Es ist eine dunkle Welt, mit Totenfratzen und Leid, mit Gewalt und Krieg. Aber eben auch mit Blumen und Regenbogen, mit bunten Farben, die sich ihren Weg ins Dunkle bahnen. Emilia Riß hat das Bild gemalt, eine 16 Jahre alte Berufsschülerin. „Jetzt erst recht Frieden wagen“, lautet das Motto des diesjährigen Malwettbewerbs des evangelisch-lutherischen Dekanats Augsburg zum Hohen Friedensfest. Emilias Gemälde ist zum Augsburger Friedensbild 2025 gekürt worden, es ziert das offizielle Plakat zum Friedensfest.
Das ist eine besondere Ehre zum Jubiläum. 375 Jahre gibt es das Augsburger Friedensfest nun, seit 1950 mit dem dazugehörigen, einzigartigen Feiertag, der auf die Stadtgrenze beschränkt ist – und damit Augsburg zu der Stadt mit den meisten Feiertagen in Deutschland macht. Das Hohe Friedensfest begleitet ein wochenlanges Kulturprogramm, es ist als immaterielles Kulturerbe der Unesco gelistet und erinnert an die nach dem Dreißigjährigen Krieg zurückgewonnene Gleichstellung der Konfessionen in der Stadt. Religionen und Menschen jeglicher Herkunft zu verbinden, friedlich zusammenzuleben, in Augsburg und auf der Welt, dazu soll das Fest beitragen, sagt der Augsburger Dekan Frank Kreiselmeier – damals wie heute.
Es ist eine Leistung, dass es das Fest überhaupt durch die Jahrhunderte geschafft hat, dass die alljährlichen Feierlichkeiten nicht irgendwann gestoppt und vergessen wurden. Am 24. Oktober 1648 endete der Dreißigjährige Krieg. Den Westfälischen Frieden feierten viele Städte landauf, landab. Die Augsburger Protestanten aber entschieden sich, der Ereignisse in ihrer Stadt zu gedenken. „Insofern ist das Fest tief verwurzelt in der Stadt, die Menschen haben einen ganz eigenen Zugang“, sagt Kreiselmeier. Die Augsburger Protestanten trafen sich im Jahr 1650 nicht am 24. Oktober, sie wählten den 8. August, um erstmals zu feiern – aus ihrer Sicht ein Datum des Schreckens.
21 Jahre zuvor nämlich, am 8. August 1629, schlossen die Katholiken die evangelischen Kirchen der Stadt, sie untersagten den 14 Predigern jede weitere Amtshandlung. Es war der Beginn einer wechselseitigen Unterdrückung von Katholiken und Protestanten in der Stadt, die erst mit dem Westfälischen Frieden ein Ende fand. Auch in Augsburg galt fortan, was 1555 bereits im Augsburger Religionsfrieden Niederschlag gefunden hatte: Beide Konfessionen existierten gleichberechtigt, alle städtischen Ämter werden paritätisch besetzt. Für die Augsburger Protestanten ein Geschenk Gottes, das sie „mit Pauken und Trompeten“ feierten. „So ist es in den Quellen überliefert“, sagt Kreiselmeier.
Die Gotteshäuser waren mit Blumen und Kränzen geschmückt, es gab Musik und Dankpredigten– und ein paar Tage nach dem 8. August immer ein Kinderfriedensfest. Kreiselmeier sagt: „Es ging den Augsburger Protestanten darum zu zeigen: Hurra, wir sind wieder da. Es war ihnen aber auch ein großes religiöses Bedürfnis, Gott zu danken.“ Den Schmuck, die Musik, das Kinderfest, das gibt es heute noch. Bereits von 1651 an gab es auch jährlich ein Friedensgemälde, damals noch mit religiösen Motiven. Ein Brauch, der irgendwann einschlief, und erst vor Jahrzehnten wieder eingeführt wurde, in abgewandelter Form mit dem Malwettbewerb.



Das Fest überdauerte die Jahrhunderte und auch den Nationalsozialismus. Selbst zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs feierten die Protestanten ihr Friedensfest. „Man hat vielleicht nicht mehr dieses Volksfest gehabt, man hat es eben ins Innere verlegt, als reine Gottesdienste abgefeiert. Aber man hat weitergefeiert.“ 1950 erhob der Bayerische Landtag das Hohe Friedensfest in Augsburg zum Stadtfeiertag und festigte so das Gedenken.
Die Katholiken waren lange außen vor, über die Jahrhunderte beäugten sie die Feierlichkeiten der Protestanten eher kritisch. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Schon im Zweiten Weltkrieg, sagt Kreiselmeier, standen ja beide Kirchen unter Beobachtung. „Katholische und evangelische Pfarrer agierten gemeinsam, um Menschen zu helfen.“ Die mehr oder weniger unfreiwillige Zusammenarbeit wich einem bewussten Austausch. „Man ist stärker aufeinander zugegangen, auch beim Friedensfest.“ Seit 2002 feiern die Katholiken ganz offiziell mit. „Seitdem gibt es ein ökumenisches Fest“, sagt Kreiselmeier. In das sich, das betont der Dekan, inzwischen auch die muslimische Gemeinde der Stadt einbringt.
Dieser Frieden zwischen den Religionen in Augsburg, das sich selbst als Friedensstadt bezeichnet, ist auch dem Rathaus zu verdanken. In den Achtzigerjahren war es gar nicht mehr so selbstverständlich, dass es Jahr für Jahr am 8. August einen Feiertag gibt. Die Wirtschaft, der Handel, sie waren es leid, dass die Menschen nach München zum Shoppen fuhren, weil in Augsburg die Läden geschlossen hatten. „Es gab durchaus Bestrebungen, das Friedensfest als gesetzlichen Feiertag abzuschaffen“, erinnert sich Kreiselmeier. „Es war wichtig, dass sich dann die Stadt stark engagiert hat, um dieses hohe Gut nicht einfach preiszugeben.“
2005 gründete Augsburg sein Friedensbüro, das das Rahmenprogramm für das Friedensfest organisiert. Die Feiern hätten, sagt Kreiselmeier, einen partizipativen Anspruch. Mehr als 140 Veranstaltungen von Mai bis August gab es auch dieses Jahr wieder: Konzerte, Theater, Lesungen, Film- und Gesprächsreihen, Vorträge, Ausstellungen, Installationen mit den Schwerpunkten Frieden, erinnern, gestalten, bewahren und feiern.
Die Friedenstafel der Stadt ist das vielleicht bekannteste Bild vom Augsburger Hohen Friedensfest: Viele weiß gedeckte Tische sind auch dieses Jahr wieder am 8. August auf dem Rathausplatz aufgestellt, Besucher bringen ihre Speisen und Getränke mit, begegnen fremden Tischnachbarn, kommen ins Gespräch. Die Friedenstafel ist ein Symbol für das friedliche Miteinander, für das das Fest steht. „Selbst wenn du von außen kommst, als Tourist, kannst du einfach mit dabei sein“, sagt Kreiselmeier.


