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Wirtschaft:Augsburgs Zittern mitten in der Boomregion

Luftaufnahme vom Hotelturm in Augsburg der den Spitznamen Maiskolben trägt Das höchste Bauwerk im

Der 158 Meter hohe "Maiskolben" ist ein Wahrzeichen der Stadt Augsburg.

(Foto: imago/Michael Eichhammer)

Die Schließung des Fujitsu-Werks ist ein weiteres Zeichen für den wirtschaftlichen Umbruch in Augsburg. Internationale Konzerne nehmen bei ihren Entscheidungen über Standorte keine Rücksichten auf lokale Befindlichkeiten.

Der Fahrgastverband Pro Bahn hat gerade wieder einmal Alarm geschlagen. Die Züge von Augsburg nach München seien im Berufsverkehr dermaßen überfüllt, dass an den Haltestellen Pendler einfach stehen gelassen werden müssten, zum Beispiel in Mering im Landkreis Aichach-Friedberg. Diese Situation ist für die Betroffenen einerseits extrem ärgerlich, sie sollte andererseits aber ein Beleg sein für die wirtschaftliche Kraft der Metropolregion, die weite Teile des südbayerisches Raumes umfasst und damit auch Augsburg.

Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit niedrig, im Arbeitsamtsbezirk herrscht mit einer Quote von 3,2 Prozent beinahe Vollbeschäftigung. Es stellt sich derzeit aber wieder einmal die Frage, ob die schwäbische Bezirkshauptstadt langfristig nicht nur als günstigere Wohnortalternative im Vergleich zu München punkten, sondern sich auch selbst als attraktiver Wirtschaftsraum etablieren kann.

Unternehmen Fujitsu schließt Werk in Augsburg
Wegfall von 1500 Jobs

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Die Schließung wird alle 1500 Beschäftigten des Standorts betreffen, aber auch in anderen deutschen Niederlassungen sind Jobs gefährdet. Damit endet die Geschichte von Europas letztem Computerwerk.

Nach der jüngsten Ankündigung des japanischen Konzerns Fujitsu, sein Computerwerk mit 1800 Beschäftigten bis September 2020 zu schließen, sehen sich die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaftskammern, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften nun zu einer kritischen Analyse zur Zukunft der Region Augsburg gezwungen. "Wir müssen neue Akzente setzen", fordert etwa der Hauptgeschäftsführer der schwäbischen Industrie- und Handelskammer, Peter Saalfrank.

Auf den ersten Blick stimmen die Rahmenbedingungen für eine prosperierende Entwicklung. Mit der Autobahn A 8 im Norden und der Verbindungsachse B 17 Richtung Süden zur A 96 ist die Stadt besser und störungsfreier an das Verkehrsnetz angebunden als die Landeshauptstadt. Mit dem derzeit laufenden Umbau des Hauptbahnhofs in Augsburg wird zudem das Schienennetz auf der Achse Paris-Wien optimiert. Ein Technologiezentrum ist entstanden, die außeruniversitäre Forschung floriert. "Augsburg ist stark in der Umwelttechnologie, in der Luft- und Raumfahrt und im Bereich der neuen Materialen wie Carbon", konstatiert Bayerns Wirtschaftsminister Franz Josef Pschierer. Weshalb wenden sich dann Unternehmen von Augsburg ab? "Es ist schon auffällig, dass wir diese Entwicklung haben", sagt Saalfrank.

Zerschlagungen der Firmen schürten "die Angst in der Bevölkerung"

Wegen des Strukturwandels vom klassischen produzierenden Gewerbe hin zur Hochtechnologie kam es in den vergangenen Jahren zu Werksschließungen und Insolvenzen. Der Weltbild-Verlag, der Autozulieferer Wafa, die kurzzeitig wiederbelebte Motorradmarke Horex sind einige Beispiele. Die Turbulenzen um den Druckmaschinenhersteller Manroland mit anschließender Aufsplittung haben auch aufgezeigt, wie fragil der Wirtschaftsstandort ist. Und zuletzt der Lampenhersteller Ledvance, ein ehemaliges Osram-Unternehmen, das seine Produktion schließen wird. Zum 1. November wurden die meisten der 700 Mitarbeiter freigestellt. Damit geht eine 100-jährige Tradition der Leuchtenherstellung in Schwaben zu Ende.

Es sind die Folgen der Globalisierung, die die Menschen umtreiben. Die Zerschlagungen der Firmen schürten "die Angst in der Bevölkerung", so fasst die SPD-Vorsitzende in Augsburg, Ulrike Bahr, die Stimmung zusammen. Die Ursache für diese Entwicklung liegt für IHK-Geschäftsführer Saalfrank auf der Hand: Der Standort Augsburg sei gekennzeichnet durch große Konzerne, deren Geschäftsführung nicht vor Ort sitze. Damit besteht für Konzerne wie Fujitsu in Japan und Ledvance in China keine emotionale Bindung zu ihren Werken in Bayern.

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Aus ihrer Sicht besteht kein Anlass, die Arbeitnehmer in der Region bei ihren unternehmerischen Überlegungen zur Kostenersparnis im Vergleich mit anderen Werken rund um die Welt bevorzugt zu behandeln. Auch andere große Betriebe in Augsburg seien längst fremdbestimmt, sagt Saalfrank. Der Roboterhersteller Kuka ist ein Aushängeschild der Maschinenbaubranche. Auch dieses Unternehmen, längst in chinesischer Hand, sorgte in diesen Tagen für Aufsehen, weil es seine Umsatzprognose nach unten korrigierte. Das ist angesichts der abkühlenden Konjunktur nicht ungewöhnlich, schürt aber in Augsburg Befürchtungen.

Saalfrank fordert die Politik auf, sich zu wappnen. Man müsse auf die Konzernzentralen zugehen, um die Verantwortlichen in "präventiven Dialogen" stärker an die Region zu binden. Inwieweit solch eine Charmeoffensive Konzernlenker in Fernost tatsächlich beeindrucken würde, dass weiß auch Saalfrank nicht. "Die endgültige Lösung haben wir noch nicht."