Walter Mixa war noch nicht einmal ganz acht Monate als Bischof von Augsburg im Amt, da wurde sein dienstlicher Anstand den Akten zufolge erstmals einer schwerwiegenden Prüfung unterzogen. An diesem Tag Ende Mai 2006 rief ein Mixa unterstellter Pfarrer bei der Personalabteilung des Bischöflichen Ordinariats an und teilte mit, dass die Polizei gegen ihn ermittle. Der Grund dafür war ein Zwischenfall im Hallenbad: Dort hatten Kinder behauptet, der Pfarrer habe „vor ihren Augen onaniert und sie belästigt“.
Das zuständige Amtsgericht sah die Vorwürfe später als erwiesen an und verurteilte den Priester wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und exhibitionistischen Handlungen zu einer Geldstrafe. Beim Bischöflichen Ordinariat allerdings beließ man es bei einem Aktenvermerk und dem abschließenden Hinweis an den beschuldigten Geistlichen, es „müsse nun abgewartet werden, wie die Ermittlungen verlaufen“. Weitere Schritte unternahm Bischof Mixa in diesem Fall während seiner ganzen Amtszeit nicht mehr.

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Der Vorgang gehört zu den zahlreichen, detaillierten Fällen, welche die Unabhängige Aufarbeitungskommission Augsburg für eine neue Studie zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche zusammengetragen hat. 206 Seiten umfasst das Werk. Darin sind 193 Verstöße von Geistlichen im Bistum Augsburg aus der Zeit zwischen 1948 und heute gelistet. Es geht um schwere Straftatbestände wie Vergewaltigung und sexuelle Belästigung, aber auch um sittliche Grenzüberschreitungen: das gemeinsame Nacktduschen mit Jugendlichen, das Benutzen von sexualisierten Kosenamen oder das unangemeldete Hereinstolpern in die Umkleide der Ministranten.
Normalweise werden solche Studien an externe Experten vergeben, an Universitäten oder Compliance-Kanzleien. Im Fall der Diözese Augsburg, mit fast 14 000 Quadratkilometern Fläche und etwa 1,13 Millionen Katholiken das zweitgrößte der sieben Bistümer in Bayern, hat die Unabhängige Aufarbeitungskommission die Untersuchung allerdings selbst vorgenommen. Durch die Besetzung mit drei ehemaligen Richtern, einer Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und einer Theologin habe sich die Kommission in der Lage gesehen, die Studie selbst zu erarbeiten, sagt deren Vorsitzender Hubert Paul, früher Präsident des Augsburger Sozialgerichts. „Die Veranlassung für eine externe Vergabe gab es aus unserer Sicht nicht.“
Die im Januar 2022 begonnene eigene Auswertung soll eine Vertiefung der MHG-Studie sein. Mit dieser Studie – das Kürzel MHG steht für die Standorte der Forschungsinstitute in Mannheim, Heidelberg und Gießen – wurde im Herbst 2018 das Ausmaß sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirchen in ganz Deutschland offenkundig. Und auch wenn in Augsburg nun keine externen Experten eingesetzt waren: Falsche Zurückhaltung kann man der neuen Studie kaum unterstellen – vor allem mit Blick auf das formulierte Ziel, die Verantwortlichkeiten auf Ebene der Bistumsleitung herauszuarbeiten.
So kommt die Aufarbeitungskommission formal zwar zu dem Ergebnis, dass die Augsburger Bischöfe in den vergangenen knapp 80 Jahren nie persönlich sexuellen Missbrauch begangen haben. Dafür wird in Zahlen radikal offengelegt, wie sich die Bischöfe durch Wegschauen und Herunterspielen von solchen Fällen auch schuldig gemacht haben.
Viele Bischöfe haben sich um die Missbrauchsfälle in ihrem Bistum überhaupt nicht geschert
Während der Zeit von Walter Mixa zum Beispiel, der sich rund um seinen Rücktritt im Mai 2010 selbst Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt sah, die sich später jedoch nicht erhärten ließen, waren in Augsburg nach Aktenlage 17 Missbrauchsfälle bekannt geworden. Genauso wie bei dem Pfarrer, der im Hallenbad vor Kindern onaniert hat, ließ Mixa es aber noch in weiteren Fällen an einer angemessenen Reaktion fehlen – keine Sanktionen, keine Fürsorge. Die Unabhängige Aufarbeitungskommission attestiert ihm Fehlverhalten in einem Drittel der bekannten Fälle. Sein Nachfolger Konrad Zdarsa ließ immerhin noch in 5,9 Prozent der Fälle in seiner Zeit eine angemessene Reaktion vermissen.
Verglichen mit früheren Jahren sind das aber fast schon wieder gute Quoten. Die Augsburger Bischöfe Joseph Freundorfer (54,5 Prozent), Josef Stimpfle (63,6 Prozent) und Viktor Josef Dammertz (68,6 Prozent) haben sich den aktuellen Erhebungen zufolge so gut wie gar nicht um Fälle sexuellen Missbrauchs in ihrem Bistum geschert. In der Mehrheit der Fälle haben diese Bischöfe nur unzureichende Konsequenzen gezogen – wenn überhaupt.
Es habe früher ein „kollektives Schweigen“ gegeben, sagt Hubert Paul, der Chef der Unabhängigen Aufarbeitungskommission Augsburg. Oft seien missbrauchte Kinder manipulativ dazu gedrängt worden, „das Erlebte in einer Art Selbstzensur zu verharmlosen“. Sie hätten auch in der Pfarrgemeinde keinen Schutz und keine Unterstützung gefunden, man habe sie in ihrer seelischen Not schlicht allein gelassen. Die Folge seien oft gesundheitliche Probleme gewesen: Angstzustände, Albträume und Minderwertigkeitsgefühle – bis zu Suizidgedanken.
Tatsächlich waren es auch in dem vorliegenden Datensatz erschreckend oft Kinder, die Opfer von Missbrauch geworden sind. Die Studie arbeitet mit den Erlebnissen von 156 Betroffenen aus dem Bistum Augsburg. Mehr als 40 Prozent waren erst 14 Jahre oder jünger. Das entspricht allerdings dem gesamtgesellschaftlichen Schnitt bei Missbrauchsfällen. Auffällig ist dagegen der hohe Anteil von Kindern unter zehn Jahren: Zwölf Prozent sind es in der Studie. Die Aufarbeitungskommission geht davon aus, dass es sich hier teilweise um Kinder handeln könnte, die in kirchlichen Kinderheimen in Obhut waren.
Da dürfen wir uns jetzt nicht zur Ruhe setzen und sagen: Jetzt haben wir es geschafft.Bertram Meier
Und noch etwas ist an den Augsburger Zahlen auffällig: die mit zwei Dritteln hohe Zahl an männlichen Opfern. Zahlen des Bundeskriminalamts legen nahe, dass gesamtgesellschaftlich gesehen bei Missbrauchsfällen eher Frauen die Opfer sind, nämlich zu rund drei Vierteln.

Augsburgs amtierender Bischof Bertram Meier nahm die Studie am Donnerstag entgegen. Er sei „entsetzt“ über das Versagen der Verantwortlichen, sagt er. Groß zum Inhalt äußern könne er sich aber nicht, schließlich habe er vor der Übergabe auch noch keine Ahnung von den Ergebnissen gehabt. Ganz allgemein aber sagt er: Missbrauch sei ein Dauerthema, „da dürfen wir uns jetzt nicht zur Ruhe setzen und sagen: Jetzt haben wir es geschafft“. Und Meier, dem die Aufarbeitungskommission bislang übrigens keinen einzigen Verstoß gegen Verhaltensrichtlinien bei Missbrauchsfällen nachweisen konnte, ergänzt: „Ich möchte sagen, wie tief auch ich diese Schuld empfinde.“
Die Kommission hat sechs konkrete Empfehlungen erarbeitet, um Missbrauch im kirchlichen Umfeld zu bekämpfen: darunter Betroffenenfürsorge, konsequente Sanktionen, missbrauchssensible Fortbildungen – ein Punkt ist dabei aber ganz besonders interessant. Ganz konkret schlägt die Kommission ein Einladungsverbot für unbegleitete Minderjährige in Pfarrhäuser oder Privatwohnungen von Klerikern vor. Wie die Studie gezeigt hat, waren den Kindern vertraute Orte wie das Pfarrhaus oder das Ferienlager nämlich oft (31 Prozent der Fälle) die Tatorte oder zumindest die Orte der Tatanbahnung.

