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Ausschreitungen nach EM-Spiel:Wie Augsburg weitere Krawalle verhindern will

Hunderte Menschen feiern in Augsburger Innenstadt

Hunderte Menschen haben am Wochenende in der Augsburger Innenstadt gefeiert, es kam zu Ausschreitungen.

(Foto: dpa)

Nach Ausschreitungen am Wochenende wollen Stadt und Polizei konsequent durchgreifen. Es gibt zwar Verständnis für die Feierfreude, aber nicht für Randalierer. Auch andernorts setzt man auf Verbote - und auf die Gastronomie.

Von Matthias Köpf, Felix Schwarz und Lea Weinmann

Der Schrecken über das, was da in der Nacht auf Sonntag in ihrer Stadt geschehen ist, steht Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber auch am Montagnachmittag noch ins Gesicht geschrieben. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt Weber, die selbst seit vielen Jahren in der Maximilianstraße wohnt - dem Herzen der Stadt und zugleich dem Zentrum der Krawalle, bei denen gewaltbereite junge Männer über mehrere Stunden hinweg und auf verschiedenen Plätzen immer wieder Polizisten und Rettungskräfte beleidigt und angegriffen, teils gläserne Flaschen auf sie geworfen und insgesamt 15 Beamte der Polizei verletzt haben. Die Staatsanwaltschaft will unter anderem wegen Landfriedensbruchs mit voller Härte des Gesetzes vorgehen, die Polizei reagiert mit noch mehr Präsenz, die Stadt mit Betretungs- und Alkoholverboten.

Die werden alle Augsburger treffen, die in ihrer Innenstadt zusammenkommen und feiern wollen, und auch die laut Polizei fast 1500 jungen Menschen, die am Samstagabend rund um den Herkulesbrunnen auf der Maxstraße gefeiert haben. Die allermeisten von ihnen taten das friedlich und gingen zur coronabedingten Sperrstunde um Mitternacht langsam nach Hause.

Und randaliert hat da laut Weber ja auch nicht "das übliche und typische Maxstraßen-Partyvolk, das zu viel gefeiert und zu viel getrunken hat" oder die vielen Menschen, die den Sommer und die Lockerungen nach dem Lockdown genießen wollten. Sondern es gehe da um "eine Minderheit - junge, erwachsene Männer, die als Gang dorthin gehen, wo Menschen sind, um ganz gezielt Unruhe zu stiften".

Augsburgs Polizeipräsident Michael Schwald analysiert die Lage ähnlich: Weder seien über die Stränge schlagende Fußballfans das Problem gewesen noch all die jungen Menschen, die auf vielfältigste Weise unter coronabedingten Einschränkungen zu leiden gehabt hätten, "sondern ganz wenige, die diese Narrativ nutzen, um unter dem Deckmantel angeblicher Frustration Gewalt auszuüben." Doch diese wenigen nutzten laut der Einschätzung der Polizei den Solidarisierungseffekt unter den Umstehenden aus, so dass sich "ein Mob von mehreren hundert Personen" gebildet habe.

400 bis 500 Menschen seien einfach weiter am Herkulesbrunnen geblieben, darunter ein harter Kern von jungen Männern, die der Polizei zum Teil offenbar schon vor einigen Wochen mit Schlägerein und Pöbeleien in Augsburger Parks aufgefallen sind. "All Cops are Bastards" und "Türkiye" seien da skandiert worden, sagt Andreas Schaumaier, der die Polizeiinspektion in der Augsburger Innenstadt leitet und auch an jenem Abend Einsatzleiter war.

Die Situation sei eskaliert, als sich eine Schlägerei zwischen rivalisierenden Gruppen angebahnt habe und die Polizei die Personalien der Betreffenden aufnehmen wollte. Zuvor hatte es schon hitzige Szenen und Tritte gegen einen Polizisten gegeben, als der Rettungsdienst eine kollabierte junge Frau versorgen wollte. Die Polizei setzte schließlich Schlagstöcke und Pfefferspray ein, um Plätze und Straßen zu räumen, hatte es aber noch stundenlang mit unterschiedlich großen Gruppen von Randalieren und Provokateuren zu tun.

Sie hat viel Videomaterial aus jener Nacht, weshalb sich Polizeipräsident Schwald zuversichtlich zeigt, bald mehr als die bisher sieben identifizierten Täter ermitteln zu können. An die vielen friedlichen jungen Menschen appellierte Schwald, den Gewalttätern weder eine Bühne noch Deckung zu geben.

Augsburg verschärft die Regeln in der Innenstadt

Damit sich am Herkulesbrunnen nicht wieder ein Mob zusammenrottet, soll es von kommendem Wochenende an in der Umgebung ab 18 Uhr keinen Autoverkehr mehr geben und ab 20 Uhr auch keinen Alkohol - mit Ausnahme der Gastronomie, die Augsburgs Ordnungsreferent Frank Pintsch ausdrücklich als Teil der Lösung ansieht, nicht als Teil des Problems.

Der Geschäftsführer des Augsburger Stadtjugendrings, Helmut Jesske, könnte sich nach eigenen Worten auch gut vorstellen, das eine Öffnung der Clubs und Diskotheken die Lage "entzerren" würde. Jesske zeigt sich erleichtert über die differenzierte Sicht der Oberbürgermeisterin und des Polizeipräsidenten, denn Jesske sieht sich als Anwalt der Jugend in Augsburg. Sich zu treffen und einen ausgelassenen Abend zu verbringen, habe den jungen Menschen jedenfalls lange gefehlt, die in der Pandemie nicht mit all ihren Bedürfnissen wahrgenommen worden seien, sondern vor allem in ihren Rollen als Schülerinnen und Schüler oder Kita-Kinder.

Mit der Öffnung der Clubs könnten sich auch Polizisten wie Peter Pytlik anfreunden. "Wenn sich die Leute auf Clubs verteilen, gibt es diese starke Gruppendynamik nicht", sagt der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Das müssten aber Virologen beurteilen. Ansonsten zeigt er sich bestürzt über die Augsburger Krawalle und fordert harte Strafen für die Täter. Pytlik sorgt sich, dass es in den kommenden Wochen so weitergehen könnte. Dagegen brauche es Konzepte von Städten und Polizei. Man müsse das Gespräch mit den jungen Menschen suchen, bevor die Lage eskaliere. Auch Alkoholverbote und Verbote von Glasflaschen seien mögliche Mittel.

Die konkurrierenden Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) fordert nach den Worten ihres stellvertretenden Landesvorsitzende Thorsten Grimm "jetzt schnellstmöglich restriktive Innenstadtkonzepte mit Alkoholverboten und gegebenenfalls Personenbegrenzungen, um Zustände wie in Augsburg konsequent zu unterbinden". In vielen Innenstädten befinde man sich "in einer gefährlichen Gewaltspirale".

Die Rathäuser bemühen sich um Lösungen. Würzburg etwa sperrte an den vergangenen beiden Wochenenden die Grünanlagen am Alten Kranen. Bambergs OB Andreas Starke (SPD) kritisierte die vorherrschende "Ballermann-Situation" in der Sandstraße, die Stadt erließ an zwei Wochenenden ein nächtliches Alkoholkonsum- und To-Go-Verkaufsverbot. Passau untersagt den Alkoholkonsum am Residenzplatz nachts auch unter der Woche.

© SZ.de/infu, van
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