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Augsburg:Neues von Brecht

In einem Augsburger Archiv taucht ein bislang unbekannter Text aus der Jugendzeit des Autors auf.

Selbst die berühmtesten Schriftsteller haben ein überschaubares Verfallsdatum. Wer kennt heute noch den Nobelpreisträger Paul Heyse aus München, wer liest noch Heinrich Böll, und wer diskutiert auf dem Schulhof noch über das Werk von Bertolt Brecht? Zu Brecht sei doch längst alles gesagt, heißt es sogar in Literaturzirkeln.

Bert Brecht; dpa

Bert Brecht in einer undatierten Aufnahme

(Foto: Foto: dpa)

"Das Gegenteil ist der Fall", widerspricht Jürgen Hillesheim, der Leiter der Brecht-Forschungsstätte in Augsburg, und zur Bekräftigung seiner Aussage kann er jetzt sogar einen Fund vorlegen, der in der Tat eine Sensation darstellt.

Galt das Brecht'sche Werk bislang als vollkommen ausgeschöpft, so hat Hillesheim nun im Zeitungsarchiv die Reportage "Ah ... nous pauvres" ausgegraben, die zweifelsfrei von Brecht stammt, bislang aber in seinem Werk nicht verzeichnet war. Auch in Fachkreisen hätte niemand eine solche Entdeckung für möglich gehalten.

Der Zeitungstext, den der 16-jährige Brecht kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieb, handelt von französischen Kriegsgefangenen in einem Lager nahe Augsburg. Seine Reportage beginnt so: "Auf grasbewachsenen Plätzen lagern sie, zwischen den Reihen der roten Barackenhäuserchen. Gruppenweise sind sie beieinander: Liegen in malerischen Stellungen auf dem Rasen, sitzen mit dem Rücken gegen ein Häuschen gelehnt oder stehen herum müßig und tatenlos..." Es war einer der ersten Texte, die Brecht für die Augsburger Neuesten Nachrichten verfasste.

Zeitungsberichte unter Pseudonym

Schon als 16-Jähriger schrieb Brecht für zwei Augsburger Tageszeitungen. Weil das für Jugendliche seines Alters noch nicht erlaubt war, verfasste er seine Berichte unter dem Pseudonym Berthold Eugen. Trotzdem konnte Brecht nicht ganz so ungezwungen schreiben, wie er es vielleicht beabsichtigte. "Das Land befand sich im Kriegszustand, und dementsprechend mussten die Zeitungstexte eine nationale Tendenz ausstrahlen", sagt Hillesheim.

So schrieb auch Brecht, obgleich er literarisch ambitioniert war, zunächst bereitwillig Gebrauchstexte, die den Ansprüchen der Kriegspropaganda genügten, wie etwa der jetzt wiederentdeckte Text "Ah ... nous pauvres", der am 27. August 1914 erschien.

Bereits kurz nach dem Ausbruch des Weltkriegs wurden die ersten französischen Gefangenen im Militärlager Lechfeld interniert, das knapp 20 Kilometer von Augsburg entfernt lag. Die Bevölkerung begrüßte die Gefangenen zum Teil sogar freundlich.

Die deutsche Kriegspropaganda wollte Fraternisierungsversuche, besonders von weiblicher Seite, allerdings bereits im Keim ersticken. Gleichzeitig sollte vermittelt werden, dass die Kriegsgefangenen in Deutschland gut behandelt werden. Der erste Zeitungsbericht über die Gefangenen in Lager Lechfeld erschien am 21. August 1914. In den Tagen zuvor waren die Frauen in der Tagespresse aufgefordert worden, die Gefangenen nicht "in der würdelosesten Weise" mit Geschenken zu überhäufen, andernfalls drohe ihnen eine gesellschaftliche Ächtung.

Hier griff nun der junge Brecht zur Feder. "Er hat seinen Bericht wohl literarisch ausgekleidet", vermutet Hillesheim. Über den Besuch im Lager erfahren wir außerdem Handfestes aus den Aufzeichnungen seines Bruders Walter: "Wir hatten uns mit Äpfeln, Birnen und Pflaumen versehen, auch mit Kuchen und Schokolade, um den Gefangenen etwas reichen zu können... Wie uns schien, waren die Männer nicht bedrückt, sie redeten und lachten und zeigten keine feindselige Haltung, so wenig wie die Besucher."

"Wir Armen"

Bertolt Brecht wählt dagegen, literarisch ambitioniert, die direkte Redeform. Er erzeuge Spannung durch einen möglicherweise fiktiven Dialog hinter dem Rücken des Wachtpostens ("Wie geht es Ihnen hier?" - "Ich bin zufrieden. Was sollen wir verlangen, wir Armen?") und verzichte auch nicht auf kommentierende Einschübe, erklärt Hillesheim. Für ihn sind das klare Hinweise, dass Brecht seine Schilderung mit einer gewissen Ironie niederschrieb. Hier komme Brechts Freude, die er an der Arbeit mit Texten hatte, deutlich zum Ausdruck.

Zu Hasstiraden wie der Dichterkollege Ludwig Ganghofer lässt sich Brecht nicht hinreißen, womit er sich den damaligen Forderungen widersetzt. "Vielmehr verhehlt er in seinem Text nicht eine gewisse Sympathie mit seinem Gesprächspartner", resümiert Brecht-Forscher Hillesheim.

So betrachtet ist es doch erstaunlich, dass der Zeitungsaufsatz in dieser Form veröffentlicht wurde. Möglicherweise wurde dem jungen Autor dasselbe Mitleid entgegengebracht, das er den Gefangenen auf dem Lechfeld zollte. Der vollständige Text wird im Juli in der angloamerikanischen Zeitschrift German Life and Letters abgedruckt.