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Augsburg:Neues Inklusionshotel eröffnet trotz Pandemie

Die Idee des Projektes war, Menschen etwa mit dem Down-Syndrom eine Alternative zu Werkstätten zubieten.

(Foto: Martin Beck)

Im Augsburger "einsmehr" arbeiten Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Das Projekt startet am Tag des neuen Lockdowns - aus guten Gründen.

Von Florian Fuchs, Augsburg

"Topmotiviert ist das Team", sagt Sandra Huerga Kanzler, die stellvertretende Direktorin. Und wie bestellt schneit ein Mitarbeiter zur Tür herein, der erst kurz verwirrt schaut, dann lächelt und erklärt, dass er jetzt zwei Stunden zu früh dran ist. "Dann fahre ich noch einmal heim", sagt er und dreht um. So ist das Hotel "einsmehr" in Augsburg, das an diesem Montag eröffnet. Nicht einmal Corona und der neuerliche Lockdown ausgerechnet am Tag der Eröffnung kann den Mitarbeitern die Laune verderben. Die haben so große Lust auf ihre Arbeit, dass sie schon einmal die Zeit vergessen.

Es ist aber auch kein normales Projekt, das dort in Augsburg entsteht. Ein Inklusionshotel ist entstanden, in dem von 24 Mitarbeitern zwölf eine Beeinträchtigung haben. "Für uns geht heute ein Traum in Erfüllung", sagt Katrin Lange, Vorsitzende des Vereins "einsmehr", der von Eltern getragen wird, deren Kinder das Down-Syndrom haben. Etwa 40 Inklusionshotels gibt es in Deutschland, darunter mit der neuen Augsburger Unterkunft auch sechs in Bayern. Das Besondere an dem Augsburger Projekt ist, dass die Mitarbeiter vorwiegend eine geistige Beeinträchtigung haben. Für Lange geht es darum, dass diese Angestellten nun die Möglichkeit haben, sich auf dem ersten Arbeitsmarkt einzubringen. Und genau daher rührt die immense Motivation der Kollegen.

Im Hotel "einsmehr" finden alle die passende Arbeit.

(Foto: Martin Beck)

Etwas mehr als 1,5 Millionen Euro hat der Bau des Projekts direkt in der Nähe des Klinikums Augsburg gekostet. "Die Finanzen", sagt Geschäftsführer Jochen Mack, "waren immer ein Thema." Das Team, das das Hotel hochgezogen hat, hat dafür aber immer wieder Türen öffnen können, bevor es überhaupt richtig angeklopft hat, wie Mack sagt. Der Freistaat hat einen Zuschuss gegeben, der Bezirk, die Stadt, dazu sind Spenden gekommen und einzelne Gewerke - allesamt aus der Region - haben jeweils einen guten Preis gemacht. 73 Zimmer bietet das Hotel nun, alle barrierefrei, acht davon rollstuhlgerecht. Wobei man das nicht verwechseln darf, das betont Mack auch: "Manche denken, Inklusionshotel bedeute, dass hier Menschen mit Beeinträchtigung einchecken." So ist das aber nicht gemeint: Offen ist die Unterkunft wie jede andere auch für alle Personen, ob für Touristen oder Geschäftsreisende, mit oder ohne Beeinträchtigung. Die Inklusion bezieht sich auf die Mitarbeiter.

Leitgedanke bei Planung und Bau war es nämlich, eine Alternative zur Arbeit in einer Werkstatt zu bieten. Etwa 90 Prozent aller Menschen mit Behinderung, erläutert Lange, arbeiten in einer dieser Einrichtungen und eben nicht am ersten Arbeitsmarkt. Dass der Bedarf an solchen Stellen aber da ist, zeigen die Bewerbungen: Zwölf Positionen gab es zu besetzen, 60 Bewerber schickten ihre Unterlagen. Die, die jetzt im "einsmehr" arbeiten, haben allesamt eine Qualifikation durchlaufen. Dabei hatten Mack und Lange gar nicht erwartet, dass tatsächlich alle der genommenen Bewerber bei der Stange bleiben. Aber, wie gesagt: Die Motivation ist hoch.

Ein Zimmer im Inklusionshotel "einsmehr".

(Foto: Martin Beck)

Im Service, im Housekeeping, in allen Bereichen des Hotels arbeiten Angestellte mit und ohne Beeinträchtigung zusammen. Nur die Arbeitsabläufe gestalten sich manchmal anders als in gewöhnlichen Hotels: So ist es wegen Problemen mit dem Handgelenk manchen Mitarbeitern nicht möglich, ein Bett perfekt zu herzurichten. Dafür können sie problemlos das Bad putzen. So wird die Reinigung eines Zimmers eben aufgeteilt. Die Chefs haben ihre Bewerber auch zu Praktika in andere Hotels geschickt. "Die Kollegen dort waren überrascht, wie reibungslos alles gelaufen ist", sagt Mack. Seine Hoffnung ist deshalb, dass einige Mitarbeiter mit Beeinträchtigung künftig den Sprung in Hotels schaffen, die nicht das Label "Inklusion" führen. "Das wäre für uns das Allerschönste."

Alles ist ökologisch und sozial nachhaltig geplant

Wobei die Frage ist, ob die Mitarbeiter überhaupt wieder weg wollen, denn auch die Gäste dürfen sich dort wohlfühlen. Es steckt viel drin in dem Hotel: Alles ist ökologisch und sozial nachhaltig geplant. Die Bettwäsche ist mit aufbereitetem PET gefüllt, die Topper der Betten sind aus recycelten Jeans genäht. Das Frühstück besteht aus regionalen Bioprodukten und das Haus verfolgt die Null-Plastik-Idee. "Wobei das zu Zeiten von Corona momentan nicht ganz durchzuhalten ist", sagt die stellvertretende Direktorin Huerga Kanzler. Es ist ja schon ein außergewöhnliches Pech für dieses außergewöhnliche Projekt, dass es ausgerechnet zum Start des zweiten Corona-Lockdowns öffnet. "Das macht die Sache nicht leichter für uns", sagt Hoteldirektor Raúl Huerga Kanzler, der das Haus gemeinsam mit seiner Frau leitet.

Das ganze Team ist trotz Pandemie-Vorschriften hoch motiviert.

(Foto: Martin Beck)

Es werden, so viel steht fest, ein paar der deutschen Inklusionshotels bald dichtmachen müssen wegen Corona. In Augsburg ist die Finanzierung aber erst einmal gesichert bis April. Und auch wenn es in den vergangenen Tagen wegen des Lockdowns wieder einige Stornierungen gab, so sind einige Buchungen bestehen geblieben. Ein Arzt etwa hat sich für einen Monat eingemietet, er hat im benachbarten Krankenhaus zu tun. Gerade die Nähe zum Uniklinikum kann für das Haus einen Standortvorteil bedeuten, über Corona hinaus.

"Wir wollten die Eröffnung nicht verschieben, weil jetzt alle gut eingearbeitet sind", sagt Mack. So wird die Corona-Zeit genutzt, um die Abläufe zu verfeinern: Die Mitarbeiter, das zeigt die Motivation, sind ohnehin kaum von der Arbeit abzuhalten.

© SZ vom 02.11.2020/sim
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