Augsburg Bayern treibt Kindern den Dialekt aus

Was hilft Schülern? Einheitsdeutsch oder regionale Sprachvielfalt?

(Foto: Toni Heigl)
  • Das Bayerische Kultusministerium betont wiederholt, wie wichtig der Dialekt für die Erziehung ist. Damit werde ein besonderer Bezug zum eigenen Kulturraum geschaffen.
  • Eine Studie zeigt nun: Die Schulbücher propagieren keine sprachliche Vielfalt, sondern eine hochdeutsche Einheitssprache. Dialekt werde als Kommunikationshindernis dargestellt.
  • Der Verfasser der Studie erkennt den Nutzen einer Einheitssprache an. Allerdings solle kein passiver Druck auf Kinder ausgeübt werden.
Von Hans Kratzer, Augsburg

Bayerische Kinder werden in der Schule sprachlich indoktriniert. Vor allem in den Lehrbüchern wird ihnen eingebläut, Dialekte zu vermeiden und ausschließlich hochdeutsch zu sprechen. Zu diesem Ergebnis kommt der an der Universität Augsburg lehrende Germanist Peter Maitz. Der Wissenschaftler hat die in Bayern zugelassenen Schulbücher systematisch analysiert. Er wollte herausfinden, wie der Umgang mit Dialekten und anderen Sprachformen jenseits der Standardsprache in den Lehrbüchern thematisiert wird. "Das Ergebnis hat selbst mich verblüfft", resümiert Maitz, "dass die Situation so schlimm ist, hätte ich nicht gedacht."

Für Maitz ist die sprachliche Indoktrination durch Schulbuchtexte ein unhaltbarer Zustand. Sie widerspreche den Vorgaben der Bayerischen Verfassung und des Grundgesetzes. Das Kultusministerium hat zuletzt in einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage der Freien Wähler betont, es sei eine wichtige Aufgabe, "an den Schulen in Bayern bei allen Schülerinnen und Schülern das Bewusstsein dafür zu schärfen, Dialekt als Wurzel und bereicherndes Element der deutschen Sprache wahrzunehmen." Auch Kultusminister Ludwig Spaenle wird nicht müde, den Wert der sprachlichen Vielfalt zu betonen: "Der Dialekt schafft einen besonderen Bezug der Kinder zum eigenen Kulturraum und zu den Menschen, die darin leben."

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Die wissenschaftliche Analyse von Maitz zeigt, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Die Schulbücher propagieren keineswegs sprachliche Vielfalt, sondern eine hochdeutsche Einheitssprache. Subtil und unverhüllt werde den Schülern nahegelegt, nur ja nicht Dialekt zu sprechen. "Das ist ein ernsthaftes Problem", sagt Maitz. Die Schule verhindere auf diese Weise die Förderung der sprachlichen Vielfalt, wie sie vom Ministerium explizit gefordert werde. Selbst süddeutsch gefärbtes Hochdeutsch werde als problematisch ausgewiesen, Dialekt werde gar als Kommunikationshindernis dargestellt. Und das vor dem Hintergrund, dass zwischen Sprache und Diskriminierung ein enger Zusammenhang besteht, wie Maitz betont.

Er weist darauf hin, dass in Deutschland selbst Muttersprachler, wenn sie nur eine sprachliche Färbung zeigen, soziale Nachteile und Diskriminierung hinnehmen müssen. Nur ein Beispiel von vielen: Einer Studierenden an einer süddeutschen Universität teilte der Prüfer nach einer mündlichen Prüfung mit, die Note 1 habe sie nicht verdient, sie habe "zu sehr geschwäbelt".

In vielen Stellenanzeigen wird mittlerweile unverhüllt erklärt, es würden nur Bewerber akzeptiert, "die akzentfrei deutsch sprechen." "Das widerspricht dem Grundgesetz", sagt Maitz. Dort heißt es in Artikel 3: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft benachteiligt oder bevorzugt werden." "Es fehlt das Bewusstsein für das Problem", sagt Maitz. Diskriminierung durch Hautfarbe, Religion und sexuelle Orientierung werde in Deutschland stark thematisiert.

"Die Benachteiligung durch die Sprache wird dagegen nicht beachtet." Umso bedauerlicher sei die Rolle der Schule in der Verfestigung einer sprachlichen Ideologie aus dem 19. Jahrhundert. Damals sei Hochdeutsch zum Sozialsymbol des gehobenen Bürgertums geworden. Die liberale und pluralistische Gesellschaft von heute tradiere die bildungsbürgerlichen Sprachideale des 19. Jahrhunderts unreflektiert weiter. "Das ist geradezu anachronistisch."

Zur Reihe der stigmatisierten Sprachvarietäten zählt Maitz nicht nur die Dialekte, sondern auch Jugendslangs wie das Kiezdeutsch. "Es ist natürlich notwendig, hochdeutsch zu sprechen", sagt Maitz. Kinder sollten aber zumindest die passive Kompetenz sprachlicher Vielfalt erwerben. Maitz bedauert, dass ausgerechnet Schulbücher mithelfen, sozialen Druck aufzubauen. Ihr Credo laute: "Sprich Dudendeutsch, sonst bist du raus aus dem Spiel!" "Ich möchte nicht in der Haut von Dialektsprechern stecken", sagt Maitz. "Das ist in Deutschland mittlerweile ein echtes Schicksal. Rechtens ist das aber nicht."

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