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Streit um Corona-Summerschool:"Innovation ist in der Schullandschaft nicht unbedingt willkommen"

Coronavirus - Schulen in Bayern

Um die Summerschool, bei der Schüler Corona-Lücken auffüllen sollten, gibt es Streit (Symbolbild).

(Foto: dpa)

Der Augsburger Professor Klaus Zierer plant eine Sommerschool, bei der Schüler Corona-Lücken auffüllen sollen. Der Bedarf ist da - doch das Kultusministerium genehmigt das Projekt nicht.

Von Anna Günther, Augsburg

Die Idee ist offenbar gut: In einer Summerschool sollen Schüler des Schulwerks der Diözese Augsburg Corona-bedingte Wissenslücken auffüllen können, unterrichtet von speziell gecoachten Lehramtsstudenten. Ende März, Wochen nach den Augsburgern, kündigte auch Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) ein Förderprogramm für Schüler an - etwa mit Intensivkursen im Sommer, betreut von Studenten und Pensionisten.

Auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) stellte kürzlich eine Bildungsmilliarde für ein Nachhilfeprogramm mit Pensionisten und Studenten in Aussicht. Der Bedarf ist da: Lehrerverbände schätzen, dass bis zu 25 Prozent der Schüler Lücken haben, die sie allein und parallel zur Schule nicht schließen können. Entsprechend groß ist die Verwunderung in Augsburg, wieso die Summerschool-Idee nicht genehmigt wurde.

"Innovation ist in der Schullandschaft nicht unbedingt willkommen, insbesondere nicht, wenn die Idee nicht aus dem Kultusministerium kommt. Oder jemand anderes schneller war", sagt Klaus Zierer. So erklärt sich jedenfalls der Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg das Veto der schwäbischen Vertretungen des Kultusministeriums. Die Praktikumsstelle für Grund- und Mittelschulen hatte das Konzept zuerst abgesegnet und keine Probleme erkennen wollen, daraufhin begann die Planung. Nachdem Zeitungen darüber berichtet hatten, kam das Veto aus den Ministerialdienststellen für Realschulen und Gymnasien. Die Grund- und Mittelschulkoordinatorin zog wieder zurück. Das Argument: Die Summerschool entspricht nicht den Regeln.

Der Knackpunkt ist offenbar, dass Zierer und Schulwerkchef Peter Kosak eine Win-win-Situation für die Kinder der 31 Realschulen und Gymnasien des Schulwerks und für Zierers Studenten schaffen wollten: Fünft-, Sechst- und Siebtklässler mit Nachholbedarf sollen in den Sommerferien zwei Wochen lang gezielt Nachhilfeunterricht in Deutsch, Mathe und Englisch bekommen. Drei bis fünf Kinder sollen von den angehenden Lehrern unterrichtet werden. Von Zierer entwickelte Tests sollten ermitteln, wo es genau hapert. Die Studierenden werden speziell auf diese individuelle Förderung vorbereitet und mit eigens erarbeitetem Lernmaterial ausgestattet. Ein Schulbuchverlag ist mit an Bord. 30 Euro pro Stunde sollen Studenten bekommen und - das ist das Problem - die zwei Wochen Unterricht in der Summerschool sollte auf ihr Pflichtpraktikum angerechnet werden. Dem schoben die schwäbischen Vertreter des Kultusministeriums nun den Riegel vor.

Für Zierer und Kosak ist das nicht nachvollziehbar, würden Studierende in drei Wochen Hospitation und zwei Wochen Unterricht doch mehr Praxiserfahrung sammeln als in den vorgeschriebenen fünf Wochen Hospitation, die meist aus Zusehen und fünf Unterrichtsversuchen bestehen. Darüberhinaus kritisierte die Ministerialdienststelle der Realschulen, dass die Studenten für die Summerschool bezahlt werden, schließlich seien Praktika Zulassungsvoraussetzung fürs Staatsexamen. Und Ziel könne es angesichts des "Ausbildungsmonopols" des Staates nicht sein, der "Tutorengewinnung" eines "privatwirtschaftlich orientierten Förderangebots" zu dienen.

Steckt etwa auch das Buhlen um die Ressource Student dahinter? Staat gegen Bistum? 885 Schulen gibt es in Schwaben, 400 Augsburger Studenten sind laut Zierer in der Hospitationsphase. 100 davon haben sich für die Summerschool des Schulwerks freiwillig gemeldet. Auch das Kultusministerium setzt für die Sommer-Intensivkurse auf Studenten, Pensionisten und Referendare.

Das letzte Wort scheint noch nicht gefallen zu sein

Zierer ist die Resignation anzuhören: "Wir haben eine Pandemie-Situation und versucht, rasch etwas anzustoßen. Und dann so was?!" Schule könne man halt nur im Graubereich verändern, sagt der Professor. Dabei hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor zwei Wochen erst nach der Kabinettssitzung "mehr Bewegung" im Schulsystem und "mehr Willen zu moderner Pädagogik" angemahnt.

Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Uni Augsburg

Klaus Zierer ist Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Bevor er die akademische Laufbahn einschlug, arbeitete Zierer fünf Jahre lang als Grundschullehrer.

(Foto: Klaus Zierer/Klaus Zierer)

Aber das System Schule gilt als besonders starr, die Verharrungskräfte sind enorm. "Eitelkeiten und Kleinkriege" habe man sich jetzt gespart, sagt der Augsburger Professor. "Es geht doch um die Kinder, und die Zeit ist knapp." Sie planen also um und hoffen, dass die Studenten zusätzlich zu ihrer fünfwöchigen Hospitation auch noch Vor- und Nachbereitungskurse sowie zwei Wochen Summerschool absolvieren. Bisher sieht es gut aus, nur drei haben abgesagt. Belohnen will Zierer das Engagement der Summerschool-Studenten trotz Veto: Sie können sich die Nachhilfe fürs Studium anrechnen lassen.

Das letzte Wort scheint zudem noch nicht gefallen zu sein: Im Kultusministerium spricht man von einem "Missverständnis". Man begrüße die Sommerschul-Initiative des Schulwerks, heißt es. Positiv sei auch, "wenn Lehramtsstudierende eine entsprechende vergütete Tätigkeit übernehmen". Ob und in welchem Umfang diese aufs Pflichtpraktikum angerechnet werden könne, "werden wir erneut prüfen", wenn das Konzept vorliegt. Auf die Frage, wie denn das Konzept der staatlichen Sommerkurse aussieht, kam keine Antwort.

© SZ vom 01.04.2021/wean
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