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Augsburg:Prügel im Namen des Herrn

Prozess gegen eine Lehrerin der Sekte 'Zwölf Stämme'

Marina P. ist zu zwei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden.

(Foto: Hildenbrand/dpa)

Zwei Jahre Haft: Die Lehrerin der Zwölf Stämme nimmt das Urteil mit einem Lächeln an. Der Prozess hat gruselige Details aus dem Leben in der ultrareligiösen Sekte offenbart.

Die Angeklagte nimmt das Urteil mit einem Lächeln zur Kenntnis. Offenbar hat sie kein Problem damit, im Namen des Herrn ins Gefängnis zu gehen. Das Landgericht Augsburg verurteilt Marina P., eine Lehrerin der ultrareligiösen Glaubensgemeinschaft Zwölf Stämme, zu einer zweijährigen Haftstrafe und lässt sie noch im Gerichtssaal wegen Fluchtgefahr abführen.

Die Jugendkammer sah es als erwiesen an, dass die 56-Jährige über mehrere Jahre hinweg zahlreiche Schüler mit Weidenruten auf den Po gezüchtigt hat. Das Urteil vom Dienstag ist der vorläufige Schlusspunkt hinter dem Fall Zwölf Stämme, der seit 2001 die bayerischen Behörden beschäftigte und 2013 in einer Großrazzia in Klosterzimmern (Kreis Donau-Ries) gipfelte. Damals wurden etwa 40 Kinder der Sekte vom Jugendamt in Obhut genommen. Was ist aus den Kindern und ihren Eltern geworden? Wie geht es mit der Gemeinschaft weiter? Eine Chronologie.

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2001: Die Gemeinschaft zieht aus Pennigbüttel bei Bremen in die schwäbische Provinz: Sie kauft das Gut Klosterzimmern bei Deiningen, wo sie Lebensmittel anbaut und verkauft. Zudem betreiben die Mitglieder eine Schreinerei, ein Café in Nördlingen und später eine Firma, die europaweit Solarmodule montiert.

Ihren Ursprung hat die Sekte in den USA. Ihr Gründer und Chef rechtfertigt in öffentlichen Ansprachen die Züchtigung der Kinder. Er und seine Anhänger berufen sich dabei auf das Alte Testament (Sprüche 13,24: "Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald."). Kritiker sehen in den Methoden vor allem einen Weg, die Kinder gefügig zu machen - um zu verhindern, dass sie einen freien Willen entwickeln und die Sekte später verlassen.

September 2001: Die Zwölf Stämme weigern sich, ihre Kinder in Regelschulen zu schicken. Sie lehnen den Sexualkunde-Unterricht und die Evolutionslehre ab. Die Eltern bekommen Bußgelder aufgebrummt, die sie aber nicht bezahlen. Stattdessen unterrichten sie ihre Kinder selbst - ohne staatliche Zulassung.

Oktober 2002: Die Polizei fährt mit Kleinbussen in Klosterzimmern vor, holt 20 Kinder ab und bringt sie in die Schule. Damit setzt das Landratsamt eine Anordnung durch und beweist Stärke. Aber gleichzeitig ist klar: Auf Dauer ist der tägliche Polizei-Transport gegen den Willen der Kinder und Eltern keine Lösung.

Oktober 2004: Die Kinder besuchen immer noch keine staatlich anerkannte Schule. Der Streit eskaliert erneut. Das Amtsgericht Nördlingen verhängt gegen 18 Eltern Beugehaft. Am 7. Oktober werden sieben Väter abgeholt. Nach sechs bis 16 Tagen werden sie wieder freigelassen.

Februar 2006: Das Kultusministerium lenkt nach langem Hin und Her ein und spricht eine Sondergenehmigung aus: Die Zwölf Stämme dürfen eine "private Ergänzungsschule" betreiben, die vom Schulamt regelmäßig kontrolliert werden soll.