Das Krankenhaus der Zukunft soll in Augsburg gebaut werden. Momentan steht es aber noch in Tel Aviv, in Zürich, vielleicht auch bei Manchester. Klaus Markstaller, Ärztlicher Direktor der Uniklinik Augsburg, will für den geplanten Neubau das Beste aus verschiedenen Welten realisieren und holt sich dabei Anregungen aus der ganzen Welt. Nichts weniger als eines der modernsten Krankenhäuser Europas, das strebt auch die Staatsregierung an. Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) etwa will mit „größtmöglicher Flexibilität“ bauen, „außerhalb der gewohnten Strukturen“.
Das wird der Minister bekommen, nimmt man das Medizinstrategiekonzept zur Grundlage, das Markstaller für den Klinikneubau entwickelt hat. Darin ist von Digitalisierung und Nachhaltigkeit die Rede, auch von „Same day surgery“, was der Ambulantisierung des Klinikbetriebs Rechnung trägt: Patienten werden bestenfalls innerhalb eines Tages aufgenommen, operiert und wieder entlassen.
Kern des Konzepts soll aber die Trennung von Elektiv- und Akutmedizin bilden, wie es etwa das Sourasky Medical Center in Tel Aviv vormacht. Markstaller will so das Problem mit den Engpässen lösen, denen das Augsburger Krankenhaus mit einer der größten Notaufnahmen Deutschlands zwangsläufig ausgesetzt ist.
Das 1982 eröffnete Bestandsgebäude des Uniklinikums ist marode. „Zwar ist die Medizintechnik hervorragend“, das ist Markstaller wichtig zu betonen. Aber die Bausubstanz ist nicht mehr zu retten, für Teile der Gebäudetechnik gibt es nicht einmal mehr Ersatzteile, falls etwas kaputtgeht. Bis spätestens Ende der 2030er-Jahre soll deshalb ein neues Klinikgebäude stehen, im Westen des in die Jahre gekommenen Hochhauses. Örtliche Umweltschützer sind davon nicht begeistert, weil der Patientenpark den Plänen zum Opfer fallen würde. Aber für Klinikum und Politik liegen die Vorteile auf der Hand: die Nähe zur neuen Fakultät und zum größten Intensivzentrum Süddeutschlands, das gerade gebaut wird. Und es könnte schnell gebaut werden.
„Das ist ein zentraler Punkt“, sagt Markstaller. Die Uniklinik ist der einzige Maximalversorger für schwere Krankheiten und komplizierte Eingriffe mit großem Einzugsgebiet in Bayerisch-Schwaben. Im Umkreis gibt es lediglich kleine Krankenhäuser mit vergleichsweise geringer Ausstattung. 1550 Betten soll das neue Augsburger Krankenhaus vorhalten, in etwa so viele wie bisher – es bleibt damit eine der größten deutschen Unikliniken.

Gerade die Größe und der Status als „lonely player“ prädestinieren den Standort nach Ansicht des Ärztlichen Direktors dafür, in einem neuen Gebäude Akutmedizin und Elektivmedizin zu trennen. Im Krankenhaus in Tel Aviv, das eine Delegation aus Augsburg vor Jahren besuchte, ist dieser Ansatz radikal umgesetzt, mit zwei voneinander getrennten Gebäuden. Wer keinen Termin für einen geplanten Eingriff hat, setzt keinen Fuß in das Gebäude für die Elektivmedizin. Notfälle werden ausschließlich im Akutgebäude aufgenommen. Der Vorteil: geringere Wartezeiten und bessere medizinische Versorgung, mehr Komfort für Patienten, strukturiertere Abläufe.
Geplante Eingriffe müssten nicht für Notfälle abgesagt werden, wie es momentan leidige Praxis am Uniklinikum ist. Da kommt es vor, dass selbst lange geplante Bypass-Operationen am Herzen kurzfristig abgesagt werden müssen, weil oben auf dem Dach ein Helikopter mit einem schwer verletzten Patienten eines Verkehrsunfalls landet. „Das ist schlecht für den Patienten, das ist schlecht fürs Personal, das macht schlechte Stimmung und ist unwirtschaftlich“, sagt Markstaller. Und würde mit der Trennung von Elektiv- und Akutmedizin nicht passieren.
Unikliniken anderer großer Städte haben diese Probleme nicht so ausgeprägt wie Augsburg, weil es in diesen Städten meist noch andere große Krankenhäuser gibt, in die Patienten verlegt werden können. Dann muss zum Beispiel eine Bypass-Operation nicht wegen eines Verkehrsunfalls kurz vor Start der OP abgesagt werden. „Man muss das für jede Region separat durchdenken, für uns wäre die Trennung ideal“, sagt Markstaller.
Auch weil das Augsburger Uniklinikum so groß ist, dass es über genügend Equipment verfügt: Je nach Fachrichtung würden dann die notwendigen Geräte aufgeteilt, etwa drei Computertomografen im Elektivgebäude stehen und zwei im Akutgebäude. Wobei sich Markstaller vorstellen könnte, einen Intensivbereich oder auch einen OP-Bereich für beide Gebäude zu nutzen – aber mit strikter funktioneller Trennung.

Die Arbeit in Krankenhäusern verändert sich rasant. „Niemand kann sagen, wie Medizin in ein paar Jahrzehnten aussehen wird“, sagt Markstaller. Insofern gehe es darum, im Sinne von Wissenschaftsminister Blume, mit dem Neubau flexibel zu bleiben. Man weiß nicht, wie viel Platz welches Fach in 30 Jahren benötigen wird. Der Ärztliche Direktor will deshalb den Neubau, ähnlich wie in Zürich, in funktionellen Einheiten denken, die möglichst gleichförmig gebaut sind: Bettenstationen, Büros, OP-Säle – um diese immer wieder passgenau so zu verteilen, wie es die verschiedenen Fächer in Zukunft benötigen.
Wobei die Planer errechnet haben, dass das neue Universitätsklinikum einen Platzbedarf von 136 000 Quadratmetern haben wird. Dennoch soll nicht wieder ein hoher Klotz entstehen, wie das in die Jahre gekommene alte Gebäude, das am Ende voraussichtlich rückgebaut werden wird. Markstaller stellt sich ein modernes, flaches Gebäude vor. Und wünscht sich, dass die Planer beim anstehenden Architektenwettbewerb mutig denken. Futuristisch wie in Neuseeland zum Beispiel, oder grün wie das Krebshilfezentrum in Oldham bei Manchester.
Das würde zum Schwerpunkt Umweltmedizin des Uniklinikums Augsburg passen. Und es würde auch zur Ankündigung von Wissenschaftsminister Blume passen, der im „UKA 2.0“ eine „hohe Aufenthaltsqualität“ verwirklichen will. Als nächster Meilenstein steht im Herbst 2025 der Aufstellungsbeschluss für den entsprechenden Bebauungsplan an.


