Naturschutz:Ohne Moor nix los

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Naturschutz: Das Lechhausener Moos ist ein ehemals weit ausgedehntes Niedermoorgebiet, das erhalten und verbessert werden soll. Darum bemühen sich augenblicklich Naturschützer in einem landkreisübergreifenden Projekt.

Das Lechhausener Moos ist ein ehemals weit ausgedehntes Niedermoorgebiet, das erhalten und verbessert werden soll. Darum bemühen sich augenblicklich Naturschützer in einem landkreisübergreifenden Projekt.

(Foto: Florian Fuchs)

Die bayerischen Moore sind extrem wichtig für den Klimaschutz und die Artenvielfalt - aber großflächig zerstört. Ein Projekt nahe Augsburg soll nun Perspektiven für ihren Erhalt aufzeigen.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Es ist beileibe nicht idyllisch hier, nordöstlich von Augsburg hinter dem Stadtgebiet: Ein Zaun grenzt einen Campingplatz ab, hinten rauschen die Lastwagen auf der Staatsstraße entlang. Und dennoch wird das Lechhausener Moos, auf dem die Naturschützer nun stehen, in diesem Jahr ein wichtiger Flecken Erde im Freistaat, was den Klimaschutz und die Biodiversität anbelangt. In einem landkreisübergreifenden Projekt wollen sie bestimmen, wie die sogenannte Niedermoorlandschaft östlich vom Lech wieder aufgewertet werden kann - was auch Rückschlüsse für alle 220 000 Hektar Moorböden in Bayern erlauben wird.

Der Landschaftsökologe Richard Engelschall steckt also einen Metallstab ganz tief in den Boden, dreht ihn immer weiter rein und holt damit verschiedene Schichten Erde heraus: aus der oberen Schicht, bräunlich, eingeschwemmter Ackerboden. Dann, schon schwarz, mineralisierter, verdichteter Moorboden. "Wenn man tiefer reingehen würde, käme sich nicht weiter zersetzender, wieder bräunlicher Pflanzenmoorboden zum Vorschein, der sich über Jahrtausende aufgebaut hat", sagt Ernst Haile, Vorsitzender der Kreisgruppe Aichach-Friedberg vom Bund Naturschutz (BN).

Moorböden sind komplexe Ökosysteme, sie sind - was vielen nicht bewusst ist - extrem wichtige Kohlenstoffspeicher, viel wichtiger als die Vegetation oberhalb der Erde. Die Moorböden in Bayern sind allerdings auch stark in Mitleidenschaft gezogen. 95 Prozent aller bayerischen Moore befinden sich nicht mehr in der sogenannten Unterwassersättigung, wie es BN-Regionalreferent für Schwaben, Thomas Frey, formuliert. Organisches Material ist dort also nicht mehr unter Wasser, reagiert somit mit Sauerstoff, zersetzt sich - und der Kohlenstoff entweicht.

Sechs Prozent - das sind fünf Millionen Tonnen - des bayerischen CO₂-Äquivalentausstoßes stammen aus kaputten Mooren. Weniger aus den Hochmooren im Alpenvorland, die ihre Feuchtigkeit vornehmlich aus Regenwasser beziehen. Sondern vor allem aus den sogenannten Anmooren, also Mineralböden mit hohem Anteil organischer Masse, und den Niedermooren, die besonders entlang der großen Flüsse wie Isar, Donau oder eben Lech bestehen und so gut wie entwässert und zerstört wurden, vor allem für die Landwirtschaft. "Der Niedermoorschutz ist für den Klimaschutz ganz entscheidend", sagt Frey. Moorböden müssten, fordert der Bund Naturschutz, in Zusammenarbeit mit Landwirten wieder so genutzt werden, dass sie Kohlenstoff anreichern - und so im Übrigen auch Heimat bleiben für seltene Tierarten.

Im 3000 Quadratmeter großen Lechhausener Moos, das sich am Lech entlang zieht, ist das gut zu beobachten. Kiebitze und Feldlerchen brüten hier noch vereinzelt, auch Rebhuhn, Wachteln und Laubfrosch gibt es noch, sogar die seltene Helm-Azurjungfer, eine Libellenart - wenn auch im vergangenen Jahr nur ein Exemplar davon gesichtet wurde. Die Experten sind manchmal erstaunt, was es noch alles an seltenen Arten gibt im Niedermoor, trotz der jahrzehntelangen Zerstörung. Früher aber, sagt Lechexperte Eberhard Pfeuffer, sei das Birkhuhn hier so zahlreich vorgekommen, dass sich niemand die Mühe gemacht hätte, es zu zählen. "Es gab Barsche noch und noch, es war eine Traumwelt, bis der Lech kanalisiert wurde." Johannes Enzler, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Augsburg, sagt: "Wenn wir jetzt nicht massiv einsteigen, dann ist es vorbei."

Das Projekt mit dem offiziellen Titel "Potenzialabschätzung zur Erhaltung und Verbesserung der Funktionen des Lechhausener Moors" wird vom bayerischen Naturschutzfonds gefördert. Es soll nun das CO₂-Speicherpotenzial im Moor identifizieren. Ein hydrologisches Gutachten soll den Zustand des Grundwassers klären. Und schließlich wollen die Experten Schutzmaßnahmen für die Tiere ausmachen. All dies soll in einen Maßnahmenkatalog einfließen, wie das Niedermoor umgestaltet und wieder in Form gebracht werden kann.

Naturschutz: Richard Engelschall von der Arbeitsgemeinschaft für Landschaftsökologie Schwaben nimmt eine Probe aus dem Boden.

Richard Engelschall von der Arbeitsgemeinschaft für Landschaftsökologie Schwaben nimmt eine Probe aus dem Boden.

(Foto: Florian Fuchs)

Ein entscheidender Punkt wird dabei sein, die landwirtschaftliche Nutzung umzugestalten. Auf den Ackerflächen werden Pflanzen angebaut, die die Nässe gar nicht vertragen und deshalb stark gedüngt und gespritzt werden müssen, weshalb nicht nur die Ausgasung des Moores, sondern auch die Bewirtschaftung insbesondere CO₂, Methan und Lachgase produziert. Würde man die Bewirtschaftungsmethode umstellen und den Grundwasserpegel auf wenigstens zehn Zentimeter unter der Grasnarbe anheben, sagt Naturschützer Haile, würde der klimaschädliche Ausstoß um etwa 80 Prozent reduziert. Anhebung des Grundwassers, Reduzierung der Entwässerung, Humusaufbau, das alles wären Möglichkeiten, den Zustand des Moores zu verbessern.

Bei der Umstellung der Landwirtschaft aber, sagt Haile, müsse man den Landwirten Perspektiven bieten, etwa durch sogenannte Paludikulturen - also durch den Anbau von Pflanzenarten, die einen hohen Wasserstand gut vertragen und von der Industrie nachgefragt werden, zum Beispiel als Dämmstoff. "Wenn man es so lässt, wie es ist, beträgt der Moorabbau etwa einen Zentimeter pro Jahr", sagt Haile. "Ein Mooraufbau dagegen gelingt mit der Geschwindigkeit von etwa einem Millimeter pro Jahr."

Der Bund Naturschutz verlangt mehr Tempo

Was die gesamte bayerische Moorlandschaft anbelangt, hat sich nach Ansicht des Bundes Naturschutz inzwischen auch bei der Politik die Erkenntnis durchgesetzt, dass Moorschutz nicht nur Naturschutz, sondern auch Klimaschutz ist - und sich positiv auf die Biodiversität auswirkt. Mit etwa 800 Hektar sind etwa ein Drittel der BN-eigenen Flächen in Bayern Moorböden, wo die Naturschützer renaturieren und den Wasserstand anheben. Die Programme und vor allem die Geschwindigkeit zur Umsetzung der Ziele der bayerischen Staatsregierung, kritisiert der Bund Naturschutz, reichten allerdings nicht aus, um Klimaneutralität bis 2035 zu erreichen. Moorschädliche Subventionen müssten eingestellt und Moorschutz in den bayerischen Förderprogrammen noch stärker gefördert werden.

Den Naturschützern ist es aber auch wichtig, Bewusstsein für die Bedeutung von Mooren zu fördern, zum Beispiel auch direkt im Lechhausener Moor. Ein paar Meter weiter, im nächsten Ort Mühlhausen, planen sie gerade eine Ortsumfahrung. Direkt durchs Moor würde die Route führen, direkt durch das Brutgebiet seltener Vögel. Eine Anhebung des Grundwassers würde dem Moor und dem Kiebitz an dieser Stelle dann sicherlich auch nichts mehr nützen.

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