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Augsburg:Bayerns schwerster Blindgänger wiegt 1,8 Tonnen

Die britische Fliegerbombe liegt mitten im Zentrum Augsburgs. (SZ-Grafik; Quelle: Stadt Augsburg)

  • Der britische Blindgänger, der in Augsburg gefunden wurde, wiegt 1,8 Tonnen.
  • Am ersten Weihnachtsfeiertag müssen 54 000 Menschen ihre Wohnungen verlassen, wenn die Fliegerbombe unschädlich gemacht wird.
  • Selten hat es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg derartig riesige Bombenfunde gegeben.

Von Tahir Chaudhry, Augsburg

Die Fliegerbombe, die am ersten Weihnachtsfeiertag in der Augsburger Innenstadt entschärft werden soll, ist ein Gigant. 1,8 Tonnen wiegt der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, etwas Vergleichbares ist in Bayern noch nie gefunden worden. Eine Fliegerbombe, die jüngst in Passau entdeckt wurde, wog 250 Kilogramm, eine in Nördlingen 450 Kilogramm. Bauarbeiter hatten den Sprengkörper in Augsburg bei Baggerarbeiten für eine Tiefgarage entdeckt.

Zunächst hatte die Stadt gar 3,8 Tonnen vermeldet, korrigiert das aber am Donnerstag. "Es handelt sich um eine britische Luftmine des Typs HC 4 000 - die einzige Fliegerbombe seiner Art, die in Bayern gefunden wurde", sagt Andreas Heil vom Sprengkommando Tauber, dessen Kollege die Bombe entschärfen wird. Luftminen waren im Gegensatz zu anderen Fliegerbomben auf einen Flächenschaden ausgerichtet, erklärt er. Sie waren mit bis zu 80 Prozent ihres Gewichtes mit hochexplosivem Sprengstoff gefüllt, deshalb die Abkürzung HC. Das steht für "high capacity", also für hohe Füllmenge.

Fliegerbombe Augsburg

Der Blindgänger ist mit einem Zelt abgedeckt. Am ersten Feiertag soll er entschärft werden.

(Foto: dpa)

Eine Luftmine desselben Typs, aber mit geringerem Gewicht wurde im Januar 2014 in Euskirchen gefunden. Sie explodierte und tötete einen Baggerfahrer, 13 Menschen wurden verletzt. Doch der Sprecher der Stadt Augsburg, Richard Goerlich, mahnt zur Ruhe: "Wir wünschen uns keine Spekulationen über das Gefahrenpotenzial der Bombe und vor allem keine Panik." Der Evakuierungsradius von 1500 Metern mache deutlich: die Zerstörungskraft der Bombe ist immens.

Am Tag der Entschärfung, am ersten Weihnachtsfeiertag, werden etwa 54 000 Augsburger ihre Wohnungen verlassen müssen. Auch das ist ein Rekord. Bei den bislang größten Evakuierungen in Deutschland mussten sich im Dezember 2011 in Koblenz 45 000 und im Mai 2015 in Köln 20 000 Menschen in Sicherheit bringen. Nicht nur Wohnungen sind betroffen, auch der Augsburger Dom, ein Dutzend Kirchen, fünf Klöster, ein Krankenhaus, vier Altenheime und eine Behindertenwohnstätte. Eine Mammutaufgabe für die Sicherheitskräfte: 800 Polizisten werden im Einsatz sein, um die betroffenen 32 000 Haushalte zu kontrollieren.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, seit 70 Jahren, gehören Bombenfunde zum deutschen Alltag. Auf dem gesamten Bundesgebiet werden immer wieder Patronenmunition, Granaten und Bombenblindgänger gefunden, die nach Abschuss oder Abwurf nicht oder nur teilweise detonierten. Es wird angenommen, dass während des Zweiten Weltkriegs etwa 1,2 Millionen Tonnen Bomben abgeworfen wurden. Die Quoten blind gegangener Munition bewegen sich, Experten zufolge, zwischen zehn und 20 Prozent, doch genau kann das niemand sagen.

Unklar ist, welchem Ziel die Bombe im Krieg galt

Der Fundort der Fliegerbombe in Augsburg befindet sich in der Jakoberwallstraße, unweit von der Innenstadt und dem Augsburger Hauptbahnhof. Etwa 1500 Meter Luftlinie entfernt, liegt auch das Produktionsgelände des Maschinenbaukonzerns MAN. Welches Ziel die Bombe damals treffen sollte, darüber kann nur spekuliert werden. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt Augsburg schwere Schäden durch Luftangriffe, denn die Stadt war der Sitz wichtiger Rüstungsunternehmen wie der Messerschmitt AG und MAN, die für die Herstellung von Kriegsgerät eine zentrale Rolle spielten.

Mehr als zehn Mal wurde Augsburg von den amerikanischen und britischen Angreifern bombardiert. Am 25. und 26. Februar 1944 erfolgte der schwerste Angriff. 250 000 Stabbrandbomben, 45 000 Phosphorkanister und 12 000 Flüssigkeitsbomben fielen auf die Stadt. "Laut den alliierten Unterlagen wurden dabei auch mehrere hundert Luftminen der Modelle HC 4 000 und HC 2 000 abgeworfen", sagt Johannes Kröckel von der Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH in Estenfeld. Eine davon ist nun wieder aufgetaucht.

© SZ vom 23.12.2016/vewo

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