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Augsburg:Wie "Fridays for Future" wieder in die Öffentlichkeit will

Wer in diesen Tagen ins Augsburger Rathaus will, kommt am Thema Klimaschutz kaum vorbei.

(Foto: Florian Fuchs)

Seit eineinhalb Wochen campen Dutzende Aktivisten vor dem Augsburger Rathaus, um für einen schnelleren Kohleausstieg zu demonstrieren. Auch andernorts werden nach der Corona-Zwangspause die Klimaschützer aktiv.

Von Florian Fuchs und Katharina Kausche, Augsburg

Der Fahrer des weißen Lieferwagens bringt etwas für das Rathaus, da muss er nun aber vorbeifahren an Transparenten, Bannern, einer Sitzecke und Zelten. Aktivisten von "Fridays for Future" (FFF) haben in der Augsburger Innenstadt zwischen Rathaus und Perlachturm ein Klimacamp aufgebaut, sie protestieren gegen das vergangene Woche beschlossene Kohleausstiegsgesetz und werben für lokale Maßnahmen gegen den Klimawandel. Eineinhalb Wochen haben die Klimaschützer den Platz nun besetzt, das beeindruckt auch den Lieferanten. Er wolle nicht stören, sagt er vorsichtig, aber ob er seinen Wagen kurz abstellen könne? Dann sei der Weg ins Rathaus nicht so weit.

50 bis 70 junge Augsburger Klimaschützer demonstrieren hier jeden Tag, auch nachts sind meist 20 bis 30 vor Ort, sie schlafen in einem Zelt. Passanten bleiben stehen und informieren sich, Leute bringen Essen oder Kaffee, Lieferanten fragen höflich, ob sie stören dürfen. "Wir bekommen vorwiegend positive Reaktionen", sagt die örtliche FFF-Sprecherin Sarah Bauer. Mit ihrem Protest haben die Augsburger bundesweit ein Zeichen gesetzt. In Städten wie Hamburg oder Köln haben es ihnen Gleichgesinnte nachgemacht, dort sind die sogenannten Klimacamps aber schon wieder aufgelöst. In Augsburg sind sie hartnäckiger. "Wir müssen uns Gehör verschaffen", sagt die 16-Jährige.

Das war bedingt durch die Coronakrise nicht so einfach in den vergangenen Monaten. Es ist durch den Lockdown und die Beschränkungen ein bisschen leiser geworden um Klimaaktivisten von FFF oder auch von "Extinction Rebellion", die in Augsburg ebenfalls dabei sind. Bauer und ihr 17 Jahre alter Mitstreiter Leon Ueberall wollen das gar nicht kritisieren. "Wir müssen mit Corona vorsichtig sein, wir glauben auch da an die Wissenschaft", sagt Bauer. Aber das vor einer Woche vom Bundestag beschlossene Kohleausstiegsgesetz sei nicht kompatibel mit den Pariser Klimazielen. Und in Augsburg sei nicht unbedingt zu erkennen, dass die Stadt ihren selbst verliehenen Titel "Fahrradstadt" tatsächlich mit Leben fülle, weshalb die Aktivisten auch Unterschriften für einen Radentscheid sammeln. Sie wollen jetzt wieder mehr in die Öffentlichkeit.

Nach dem Corona-Lockdown nach vorne schauen will auch Leonie Häge von FFF Regensburg. "Die Krise hat gezeigt, dass man schnell reagieren kann, und das wollen wir auch für den Klimaschutz." Sie wollen nun raus aus der "digitalen Filterblase", in der sie während des Lockdowns kommuniziert hatten und "die Menschen wieder einbinden". Auf "kleine Nadelstiche" müsse man setzen, findet Karim Abu-Omar von Extinction Rebellion. Massenproteste mit Tausenden Menschen wie vor Corona werde es erst einmal nicht geben. "Und das ist schwierig, weil wir genau dafür eigentlich gebaut sind", sagt er. Trotzdem: "Wir müssen zeigen, dass wir noch da sind." Präsent bleiben ist das Stichwort - und kreativ bleiben. Man müsse neue Wege finden, um wirksame Proteste mit geringer Ansteckungsgefahr zu organisieren.

Es ist eine Rückkehr ins Lokale. Kleinere Demonstrationen, oft gemeinsam mit anderen Klimabewegungen, sind der Plan. "Die Leute sollen uns einfach mal wieder in der Stadt sehen", sagt Leonie Häge. Bayernweite Aktionen sind dabei nicht vorgesehen. Die neue Situation könne aber auch eine Chance sein, sich Aktionen zuzuwenden, die vorher zu kurz kamen. "Vieles konnten wir zeitlich gar nicht so umsetzen, weil wir die großen Demos geplant haben", sagt Florian Fischer von FFF Erlangen. Ab und zu habe es Workshops und Treffen mit Experten gegeben, "jetzt wollen wir das öfter machen". In Erlangen seien kleinere Demos geplant, die sich lokale Themen vornehmen - die Bilanz nach einem Jahr "Klimanotstand" in Erlangen zum Beispiel.

Einen anderen Weg geht zurzeit Greenpeace. Man wünsche sich zwar auch wieder mehr Öffnung, sagt Marina Gühlke von Greenpeace München, "aber noch rufen wir nicht zu Demos auf". Nur in kleinen Gruppen und nur mit Mitgliedern geht die Organisation auf die Straße. "Wir versuchen über unsere Schilder zu kommunizieren", sagt sie. Aufgedruckte QR-Codes, die zu Petitionen oder Infoseiten leiten, sollen kontaktlos eine Diskussionskultur schaffen. Karim Abu-Omar von Extinction Rebellion zeigt noch einen anderen Weg auf - den parlamentarischen. So wie in Erlangen, wo im März diesen Jahres die "Klimaliste" mit zwei Sitzen in den Stadtrat einzog. "Eigentlich möchten Fridays For Future und Extinction Rebellion das nicht", sagt er, "aber gerade weil wir zurzeit keine großen Aktionen machen können, wäre das eine Möglichkeit etwas zu bewegen".

In Augsburg würden die Aktivisten auch gerne mehr im Stadtrat bewegen. Immerhin durften sie im Umweltausschuss für ihre Anliegen werben - ein CSU-Stadtrat verließ allerdings demonstrativ den Saal. Als sie sich ins Rathaus setzen wollten, um mit Verantwortlichen zu sprechen, kam ein großes Polizeiaufgebot. Und zu Beginn des Wochenendes eröffnete ihnen das Ordnungsamt, dass jetzt Schluss sein müsse mit dem Camp. Die Aktivisten wehren sich juristisch. Mit den meisten Stadträten konnten sie trotzdem diskutieren, einer blieb sogar zum Mittagessen im Camp, es gab Spätzle mit Rahmsoße. Auch Grünen-Politikerin Claudia Roth, Augsburgerin und Vizepräsidentin des Bundestags, hat vorbeigeschaut. "Wir kommen wieder ins Gespräch, das ist positiv", sagt Leon Ueberall. Und darum geht es ja nach den Corona-Lockerungen.

© SZ vom 13.07.2020/vewo
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