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Projekt "Agile Iller":Die Natur als Vorbild und ein Kraftwerk als Streitpunkt

Das Schachtkraftwerk, das an der Iller entstehen soll.

Das Schachtkraftwerk soll kaum sichtbar und für Fische stromauf- und -abwärts leicht durchgängig sein. Simulation: TUM

Die Iller ist in einem schlechten Zustand, deswegen wird sie über Jahre saniert. Eine Klage gegen das geplante Schachtkraftwerk ist nun endgültig gescheitert.

Die Natur soll das Vorbild sein beim Projekt "Agile Iller", in das die Länder Bayern und Baden-Württemberg gemeinsam 70 Millionen Euro investieren. Der Grenzfluss zwischen den beiden Bundesländern wird saniert, über zehn Jahre, in 59 Maßnahmen, weil die Flusslandschaft zu verbaut sei und sich "in mäßigem bis unbefriedigendem Zustand" befinde. Maßstäbe soll die Sanierung setzen, schreiben die Bundesländer, was die Gewässerökologie betrifft. Streit gibt es aber über ein neues Kraftwerk, das in den Fluss gesetzt werden soll: Der Bund Naturschutz lehnt es ab, ist allerdings vor Gericht mit einer Klage dagegen nun endgültig gescheitert. Mathias Fontin, der Betreiber aus München sagt: "Die Diskussion ist schon lange nicht mehr sachlich: Mit unserem Projekt verbinden wir Naturschutz und Klimaschutz so gut wie möglich."

Der Streit vor Gericht währt schon Jahre, nun hat der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg eine Revision für nicht zulässig erklärt, worüber Bernd Kurus-Nägele sauer ist: "Damit wird das Projekt Agile Iller wegen Paragraphenreiterei ad absurdum geführt. Der Fluss soll wieder naturnäher werden und jetzt bauen wir ihn für die nächsten Jahrzehnte mit einem Kraftwerk zu." Für den Geschäftsführer der Kreisgruppe Neu-Ulm des Bundes Naturschutz ist die Sache klar: Das Kraftwerk nahe Dietenheim südlich von Ulm werde für Fische nicht ausreichend durchgängig sein. Und auch das für die Wasserökologie wichtige Geschiebe von Kies und Geröll werde unterbunden. "Das hat Auswirkungen auf die Auenwälder und auf die Fauna, auf Amphibien, Libellen, kleine Organismen und auch Kammmolche." Er habe nichts gegen Wasserkraftwerke, schimpft Kurus-Nägele, aber da gebe es genug in den Kanälen. "Das brauchen wir jetzt nicht im Mutterbett."

Die Turbine liegt bei diesem Kraftwerk in einem Schacht im Flussbett. Grafik: TUM

Mathias Fontin gibt dem Bund Naturschutz sogar recht, dass Teile der Iller in einem ökologisch "katastrophalen Zustand" seien. Da enden die Gemeinsamkeiten allerdings schon: Er sieht das Kraftwerk als Kompromiss zwischen Klimaschutz durch grünen Strom und ökologischer Verbesserung - eben weil es kein normales Kraftwerk sei. Das Schachtkraftwerk, wie es genannt wird, hat Peter Rutschmann entwickelt, Professor für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Technischen Universität München. Wenn Rutschmann über sein Kraftwerk redet, dann kann er exakt erläutern, in welchem Winkel Fische den Kopf in die Strömung halten.

Bei herkömmlichen Flusskraftwerken wird das Wasser durch ein Maschinenhaus umgeleitet, um die Turbine anzutreiben. Das Schachtkraftwerk erzeugt Strom, indem Wasser in einen Schacht fließt, in dem Turbine und Generator untergebracht werden. Der Sog in den Schacht ist dabei zehn Mal geringer als bei herkömmlichen Kraftwerken. Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Mortalität für besonders gefährdete Fische in der Größe acht bis zehn Zentimeter bei zwei Prozent liege. Für mehr als 15 Zentimeter große Fische liege das Risiko gar bei null Prozent. Das Geschiebe von Kies funktioniere mit der Schachtkraftwerkstechnik sogar besser als im jetzigen Zustand ganz ohne Kraftwerk. "Wir hatten eigentlich gedacht, dass uns Naturschutzverbände dafür danken", sagt Rutschmann. Stattdessen gab es bereits beim Pilotprojekt in Großweil an der Loisach Klagen dagegen.

Unternehmer Fontin will noch mehr solche Kraftwerke in die Iller bauen, auch auf bayerischer Seite. Dafür, heißt es beim Bund Naturschutz, werde er durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz eine erhöhte Vergütung bekommen: Zwölf Cent pro Kilowattstunde statt wie bei alten Kraftwerken drei Cent. Fontin wird sich jedoch auf Widerstand einstellen müssen. Jonas Meinzer vom Wasserwirtschaftsamt Kempten, der für das Projekt Agile Iller zuständig ist, hält weitere Wasserkraftnutzung wegen des schlechten Zustands des Flusses für schädlich. "Das ist ein sehr sensibler Bereich", sagt er. Und auch das Umweltministerium teilt mit, dass staatliche Grundstücke an und in der Iller für Naturschutzprojekte genutzt und nicht für eine Wasserkraftnutzung zur Verfügung gestellt werden sollen. Das Ministerium spricht sich wegen der Sanierung des Flusses "gegen einen weiteren Wasserkraftausbau im Projektgebiet Agile Iller" aus. Bernd Kurus-Nägele kritisiert, dass der Freistaat schon früher klare Worte hätten finden müssen: "Dann hätte auch das jetzige Projekt verhindert werden können."

© SZ vom 23.05.2020/syn

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