiv bewahrt Fotos von den blutigen Auseinandersetzungen an Ostern 1919 auf. Hier ist ein Granateinschlag in einem Wohnhaus zu sehen.

(Foto: Stadtarchiv Augsburg)

Doch anders als sie zeigte der fast gleichaltrige Brecht nur mäßiges Interesse an der Revolution; schließlich lebt er von seinem Vater, der Direktor bei der Papierfabrik Haindl war. Zwar behauptet er etwas rechtschreibschwach, nunmehr "vollens ganz zum Bolschewisten geworden" zu sein, doch für die Straßenkämpfe hat er keine Zeit, er will, er muss jetzt selber Geld verdienen. Brecht hat nämlich eine Bürgertochter geschwängert, aber heiraten darf er Paula Banholzer nicht; ihr Vater hält ihn für einen Hungerleider. Wegen der Schande wird die Paula ins Allgäu verfrachtet, Brecht besucht sie immer wieder, liest ihr vor, was er "um Geld" geschrieben hat.

Angesteckt vom Revolutionsfieber in Berlin hat er im Januar nach dem Erstling "Baal" schnell sein Empörungsdrama "Spartakus" gedichtet. "Es geht los", heißt es da. "Die Massen erheben sich. Spartakus steht auf." Auch in Augsburg. Während der Kämpfe in den Vororten hält Brechts Freund Caspar Neher im Tagebuch fest: "Spartakus kämpft noch in Oberhausen und Lechhausen und hält sich. Es ist schön, unendlich schön." Schönheit ist Ansichtssache. Als der totgeglaubte Kragler im Stück doch aus dem Krieg zurückkommt, fragt ihn seine Freundin Anna: "Haben sie dich nicht durchs Gesicht geschossen?"

Die Revolution war offenkundig vorbei

Wie ein weiterer Untoter meldete sich ein halbes Jahrhundert später, der Freikorps-Mann Emil Leeb, der 1919 als Hauptmann an der Eroberung des roten Augsburg teilgenommen hatte. Im Frühjahr 1969, Brecht ist da schon lange tot, ärgern ihn die Studenten, die auf den Straßen in Berlin, Frankfurt und München ungehemmt demonstrieren dürfen, ohne dass Polizei und Justiz eingreifen. Das war zu seiner Zeit anders: "Am Ostersonntag in Augsburg war die Devise: sofort mit Artillerie schiessen. Mit 2 Toten und etwa 90 Verwundeten war der Spuk erledigt."

So kann die Erinnerung trügen. Doch das Leben ging weiter, jedenfalls für die Überlebenden. Am Tag, als die Zeitung von der Beisetzung der Augsburger Revolutionäre berichtete, lief im Lu-Li in Erstaufführung "Carmen" mit Pola Negri und Harry Liedtke, das Schauspielhaus brachte die Operette "Der Juxbaron", Joseph Seibold bot, wer weiß, wozu es gut war, "Reisegepäck-, Wertsachen-, Automobil- und Transport-Versicherungen aller Art"; ein anderer hatte eine Waschmaschine vom Typ "Volldampf" zu verkaufen. Die Revolution war offenkundig vorbei. Den Soldaten wurde vorsichtshalber das Spazierengehen mit Handgranaten verboten, aber den Zirkus durften sie zu ermäßigten Preisen besuchen. "Ebenso flossen die Liebesgaben reichlich. Man war froh, wieder geordnete Zustände zu haben", wie sich ein anderer Freikorps-Mann erinnerte.

Georg Prem überlebte. Er versteckte sich vor den Soldaten zwei Nächte in der Dachkammer, in der Brecht sonst dichtete, dann gelang ihm die Flucht in die Schweiz, die ihn aber bald nach Deutschland auslieferte. Das Gericht verurteilte Prem zu zwei Jahren Festungshaft. Bald nach seiner Freilassung trennte sich Lilly Prem von ihrem Mann. Sie ging nach Italien, holte das Abitur nach und studierte Sinologie. Brecht wurde berühmt. Über Nacht, schrieb der Theaterkritiker Herbert Ihering 1922 bei der Premiere von "Spartakus", das jetzt friedlicher "Trommeln in der Nacht" hieß, habe er "das dichterische Antlitz Deutschlands verändert. Brecht ist in seinen Nerven, in seinem Blut vom Grauen der Zeit durchdrungen".

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