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Geschichte in Augsburg:Diese Rinder schützen eine römische Provinzhauptstadt

Hochlandrinder am Pfannenstiel: Wilde Weide in der Stadt
Augsburg

Weide mit Wohnung: Schottische Hochlandrinder gelten als friedfertig und sollen nicht zum Ausreißen neigen.

(Foto: Stadt Augsburg)

Die Tiere leben auf einer Weide, unter der sich ein unberührter Teil der antiken römischen Provinzhauptstadt Augusta Vindelicum befindet. Wie sie die historischen Schätze schützen sollen.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Schottische Hochlandrinder zählen zu den ältesten Rinderrassen, heimisch sind sie im Nordwesten Schottlands und auf den Hebriden. In Augsburg fühlen sich die zotteligen Tiere, die vergleichsweise klein sind und ausladende Hörner haben, aber auch ganz wohl. Nicht weit hinter dem Augsburger Dom, zwischen dem Firmengelände von MAN und der Wohnbebauung, grasen die Rinder nun wieder. Es ist selten, dass solch ein Beweidungsprojekt so innenstadtnah stattfindet.

Aber es ist auch eine besondere Fläche, auf der die Hochlandrinder grasen: Das geschützte, 2,5 Hektar große Areal ist selbst im Mittelalter nie bebaut worden, unter der Grasnarbe ruht ein unberührter Teil der antiken römischen Provinzhauptstadt Augusta Vindelicum - Gebäudefundamente, Straßen und ein Abschnitt der antiken Stadtmauer. Die acht Hochlandrinder dort sind deshalb nun auch dafür zuständig, die wertvollen archäologischen Schätze zu beschützen, die nicht durch Wurzeln von Bäumen oder Sträuchern beschädigt werden sollen.

"Das Gelände ist aus archäologischer Sicht von außergewöhnlichem Wert und steht unter Denkmalschutz", erläutert der Leiter der Stadtarchäologie, Sebastian Gairhos. Auch an anderen Stellen in Augsburg findet man Überreste der Römerzeit unter dem Boden. Auf dem nicht zugänglichen Bodendenkmal "Am Pfannenstiel" aber sei der Boden tatsächlich seit der Antike nie umgepflügt worden, erläutert Norbert Pantel, Projektleiter von "Weidestadt Augsburg". Die Gebäudefundamente sollen demnach auch nicht großflächig ausgegraben werden, um sie nicht der Witterung und dem Zerfall auszusetzen. Die Archäologen arbeiten stattdessen viel mit digitalen Vermessungstechniken. Allerdings könnte die Natur dem Bodendenkmal gefährlich werden. "Wenn man nichts tut", sagt Pantel, "wachsen dort Bäume und Sträucher". Und die würden die antiken Überreste beschädigen.

Aus Pantels Sicht - er ist Biologe beim örtlichen Landschaftspflegeverband - ist der Denkmalschutz aber nur ein Vorteil der Beweidung durch die schottischen Hochlandrinder. Der zweite Nutzen ist der Natur- und Artenschutz. Früher sei das Areal gemäht worden, erzählt Pantel. 2017 und 2018 beweideten dann Burenziegen die Wiese. Zu Beginn der Beweidung war es wichtig, gegen Sträucher vorzugehen, sogenannter Gehölzaufwuchs wird von Ziegen zuverlässiger gefressen werden als von Hochlandrindern. Seit vergangenem Jahr sind nun die Rinder aktiv. Eine beweidete Fläche, erläutert Pantel, sei für den Artenschutz deutlich wertvoller als eine gemähte Wiese. Besonders so zentral in der Stadt gibt es solche Flächen selten.

"Der Erhalt und die Entwicklung artenreicher Wiesen im innerstädtischen Bereich, die Insekten, Vögeln und Kleinsäugern als Jagd- und Bruthabitat dienen, ist ein wichtiges Ziel unserer städtischen Strategie zum Erhalt der biologischen Vielfalt", sagt Augsburgs Umweltreferent Reiner Erben. Tiere und Pflanzen brauchen laut Pantel Wanderkorridore, in denen sie sich bewegen können. In Städten sind solche Korridore vielfach unterbrochen. "Schmetterlinge zum Beispiel fliegen nicht weit und keine zufälligen Strecken", sagt Pantel. Sie bräuchten eine Vernetzung der Grünflächen. Das Areal über den antiken Überresten Augsburgs erfährt also durch die Rinderbeweidung eine höhere Vielfalt an Insekten, die wiederum Nahrungsgrundlage für Vögel und Fledermäuse sind.

Die Rinder helfen aber auch, den massiven Goldrutenbestand in den Griff zu bekommen. Die Pflanzen würden sonst alles überwuchern, sind aber mittlerweile nahezu vollständig verdrängt. Um die Pflanzenvielfalt zusätzlich zu erhöhen, haben die Landschaftspfleger Saatgut auf der Fläche ausgebracht. "Es entwickelt sich alles sehr gut", sagt Pantel. Die Beweidung soll deshalb die nächsten Jahre fortgesetzt werden, und auch dann wohl weiterhin mit den schottischen Hochlandrindern. Das liegt einerseits daran, dass die Tiere mit ihrem langen, rötlich-gelben oder braun-schwarzen Fell robust und gut vor Regen und Kälte geschützt sind. Von Pfingsten bis in den Herbst hinein stehen sie auf ihrer innenstädtischen Weide, da müssen sie etwas abkönnen.

Es liegt aber auch daran, dass es keine Hochleistungsrinder sind, die auf Milch- oder Fleischerzeugung getrimmt sind. Die Hochlandrinder sind aber auch deshalb für die Beweidung einer Fläche mitten in Augsburg wie geschaffen, weil sie ein recht gemütliches Wesen haben und wenig Neigung zeigen auszubrechen. Die Landschaftspfleger haben deshalb bereits in den ersten Jahren mit Burenziegen gearbeitet, denen die gleichen Eigenschaften nachgesagt werden. "Zwergziegen zum Beispiel hätten wir eher nicht nehmen dürfen", sagt Pantel: "Der Name klingt zwar harmlos, aber die entkommen gerne mal."

© SZ vom 30.06.2020/vewo
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