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Atomausstieg:Bis zur letzten Schraube

Wo heute der Atommeiler Grafenrheinfeld steht, soll 2035 wieder Gras wachsen. Eine gewaltige Aufgabe für Werksleiter Bernd Kaiser und seine Belegschaft

Der Leitstand des Atomkraftwerks sieht ein bisschen so aus wie das alte Kontrollzentrum der US-Weltraumbehörde Nasa in Houston. Ein fensterloser Saal, voll mit antiquiert wirkenden Anzeigetafeln und wuchtigen Bedienpulten. Manch ein Schalter wird hier noch gedrückt, manche Kontrollanzeige noch abgelesen. Aber große Teile sind mit violetten Aufklebern bedeckt: Außer Betrieb. Die Nadel zum Beispiel, an deren Ausschlag sich ablesen lässt, wie viel Strom das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld gerade ins Netz einspeist - man braucht sie nicht mehr. Denn der leistungsstarke Druckwasserreaktor wurde im Juni 2015 abgeschaltet und später komplett stillgelegt. Der Meiler könnte heute selbst dann keinen Strom mehr produzieren, wenn jemand den Atomausstieg rückgängig machen wollte.

Denn Stilllegung bedeutet, dass ein Reaktor tatsächlich unbrauchbar gemacht wird. In Grafenrheinfeld ist der Reaktordruckbehälter, in dem die Spaltung von Uran-Atomen enorme Mengen Energie freisetzte, schon lange trocken. Und auch die Leitungen, in denen das Kühlwasser zirkulierte, sind leer. Sie wurden nicht nur gereinigt, sondern sogar durchgeschnitten, wie Werksleiter Bernd Kaiser bei einem Rundgang durch das Kraftwerk erläutert. Der 46-Jährige ist damit beauftragt, Grafenrheinfeld abzuwickeln. Und er hat mittlerweile einige Routine darin, seinen Besuchern zu erklären, wie er das anstellen will: Eine radioaktiv belastete Industrieanlage in eine grüne Wiese zu verwandeln.

Seit der Abschaltung befinden sich Kaiser und seine Belegschaft in einem seltsamen Zwischenzustand. Noch kann der Rückbau nicht ernsthaft beginnen, man befindet sich im "Restbetrieb". Denn noch müssen fast 180 Brennelemente im Reaktorgebäude gekühlt werden. Erst wenn die nach und nach abtransportiert wurden, können die Mitarbeiter richtig loslegen.

Kaiser beginnt seine Führung gerne im Besprechungsraum, wo er eine Grafik an die Wand projiziert. Eine Zeitleiste, in der die "Phasen des Rückbauprozesses" eingezeichnet sind. "2021 werden wir mit dem intensiven Rückbau anfangen", erläutert er. Bis dahin lässt er seine Mitarbeiter alles bis ins Kleinste durchplanen und aufschreiben. Im Verwaltungstrakt hängen tischplattengroße Übersichtspläne, wie man sie aus dem Projektmanagement kennt. Für jedes einzelne Bauteil wurde dort in kleiner Schrift eingetragen, wann es demontiert werden soll.

Kaiser ist offiziell Werksleiter. Er hat bei der Bundeswehr Maschinenbau studiert und wüsste durchaus, wie man ein Atomkraftwerk am Laufen hält. In Grafenrheinfeld aber hat er von Anfang an die Funktion eines Rückbaumanagers übernommen. Anders als sein Vorgänger, dem Kaiser noch ein Jahr lang über die Schulter schauen konnte, empfindet er die Aufgabe nicht als schmerzhaft, sondern als spannende Herausforderung. Denn genau darauf hat er sich vorbereitet: Kaiser kam 2005 zum Energiekonzern Eon, für den er heute im Prinzip immer noch arbeitet, wobei sein Arbeitgeber inzwischen anders heißt. Mit der Umbenennung der "Eon Kernkraft GmbH" in "Preussen Elektra" wollte sich Eon nämlich nominell von der umstrittenen Kerntechnik trennen, um in der Öffentlichkeit grüner und nachhaltiger zu wirken. Kaiser hat das Rückbauzentrum von Preussen Elektra in Hannover geleitet und bei der Abwicklung der Atomkraftwerke in Stade und Würgassen Erfahrungen gesammelt. Seit 2017 ist er Werkleiter in Grafenrheinfeld.

Von außen wirkt das unterfränkische Atomkraftwerk bis heute unverändert. Wie seit Jahrzehnten ragen die beiden 143 Meter hohen Kühltürme als weit sichtbare Orientierungspunkte empor. Nur der Wasserdampf, der mehr als drei Jahrzehnte lang daraus hervorquoll, fehlt. Auch die Sicherheitsvorkehrungen sind unverändert. Noch immer wird streng überwacht, wer das eingezäunte Kraftwerksgelände betreten darf.

Und wer bis ins Allerheiligste will, ins Reaktorgebäude selbst, der muss innerhalb des Geländes weitere Sicherheitsbarrieren überwinden, der muss in einen langen Kittel und in Überschuhe schlüpfen und ein Dosimeter einstecken - jenes Messgerät, das die Strahlenbelastung des Körpers erfasst.

Oberstes Ziel: Die radioaktiven Zerfallsprodukte, die sich auf den Oberflächen abgesetzt haben, dürfen nicht nach draußen gelangen

Ein Rundgang durch das Kraftwerk ist wie ein Ausflug in eine andere Welt. Wie auf dem Raumschiff Enterprise gibt die Farbe der Kleidung Auskunft darüber, für welchen Bereich ein Mitarbeiter arbeitet. Orange steht im Kraftwerk für die Reaktortechnik, Grün für Strahlenschutz und Rot für die Feuerwehr. Und die wuchtige Luftschleuse, die den Zugang zur Reaktorhalle blockiert, könnte ebenfalls zu einem Raumschiff gehören. Die Funktion ist im Prinzip dieselbe: Die Schleuse soll die Belegschaft vor einer unsichtbaren Bedrohung schützen. Während sich ein Raumfahrer aber immer mit einem Schutzanzug vor der Leere des Weltalls abschirmen muss, ist die Strahlung in der Reaktorhalle normalerweise so gering, dass sich Mitarbeiter und Besucher dort eine ganze Weile im einfachen Baumwollkittel aufhalten können, ohne die Tagesdosis zu überschreiten.

Trotzdem war die Schleuse immer geschlossen, als der Reaktor noch in Betrieb war, erklärt Kaiser. Das war eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall der Fälle. Heute, da keine Kernspaltung mehr außer Kontrolle geraten kann, steht sie offen.

In der Reaktorhalle übernimmt Harald Weth die Führung. Er arbeitet seit 25 Jahren als Strahlenschützer in Grafenrheinfeld und hat nichts dagegen einzuwenden, wenn sich die Besucher direkt an den Rand des Abklingbeckens stellen wollen. Das Becken sieht aus wie ein besonders tiefer Swimmingpool, in dem ein Gerüst versenkt wurde. Darin stehen senkrecht die Brennelemente. Ihr Inhalt zerfällt still vor sich hin und gibt dabei noch so viel Wärme ab, dass man sie vorerst nicht in einen jener Trockenbehälter packen kann, die nach einem Hersteller meist Castorbehälter genannt werden. Die Wasserschicht im Abklingbecken ist mehrere Meter tief und fängt die Strahlung ein. Das Dosimeter in der Brusttasche der Besucher wird später Null anzeigen.

Anfassen dürfen Gäste im Reaktor nichts. Und sie müssen ihre Besucherkittel und die Überschuhe zurücklassen, bevor sie das Gebäude wieder verlassen. Denn mehr als die Strahlung fürchten Kaiser und Weth ein Phänomen, das sie Kontaminationsverschleppung nennen. Im Reaktorgebäude ist das oberste Gebot, dass kein radioaktives Material nach draußen gelangen darf, keines der radioaktiven Spaltprodukte, die bei der Kettenreaktion entstanden sind und die sich auf den Oberflächen von Geräten und Bauteilen abgelagert haben könnten.

Genau diese radioaktiven Stoffe sind es, die den Rückbau so zeitaufwendig machen. Das Reaktorgebäude und all die Maschinen, Leitungen und Einbauten in seinem Inneren wurde im Laufe der Zeit mit radioaktiven Spaltprodukten verschmutzt. Diese Kontamination muss vor dem Abriss beseitigt werden. Bei den meisten Objekten sei die Verschmutzung nur oberflächlich und lasse sich mehr oder weniger leicht beheben, erklärt Strahlenschützer Weth. Manchmal braucht er die Oberfläche eines Bauteils einfach nur abzuwischen, manchmal muss er aber eine ganze Schicht abtragen. Entscheidend ist, dass sein Messgerät am Ende einen unbedenklichen Wert anzeigt. Das Ergebnis wird dokumentiert und vom Landesamt für Umwelt in Stichproben durch eigene Messungen überprüft. "Wir müssen für alles den Nachweis erbringen, dass das nicht kontaminiert ist", erklärt Weth.

Sein Messgerät sieht aus wie die Glättekelle eines Maurers, die ein technisch interessierter Mensch an einem Apparat aus dem Physikunterricht angeschlossen hat. Tatsächlich ist es eines der wichtigsten Instrumente für den Rückbau des Reaktors. Weth und seine Kollegen werden damit in den nächsten Jahren jeden Zentimeter des Metallschrotts und Bauschutts abtasten. Auch an Mauern und Böden müssen sie die Strahlenbelastung akribisch erfassen, Kellenfläche für Kellenfläche, bis am Ende Dutzende Mal die Markierung "NE" für Nulleffekt auf der Wand steht.

Nach der Stilllegung war das Reaktorgebäude eine Zeit lang fast wie ausgestorben. Mittlerweile sind wieder einige Mitarbeiter des Kraftwerks und externer Handwerksfirmen unterwegs, denn die ersten praktischen Vorarbeiten für den Rückbau haben begonnen. Bevor sich das Gebäude leert, wird es im Ringraum um die Reaktorhalle herum erst einmal eng. Denn Kaiser hat einige Maschinen anschaffen lassen, für die das Kraftwerk früher wenig Verwendung hatte: Einen Minibagger mit Meißelaufsatz zum Beispiel und mehrere leistungsstarke Sägen, mit denen Bauteile in handliche Stücke zerteilt werden. Diese Sägen stehen hinter Plastikplanen, damit sich der belastete Staub nicht im Reaktor verteilt.

Wie aber baut man nun so ein Atomkraftwerk auseinander? Kaisers Projektplan sagt: Von innen nach außen. Erst wird alles demontiert, was starker Strahlung ausgesetzt war. Der Reaktordruckbehälter etwa, bei dem es mit einer Oberflächenbehandlung nicht getan ist, weil sein Material durch die jahrzehntelange intensive Strahlung längst selbst radioaktiv geworden ist. Er muss komplett als radioaktiver Bauschutt entsorgt werden. Danach folgen die beweglichen Teile im Reaktorgebäude - Kräne, Rohre, Maschinen. Sie werden zerkleinert, in Kisten gepackt und dekontaminiert. Ist das irgendwann erledigt, werden Arbeiter den Schutzanstrich von den Wänden lösen. Und ganz am Ende, wenn wirklich alles, was strahlt, entfernt wurde, können die Abrissbagger kommen. Dieser Prozess wird einige Jahre dauern: Im Jahr 2033 soll der Rückbau des kontaminierten Bereichs nach bisheriger Planung abgeschlossen sein. Weitere zwei Jahre sind danach für den Abriss der restlichen Anlage vorgesehen.

Natürlich schrauben und sägen die Kraftwerksmitarbeiter nicht einfach so drauf los. Bevor irgendetwas demontiert wird, muss das bayerische Umweltministerium als Atomaufsicht den Abbau genehmigen. Und zwar Bauteil für Bauteil, wie Kaiser betont. Er müsse nicht nur belegen, dass eine Maschine, ein Kabel oder ein Rohr nicht mehr gebraucht wird. Er müsse auch nachweisen, dass die Art, wie er dieses Teil abbauen will, dafür geeignet ist. "Ich lasse mir wirklich alles einzeln genehmigen", sagt der Werksleiter. "Wir sind mit Unmengen an Papier unterwegs." Nichts werde dem Zufall überlassen. Immer sei die Frage: "Können wir dieses System rückwirkungsfrei von der restlichen Anlage trennen?"

Damit beim Übergang vom Papier in die Realität keine Fehler passieren, werden diejenigen Rohre und Kabel, die nicht mehr gebraucht werden, zunächst violett markiert. Wenn dann die Genehmigung zur Demontage kommt, wird ein blauer Punkt daneben gesetzt. Er bedeutet: Erst jetzt darf gesägt werden.

Rückbau Atomkraftwerk Grafenrheinfeld

Schichtleiter Karl Straub muss sich den Abriss nicht antun.

(Foto: Daniel Peter)

Im Leitstand tragen viele Schalter und Kontrolltafeln violette Markierungen. Der Raum ist noch in Betrieb und das Reich des diensthabenden Schichtleiters. Beim Rundgang ist das Karl Straub, auch er seit 25 Jahren in Grafenrheinfeld beschäftigt. Schichtleiter kommen in der werkseigenen Hierarchie gleich nach dem Werkleiter, sie haben nach ihrem Maschinenbau- oder Ingenieurstudium eine schwierige Zusatzausbildung absolviert.

Früher ging es für Straub und seine Kollegen im Leitstand vor allem darum, die Kettenreaktion in der Reaktorhalle unter Kontrolle zu halten. Das Wichtigste, das Allerwichtigste, war immer, den Reaktorkern zu kühlen, um eine Kernschmelze und den GAU, den größten anzunehmenden Unfall, zu vermeiden. Das haben sie im Simulator immer wieder geübt. Und das haben sie in der Praxis glücklicherweise nie anwenden müssen.

Noch ist der Leitstand rund um die Uhr besetzt. Die diensthabende Mannschaft ist allerdings deutlich kleiner als früher. Neben Straub sind das zwei Techniker und ein Reaktorfahrer - also einer jener speziell geschulten Mitarbeiter, die den Reaktor früher steuerten. Ihre Hauptaufgabe: Die Brennelemente im Abklingbecken kühlen und überwachen, damit sie nicht im Trockenen liegen und schmelzen. Zusätzlich müssen sich Straub und sein Team darum kümmern, dass im fensterlosen Reaktorgebäude Lüftung, Licht und Strom funktionieren. Und sie müssen im Auge behalten, wer im Reaktor gerade mit welchen Arbeiten zugange ist. Straub muss auch die einzelnen Arbeitsschritte freigeben - damit wirklich keiner aus Versehen ein Kabel durchschneidet, das noch gebraucht wird.

"Das war eine schöne Zeit hier im Anlagenbetrieb", sagt Straub. Heute seien "die Anforderungen anders, aber anspruchsvoll". Wenn die Brennelemente aber erst einmal weg sind, wird er in den Ruhestand gehen. "Ich bin froh, dass ich mir den Rückbau nicht mehr antun muss."

Es haben sich schon einige Mitarbeiter in den Vorruhestand verabschiedet. Seit der Reaktor vom Netz ging, ist die Belegschaft von ursprünglich 300 um gut ein Drittel geschrumpft. Etwa 180 arbeiten heute noch im Kraftwerk. Wie wirkt sich der Wandel auf die Belegschaft aus? "Im Vergleich zu anderen Anlagen ist die Stimmung gut", sagt der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Koob. Bisher sei der Personalabbau vor allem über Vorruhestandsverträge gelaufen. "Wir wollten die Jungen behalten und lieber die älteren in den Ruhestand schicken." Das habe gut funktioniert. Viele der jüngeren Kollegen wollten noch ein paar Jahre in Grafenrheinfeld bleiben, "weil wir die Möglichkeit bieten, dass sie sich intern weiterbilden können". Und viele der älteren wollen den Rückbau eben nicht mehr bis zum Ende auf sich nehmen.

Betriebsrat und Werksleitung arbeiten an einem Plan, wie die Belegschaft weiter verkleinert werden kann - und wie diejenigen, die bleiben, künftig eingesetzt werden können. Einige haben die Zeit seit der Abschaltung genutzt, um sich für neue Aufgaben zu qualifizieren.

Zusammen mit Werksleiter Kaiser hat der Betriebsratsvorsitzende kürzlich mit mehr als hundert Mitarbeitern einzeln darüber gesprochen, wie diese sich ihre Zukunft vorstellen können. Koob hat dadurch ein ziemlich aktuelles Stimmungsbild: "Die allermeisten sind bereit, die Veränderung mitzumachen, an eine neue Aufgabe heranzugehen und sich mit dem Rückbau zu arrangieren", sagt er. Und: Das habe viel mit dem Werksleiter zu tun, lobt er: "Herr Kaiser unternimmt alles, damit die Mitarbeiter zufrieden sind."

Trotzdem, aus Sicht vieler Mitarbeiter hätte der Meiler noch eine Weile weiterlaufen können. Man hatte hier ja alles im Griff, war immer stolz auf das Kraftwerk, das in den Achtzigerjahren sogar mal Weltmeister bei der erzeugten Jahresstrommenge war. Später schweißte auch das Gefühl zusammen, die Kernkraft im Bekanntenkreis verteidigen zu müssen. Viele Mitarbeiter bezeichnen sich selbst als "Kernis". Viele halten es für einen Fehler, dass Deutschland den Atomausstieg gleichzeitig mit dem Kohleausstieg über die Bühne bringen will. So haben sie es auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier gesagt, als er im vergangenen Jahr auf seiner Netzausbaureise kurz im Kraftwerk Grafenrheinfeld vorbeigeschaut hat. Auf einer Stippvisite, die wohl hauptsächlich dazu dienen sollte, der Belegschaft ein wenig die Seele zu streicheln, und weniger dazu, sie von der Energiewende zu überzeugen. Auch Strahlenschützer Harald Weth war beim Altmaierbesuch dabei. Ob ihm das Herz blutet, wenn er das Atomkraftwerk Schritt für Schritt zerlegen muss? Ja, sagt er, bevor er die Besucher aus dem Reaktor verabschiedet. "Aber es war von oben gewollt. Jetzt wird es halt abgerissen."

Die fünf bayerischen Atomkraftwerke

Nach der Abschaltung der Atomkraftwerke (AKW) Grafenrheinfeld und Gundremmingen B sind in Deutschland noch sieben Atomkraftwerke am Netz, davon zwei in Bayern: Block C in Gundremmingen, der Ende 2021 vom Netz genommen werden soll, und Isar 2 im Kreis Landshut, der als einer der drei letzten deutschen Meiler Ende 2022 abgeschaltet wird. Weiter in Betrieb bleibt nur der Garchinger Forschungsreaktor der Technischen Universität München.

Aktuell befassen sich drei bayerische Meiler mit dem Thema Rückbau: Isar 1, wo Ende dieses Jahres die letzten Brennelemente in Zwischenlager transportiert werden sollen. Grafenrheinfeld, wo das Abklingbecken noch bis 2020 belegt ist. Und Block B in Gundremmingen, für den RWE die Genehmigung zu Stilllegung und Rückbau erst im März 2019 erhalten hat.

Die Kosten für den Rückbau müssen die Betreiber tragen. Die Verantwortung für den Atommüll sind sie dagegen losgeworden: Die Energiekonzerne haben sich 2017 in einem umstrittenen Vertrag aus der Zwischen- und Endlagerung freigekauft, indem sie 24 Milliarden Euro in einen staatlichen Entsorgungsfonds überwiesen haben. Nun liegt die Haftung für den Atommüll komplett beim Staat. Der Bund hat Anfang 2019 schon den Betrieb der zwölf sogenannten Zwischenlager für hoch radioaktive Abfälle übernommen - das sind jene Hallen, in denen an den Standorten der Atomkraftwerke die Brennelemente gelagert werden. 2020 sollen die Lager für schwach- und mittelradioaktive Stoffe folgen, in denen unter anderem die Abfälle aus dem Rückbau aufbewahrt werden.

In Bayern wurden schon mehrere AKWs abgebaut, allerdings in überschaubareren Dimensionen und über lange Zeiträume hinweg: Der Versuchsreaktor Niederaichbach bei Landshut war Anfang der Siebzigerjahre nur für wenige Tage unter Volllast in Betrieb und wurde von 1986 bis 1995 beseitigt. Der kleine kommerzielle Reaktor Kahl in Unterfranken wurde von 1988 bis 2010 zurückgebaut. Von Block A in Gundremmingen, der 1977 durch einen Störfall zum wirtschaftlichen Totalschaden wurde, steht bis heute die leere Betonhülle. Der Rückbau des Inhalts zog sich mehr als zwei Jahrzehnte von 1983 bis 2005.

Das bayerische Umweltministerium und das Landesamt für Umwelt sollen durch Kontrollen sicherstellen, dass Bevölkerung und Mitarbeiter beim Rückbau nicht Radioaktivität ausgesetzt werden. Denn Fehler sind auch im Restbetrieb nicht ausgeschlossen, wie sich im vergangenen Jahr im AKW Isar 1 gezeigt hat. Dort wurde bei der Verladung ins Zwischenlager versehentlich ein falsches Brennelement aus dem Abklingbecken geholt und in den Trockenbehälter geladen. Letztlich war die Verwechslung laut Ministerium nicht gefährlich: Eine Nachprüfung habe ergeben, dass die beiden Brennelemente ungefähr gleich radioaktiv waren. henz