Aufholbedarf in Bayern:Freistaat unter ferner liefen

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Die CSU preist Bayern stets als Primus der Länder. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Ein Überblick, wo Bayern abgehängt ist: ob Sonnenstunden, Bildungschancen oder Tatort-Kommissare.

Sitzenbleiben

Bilanzpressekonferenz der BayernLB

Die Bayern sind es gewohnt, jede Statistik anzuführen. Es gibt jedoch durchaus Bereiche, in denen der Freistaat Aufholbedarf hat.

(Foto: ddp)

Nutzlos und teuer - auf diese Formel brachte 2009 eine Studie der Bertelsmann-Stiftung das Sitzenbleiben in der Schule. Doch in keinem anderen Land wiederholen so viele Kinder eine Klasse wie in Deutschland, das brachten die Pisa-Studien zutage. Und innerhalb Deutschlands wiederum heißt der Spitzenreiter der Sitzenbleiber Bayern. 3,2 Prozent aller Schüler mussten hier laut Bayerischem Landesamt für Statistik im Jahr 2009 eine Ehrenrunde drehen, mehr als doppelt so viele wie in Brandenburg, Sachsen oder Baden-Württemberg. Als "pädagogisch völlig verfehlt" bezeichnet das die Lehrergewerkschaft GEW. Man hegt dort den Verdacht, dass Bayern die hohe Quote in Kauf nehme, weil das Sitzenbleiben für die CSU "zu einem selektiven Schulsystem dazugehört".

Altersarmut

Altersarmut ist auch im reichen Bayern ein Thema, denn der Wandel vom Agrarland zum prosperierenden Industrie- und Hightech-Standort setzte für viele der heutigen Rentner zu spät ein. Deshalb fallen die Renten in Bayern im Schnitt niedriger aus als in anderen Bundesländern. Betroffen sind vor allem Frauen, gut jede fünfte ist nach Angaben des Sozialverbandes VdK armutsgefährdet. "Da müssten im Sozialministerium längst alle Alarmglocken schrillen", kritisierte der Verband. Sozialministerin Christine Haderthauer geht die Kritik erheblich gegen den Strich. "Das Armutsrisiko bei Personen ab 65Jahren ist in Bayern aktuell rückläufig", hieß es aus ihrem Ministerium. Doch auch die von Haderthauer präsentierten Zahlen deuten noch nicht auf eine große Kehrtwende hin: 2009 betrug die Quote der von Armut bedrohten alten Menschen 14,3 Prozent, 2008 waren es 14,8 Prozent, im Jahr 2005 14,2 Prozent.

Anteil erneuerbarer Energien und Kinderbetreuung

Anteil erneuerbarer Energien

Was sind sie immer stolz gewesen, die bayerischen Umweltminister, auf die Spitzenstellung des Freistaats in Sachen erneuerbare Energien - und zwar egal ob das nun Werner Schnappauf und Otmar Bernhard waren oder nun Markus Söder ist. "Wir Bayern sind Solarweltmeister", lautet zum Beispiel ein Standardsatz von Söder, der zeigen soll, wie vorbildlich der Freistaat da ist. Seit diesem Jahr gilt das nicht mehr. Nach dem aktuellen Ländervergleich der Agentur für Erneuerbare Energien rangiert Bayern in dem Feld nur mehr auf Platz sieben, abgeschlagen hinter den Siegern Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg. In einigen Bereichen liegt der Freistaat sogar ganz weit hinten - bei den Informationsangeboten etwa (Platz 13), bei den landeseigenen Förderprogrammen und der Beseitigung bürokratischer Hindernisse (jeweils Rang 14).

Kinderbetreuung

In kaum einem anderen Bundesland wird es Frauen schwerer gemacht, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Vor allem auf dem Land schließen in Bayern viele Kindergärten schon zwischen zwei und drei Uhr nachmittags. Besonders schlecht ist die Situation in Ostbayern, wo weniger als zehn Prozent der Kindergartenkinder ganztags betreut werden. Noch dramatischer ist die Situation bei Schulkindern: Nur etwa fünf Prozent besuchen in Bayern eine Ganztagsschule. Nirgendwo in Deutschland gibt es weniger Ganztagsschüler. Sachsen ist mit 69 Prozent Spitzenreiter. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 24 Prozent.

Tatort-Kommissare und Verdienstabstand Männer/Frauen

Tatort-Kommissare

Seit 20 Jahren ermitteln sie inzwischen in der Münchner Mordkommission, doch außerhalb Bayerns interessieren sich nur wenige für die Arbeit von Ivo Batic und Franz Leitmayr. In fast jedem Bundesland außerhalb des Freistaats ist der "Tatort" des Bayerischen Rundfunks (BR) der unbeliebteste der Krimireihe. Nur daheim und ganz im Norden werden die beiden Ermittler offenbar gerne gesehen: In Hamburg und in Bayern liegen ihre Einschaltquoten laut einer Studie von Media-Control immerhin leicht über dem Tatort-Durchschnitt. Besonders unbeliebt sind die Münchner hingegen in Bremen. Dort schalten im Durchschnitt nur 18,8 Prozent der Zuschauer ein. Den stadteigenen Bremer "Tatort" wollen fast doppelt so viele Zuschauer sehen.

Verdienstabstand Männer/Frauen

Dass Frauen in Deutschland notorisch weniger Geld verdienen als Männer, ist ungerecht. Noch ungerechter ist es, wenn der Lohnabstand zwischen den Geschlechtern nicht schrumpft, sondern sogar noch wächst. Genau das geschieht seit einigen Jahren in Bayern, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Unter den deutschen Bundesländern liegt der Freistaat in dieser Frage an drittletzter Stelle, nur in Baden-Württemberg und im Saarland ist der Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern noch größer. Während er dort allerdings zuletzt zumindest geschrumpft ist, ist er in Bayern von 23 Prozent im Jahr 2006 auf 25 Prozent im Jahr 2009 gewachsen. In den meisten ostdeutschen Bundesländern ist dieser Wert einstellig. Betrachtet man die gesamte EU, sieht es auch nicht gut aus für Bayern: Nur in Österreich und in Tschechien geht es in Gehaltsfragen noch ungerechter zu.

Justiz und Sonnenstunden

Justiz

Justiz und Sonnenstunden

In Bayerns Justiz herrscht allerorten Mangel: Es gibt zu wenige Richter, zu wenige Staatsanwälte, zu wenige Gerichtsvollzieher und zu wenige Vollzugsbedienstete. Nur in einem Bereich herrscht Überfluss: bei den Häftlingen. Die Gefängnisse des Freistaats sind chronisch überbelegt. Seit Jahren fehlen etwa 1000 Haftplätze. Und Bayern ist bundesweit Schlusslicht bezüglich der Quote von Personal zu Inhaftierten: Auf 100 Häftlinge kommen etwa 40 Bedienstete, das ist das schlechteste Verhältnis aller Bundesländer. Als Grund für die Misere wird meist genannt: Die Justiz ist ein unpopuläres Thema und schneidet deshalb im Kampf um das Geld stets schlecht ab. "Viele Sparrunden haben den Personalkörper der Gerichte und Staatsanwaltschaften so ausgezehrt, dass jederzeit und überall der Kollaps eintreten kann", sagt Walter Groß, Vorsitzender des Bayerischen Richtervereins.

Sonnenstunden

Von den Farben des bayerischen Himmels wird in der Bayernhymne gesungen, als ob er ständig "weiß und blau" wäre. Ginge es allerdings nach dem Deutschen Wetterdienst, müsste dort eher von "grau in grau" die Rede sein. Meteorologen haben nämlich ermittelt, dass der Freistaat im Vergleich zu den anderen Bundesländern recht wenig Sonne abbekommt. Im vergangenen Sommer schien sie sogar in jeder anderen Region Deutschlands häufiger als hier. Vielleicht ist Bayern deshalb auch das kälteste Bundesland? Eines bringen die vielen Wolken ganz sicher mit sich: Im langjährigen Durchschnitt regnet es nur in Baden-Württemberg und im Saarland etwas mehr als in Bayern. Der Ort mit den meisten Niederschlägen in Deutschland ist übrigens Balderschwang im Oberallgäu. Wer allerdings etwas gegen das schlechte Wetter in Bayern unternehmen wollte, müsste schon Berge versetzen können: Die nahen Alpen sind schuld, an ihnen stauen sich die zumeist von Nordwesten heranziehenden Wolken.

Impfquote und Alkoholprävention

Impfquote

Die Bayern sind notorische Impfmuffel. Generationen von Gesundheitsministern haben bereits demonstrativ fürs Impfen den Arm freigemacht - genutzt hat es bislang wenig. Als im vergangenen Jahr die im Volksmund als Schweinegrippe bekannte Influenza H1N1 ihren Höhepunkt erreichte, war Bayern zwar an der Spitze, allerdings nur bei der Zahl der gemeldeten Erkrankungen (43248). Bundesweit ganz hinten lagen die Bayern bezüglich der Impfquote (3,8 Prozent der Bevölkerung). Auch bei der Masernimpfung konnte der Freistaat noch nicht einmal zum Bundesdurchschnitt aufschließen. 2006 wurde deshalb ein "Konzept zur Verbesserung der Impfraten" beschlossen. Doch selbst Bayerns Ärzte sowie die Vertreter anderer Gesundheitsberufe eignen sich nicht unbedingt als Vorbilder. Nur etwa 30 Prozent von ihnen lassen sich einmal im Jahr gegen Grippe impfen. Ein einziges Mal wurde in Bayern ein Impfstoff knapp: im Jahre 2005, als die Vogelgrippe die Bürger in Angst versetzte.

Alkoholprävention

Wer in Bayern vor den Gefahren des Alkoholismus warnen will, hat oft einen schweren Stand. Denn im Freistaat ist man stolz auf seine vielen Brauereien und auf die weltweit bekannte Festzeltkultur. Kein Bayer lässt sich gerne das gesellige Bier nach Feierabend schlechtreden. Doch ist es wohl genau diese historisch gewachsene Trinkkultur, die dazu führt, dass Bayern in Statistiken über den Alkoholkonsum der Deutschen immer wieder ganz weit vorne auftauchen. Zuletzt zeigte eine Untersuchung der Krankenversicherung DKV, dass jeder fünfte Bayer zu ungesundem Alkoholkonsum neigt, das heißt mehr als ein Glas Bier oder Wein pro Tag trinkt. Nur im Weinland Rheinland-Pfalz ist dieser Wert noch etwas höher. "In Bayern wird das soziale Leben von Alkohol geprägt. Bis vor zwanzig Jahren galt Bier dort noch als flüssiges Brot", sagt Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Auch wenn solche Ansichten inzwischen selten geworden sind, eines, findet Merfert-Diete, sollte den Bayern noch bewusster werden: "Alkohol ist ein Nervengift."

Bildungschancen und Steuerfahnder

Bildungschancen

Für ein Kind aus einer Akademikerfamilie ist die Chance, aufs Gymnasium zu kommen, 6,6 Mal höher als für ein Kind aus einer Arbeiterfamilie - wohlgemerkt bei gleicher Begabung. Was die soziale Ungerechtigkeit im Bildungssystem angeht, ist Bayern damit bundesweit Spitzenreiter. Einen der Hauptgründe dafür sehen Kritiker des bayerischen Schulsystems in der frühen Trennung von Gymnasiasten, Real- und Hauptschülern. In Bildungssystemen, in denen die Weichen später gestellt werden, hat ein begabtes Kind, das von seiner Familie wenig gefördert wird, mehr Zeit, die Defizite mit Hilfe seiner Lehrer aufzuholen. Mehr als sieben Prozent der Schüler eines Jahrgangs verlassen in Bayern die Schule ganz ohne Abschluss.

Steuerfahnder

Wenn es um Steuerhinterziehung geht, verkündet die CSU klare Grundsätze: Nähme der Bund "nicht alle rechtsstaatlichen Maßnahmen gegen Steuerhinterzieher" wahr, mache er sich einer Unterlassung schuldig, sagte Generalsekretär Alexander Dobrindt im vergangenen Jahr der SZ. Daheim in Bayern nimmt man es nicht ganz so genau: In keinem anderen Bundesland machen im Verhältnis zur Einwohnerzahl so wenig Fahnder Jagd auf Steuersünder, nirgendwo anders kommen laut einer Statistik der Steuergewerkschaft auf jeden Prüfer so viele Unternehmen. 994 waren es 2009 in Bayern, in Hamburg etwa lag die Quote mit 437 Unternehmen je Prüfer nicht einmal halb so hoch. Der Vorsitzende der Steuergewerkschaft Dieter Ondracek spricht von einer "bewussten politischen Entscheidung, die Steuerfahndung schwach zu halten". Der Grund: Weil Bayern von jedem zusätzlich eingetriebenen Steuer-Euro einen großen Teil im Länderfinanzausgleich wieder abgeben müsse, bringe jeder Steuerfahnder nur etwa 70000 Euro für den bayerischen Haushalt. "Und dafür", sagt Ondracek, "will die Politik nicht die Unternehmen vergrätzen."

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