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Prozess in Augsburg:Mord aus verletzter Ehre

Die Staatsanwaltschaft wirft einem Mann vor, dass er die Familie seiner Frau auslöschen wollte. Die 23-Jährige wollte sich von ihm scheiden lassen.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Er soll den 15 Jahre alten Bruder seiner Ehefrau getötet und ihre zwei Schwestern sowie ihre Eltern teils lebensgefährlich verletzt haben: Am Montag begann am Landgericht Augsburg der Prozess gegen einen 30-Jährigen, dem die Staatsanwaltschaft Mord und in vier Fällen versuchten Mord vorwirft. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Angeklagte sich in seiner Ehre verletzt gefühlt habe, weil seine Frau sich von ihm scheiden lassen wollte. Aus Rache habe der Mann ihre Familie auslöschen wollen.

Als das Paar heiratete, erzählte die 23 Jahre alte Ehefrau im Zeugenstand, sei sie zwölf Jahre alt gewesen. Die Ehe war ihrer Darstellung nach die Hölle: Ihr Mann soll sie regelmäßig geschlagen und ihr angedroht haben, sie zu töten. Auch sperrte er sie zur Bestrafung in einen Wandschrank. Auslöser der Auseinandersetzungen soll stets unbegründete Eifersucht des Angeklagten gewesen sein. Das Paar stammt aus Afghanistan, im November 2019 wandte sich die Ehefrau per Telefon hilfesuchend an ihre Schwester: Polizisten holten sie und ihren fünf Jahre alten Sohn kurz darauf aus der Wohnung, in der sie mit dem Angeklagten lebte, sie zog zu ihren Eltern und Geschwistern in ein Flüchtlingsheim nach Augsburg. Der Angeklagte soll bei dem Einsatz auch die Polizeibeamten geschlagen und mit dem Tod bedroht haben.

Im April 2020 schließlich gab der Angeklagte vor, seinen Sohn besuchen zu wollen: In der Unterkunft stach er laut Anklage zunächst der Mutter seiner Frau mit einem Messer in den Bauch, dann stach er auf Vater und Geschwister ein, die teilweise schwer verletzt in eine Nachbarwohnung flohen. Ihren kleinen Bruder, der gerade geschlafen hatte und von dem Lärm wach geworden war, tötete er mit mehreren Stichen in den Rücken und zwei Schnitten in den Hals. Das mehr als 20 Zentimeter lange Messer soll er sich extra für die Tat gekauft haben.

Der 30-Jährige bestreitet nicht, den Bruder getötet und die anderen Verwandten seiner Frau mit einem Messer verletzt zu haben. In einer Erklärung, die sein Anwalt statt einer Aussage verlas, behauptete er aber, ebenfalls angegriffen worden zu sein. Der erste Stich mit dem Messer in den Bauch seiner Schwiegermutter sei gewissermaßen Zufall gewesen, weil er von hinten gestoßen worden und so nach vorne gefallen sei. Daraufhin sei ein Tumult entstanden. Was geschehen ist, tue ihm leid.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 30-Jährigen vor, nach der Trennung wiederholt versucht zu haben, seine Ehefrau zu sich zurückzuholen. Als er erkannt habe, dass dies aussichtslos ist, habe er vor allem seine ihm verhasste Schwiegermutter und den Bruder seiner Ehefrau töten wollen. Als einziger männlicher Nachfahre hatte der Bruder nach Überzeugung der Ermittler eine besondere Bedeutung für die Familie. Wenn der Angeklagte es nicht schaffe, die gesamte Familie seiner Frau auszulöschen, sagte der Staatsanwalt, habe er auf jeden Fall den 15-Jährigen töten wollen: "Damit konnte und wollte er das Leben etwaiger überlebender Geschädigter mit emotionalem Schmerz erfüllen und deren Leben wenigstens unerträglich gestalten." Das Gericht hat insgesamt sieben Verhandlungstage bis Ende Januar angesetzt, es sind zahlreiche Zeugenaussagen geplant.

© SZ vom 08.12.2020/syn/van
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