AsylverfahrenAbschiebung trotz Ausbildung

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Der Auszubildende Matin (17) aus dem Irak wird von der Behörde unter Druck gesetzt.
Der Auszubildende Matin (17) aus dem Irak wird von der Behörde unter Druck gesetzt. (Foto: Robert Haas)

Der 17-jährige Matin Psso wird von der Ausländerbehörde vor die Wahl gestellt: Wenn er seine Ausbildung weitermachen will, müssen seine Eltern freiwillig ausreisen, zurück in den Irak. Die jesidische Familie fühlt sich erpresst.

Von Helena Ott

Er bewegt sich lautlos durch die Werkstatt. Er bleibt am Rand, während seine Kollegen vor eingespannten Rädern stehen. Schaltzüge zerlegen, Felgen polieren und Federgabeln aufschrauben. Sie in dunklen Arbeitshosen. Er in hellen Jeans. Seine schwarze Winterjacke hat Matin Psso anbehalten, so als wollte er gleich wieder gehen.

Doch am liebsten würde er die Sneaker sofort gegen Sicherheitsschuhe tauschen. Und wie die anderen drei Azubis mit schmutzig-schwarzen Händen an der Werkbank stehen. „Ich vermisse die Arbeit und meine Kollegen sehr,“ sagt der 17-Jährige. Eigentlich macht er seit September 2024 in der Fahrradwerkstatt „Kette und Kurbel“ in Augsburg eine Ausbildung. Aber vor drei Monaten war plötzlich Schluss. Er darf nicht mehr arbeiten.

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Am 5. September stellte ihn die Ausländerbehörde Augsburg vor die Wahl: Wenn er seine Ausbildung machen will, müssen beiden Eltern innerhalb von vier Wochen freiwillig in den Irak ausreisen. Wenn sie bleiben, werden Matin und sie abgeschoben. In ein Land, aus dem die Familie 2014 vor dem Völkermord des IS geflohen ist, Matin war da gerade sechs.

Das alles teilte eine Mitarbeiterin ihm und seiner Mutter bei einem persönlichen Termin in der Ausländerbehörde mit. Die Familie Psso fühlt sich erpresst: Der minderjährige Sohn darf bleiben, wenn die Eltern freiwillig gehen – ansonsten müssten alle drei ausreisen. Aber so oder so würde die Familie auseinandergerissen werden. Mit ihm und seinen Eltern leben noch drei ältere Geschwister in Augsburg. Sie sollen jetzt nicht abgeschoben werden, ihre Duldungen laufen noch bis zum Ende ihrer Ausbildung. Warum das für Matin nicht gelten soll, ist komplizierter.

Die Ausländerbehörde argumentiert, die Duldung von Matin und seinen Eltern, die beide keine Arbeit haben, sei Mitte September abgelaufen. Damit seien sie „vollziehbar ausreisepflichtig“ und Matin wurde die Arbeitserlaubnis entzogen. Der Bescheid der Ausländerbehörde liegt der SZ vor. Auf Nachfrage bei der Ausländerbehörde Augsburg sieht diese keine Erpressung. Die Duldungen von Matin, seiner Mutter und des Vaters seien ohnehin abgelaufen, es habe keinen Grund gegeben, sie über Mitte September hinaus zu verlängern, schreibt ein Sprecher. Mit dem Angebot habe man dem Jugendlichen entgegenkommen wollen. Und weil schon „ein konkretes Ausbildungsangebot“ vorliege, wollte man ihm das Visumverfahren ersparen.

Aber warum steht da „Ausbildungsangebot“? Die Ausbildung bei Kette und Kurbel macht er doch längst.

Gemeinsam mit seinem Ausbilder Andreas Heuchele sitzt Matin jetzt an einem runden Besprechungstisch in dessen Büro. „Für uns alle war das ein riesiger Schock“, sagt Heuchele mit schwäbischem Einschlag. Es ist nicht leicht für Matin, über all das zu reden, sein Knie wippt dabei hastig auf und ab. Aber sein Bruder Saleh, 18, hat an diesem Mittwoch frei und begleitet ihn. „Wir haben Angst, jede Nacht könnte die Polizei kommen und Matin und meine Eltern mitnehmen“, sagt er.

Obwohl die Familie der jesidischen Minderheit angehört, wurde ihr Asylantrag 2022 abgelehnt. Sie dachten trotzdem, dass sie in Deutschland bleiben können. Es hieß zu der Zeit: Jesiden würden nicht in den Irak abgeschoben, sagt der ältere Bruder. Aber obwohl der Bundestag im November 2023 die Verfolgung der Jesiden durch den IS als Genozid anerkannte, gab es nach einem Abkommen mit dem Irak immer mehr Abschiebungen in das Land – auch von Jesiden.

Ein Bruder musste bereits in den Irak ausreisen

Zu den Pssos in die Unterkunft kam die Polizei schon im Dezember 2023. Sie nahmen Matins Bruder fest. Fath war der einzige der Kinder, der bei der Ankunft in Deutschland 2020 schon 18 Jahre alt war. Sein Bleiberecht wird deshalb gesondert behandelt. Nach 30 Tagen in Abschiebehaft musste er in den Irak ausreisen.

Danach kam die Polizei noch viermal in aller Frühe in ihre zwei Zimmer in der Geflüchtetenunterkunft. Die Behörden wollten eigentlich auch den Rest der Familie abschieben. Es war Zufall, sagt Matin im Werkstattbüro, dass immer eines der Kinder schon aus dem Haus gewesen sei, was nach geltendem Recht in ihrem Fall eine Abschiebung verhinderte.

In Deutschland hatte Fath einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei einer Reinigungsfirma. Jetzt lebt ihr Bruder 3000 Kilometer weit weg. Ohne ein Zuhause und Perspektive, sagen die Brüder. Laut den Vereinten Nationen werden Jesiden im Irak auch nach Ende des IS-Terrors weiter diskriminiert und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen.

Die unangekündigten Besuche der Polizei hörten auf. Matin schaffte seinen Mittelschulabschluss und fing die Ausbildung zum Zweiradmechaniker an. Auch die anderen drei Geschwister fanden einen Ausbildungsplatz. Der ältere Bruder, Saleh, arbeitet im Baumarkt, die 21-jährige Schwester Hamara wird Krankenpflegerin und die 23-Jährige, Nisthima, lernt in einer Kinderzahnklinik.

Ausbilder Bernd Filser und Projektleiter vor den Fahrrädern dem Hof von Kette und Kurbel.
Ausbilder Bernd Filser und Projektleiter vor den Fahrrädern dem Hof von Kette und Kurbel. (Foto: Robert Haas)

Aber warum darf Matin als einziges der Kinder seine Ausbildung nicht fertig machen? Warum müssen er und die Eltern jetzt wieder fürchten, dass nachts die Polizei kommt? Der Ausbildungsleiter von Matin, Andreas Heuchele, sagt: Die Probezeit bei Kette und Kurbel habe der Junge längst bestanden. Er sei ein fleißiger Azubi, pünktlich, freundlich und zuverlässig, sagt der 57-Jährige. Über den Termin bei der Ausländerbehörde am 5. September sagt er: „Wir dachten, das wäre ein Routinetermin, um die Ausbildungserlaubnis zu verlängern.“ Eine Kollegin von ihm hat den 17-Jährigen und dessen Mutter sogar begleitet.

Erst nach dem Termin sei ihnen bewusst geworden, welch offene Flanke Matins Anstellungsverhältnis hat. Er hat bei Kette und Kurbel in einem sogenannten EQJ angefangen, einem Ausbildungsqualifizierungsjahr. Warum die Ausländerbehörde das nicht als Ausbildung anerkennen will? Weil dieses EQJ nur mit einem Vertrag über ein Jahr Laufzeit einhergeht. Auf Anfrage der SZ schreibt der Sprecher der Ausländerbehörde, dass nur „qualifizierte Berufsausbildungen“ mit einer „Dauer von mindestens zwei Jahren“ als Ausbildung anerkannt würden. Dies gelte auch dann, wenn die Qualifizierung auf die Ausbildungsdauer angerechnet werde.

Genau das hätte Matins Betrieb getan, sie wollten ihm nun einen neuen Vertrag für ein zweites Jahr geben. „Für uns ist er jetzt im zweiten Lehrjahr. Also, das wäre er, wenn sie ihn arbeiten lassen würden“, sagt Ausbilder Heuchele. Sein Azubi habe ein gefördertes Angebot der Agentur für Arbeit wahrgenommen und werde nun dafür bestraft. „Das kannst du mit gesundem Menschenverstand keinem erklären.“

Wenn wir an Abschiebungen in den Irak oder Afghanistan denken, sagt Astrid Schreiber vom Münchner Flüchtlingsrat, hätten viele straffällige alleinstehende Männer im Kopf. Schreiber besucht seit mehr als zehn Jahren Menschen in Abschiebehaft am Münchner Flughafen – damals auch Matins Bruder Fath. Immer häufiger säßen auch Kinder und Familien in Abschiebefliegern, „viele von ihnen sprechen gut Deutsch und waren nie straffällig.“

„Das ist doch eine riesige Watschn, für die Familie und alle, die sich für sie reingehängt haben.“

Seit 2024 heben aus Bayern ganze Charterflüge in den Irak ab. Andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Thüringen schieben Angehörige der jesidischen Minderheit bis heute nicht in den Irak ab. Astrid Schreiber glaubt: „Den Ausländerbehörden hier und der bayerischen Regierung geht es vor allem darum, die Zahlen hochzutreiben“. Familien und vulnerable Gruppen seien da sogar besonders gefährdet, weil sie leichter greifbar sind für die Behörden.

Am Abend schaut auch Matins ehemaliger Lehrer, Christoph Zwiener, in der Unterkunft der Pssos vorbei. Nisthima, die ältere Tochter, ist kurz vorher aus der Kinderzahnklinik nach Hause gekommen. Wie Andreas Heuchele und die Ausbildungsbetriebe der anderen Kinder, engagiert sich der Lehrer für das Bleiberecht der Familie. Sie haben Petitionen an Land- und Bundestag geschrieben und Mails an das bayerische Innenministerium und Landtagsabgeordnete.

Bei einem Tee an einem der Klapptische in der Gemeinschaftsküche der Unterkunft sagt Saleh: „Wir fühlen uns verarscht.“ Wofür hätten sie sich all die Jahre so angestrengt? Spätabends, wenn es endlich ruhig in der Unterkunft war, haben sie Hausaufgaben gemacht, für die Prüfungen gelernt, sich für Ausbildungen beworben. Der Lehrer kennt die Bescheide der Behörde. „Das ist doch eine riesige Watschn, für die Familie und alle, die sich für sie reingehängt haben.“ Er frage sich, wieso ausgerechnet ein Teil einer Familie mit vier gut integrierten Kindern, die alle „toll Deutsch sprechen“ und in Ausbildung sind, abgeschoben werden soll.

Hinter der Küche, die sich die Familie wie das Bad und die Dusche mit vier anderen Parteien teilt, geht es zu ihren Zimmern: zweimal 15-Quadratmeter für sechs Personen. Im ersten Zimmer stehen zwei Metallhochbetten und schmale Metallspinde. Die Eltern schlafen auf Polstern im Wohnzimmer. Seit September verbringt Matin mehr Zeit hier, als ihm lieb ist, auch tagsüber. „Es ist sehr langweilig, ich weiß nicht, was ich machen soll.“

Dass die vier Kinder die Eltern alleine in den Irak zurückkehren lassen – ausgeschlossen, sagt Saleh. Sie seien seit elf Jahren nicht mehr im Irak gewesen. „Mein Vater ist 61, unsere Mutter 55, wir haben kein Haus, nichts. Die könnten allein gar nicht überleben.“

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SZ PlusVon Florian Fuchs (Text) und Stephan Rumpf (Fotos)

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