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Atom-Aus:Grafenrheinfeld ist vom Netz

Deutschlands ältester Atomreaktor Grafenrheinfeld vom Netz

Ein Blick auf die nicht mehr dampfenden Kühltürme des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld.

(Foto: dpa)
  • In der Nacht zum Sonntag ist das Atomkraftwerk im unterfränkischen Grafenrheinfeld endgültig vom Netz genommen worden. Es war der dienstälteste noch aktive Kernreaktor in Deutschland.
  • Die Abschaltung sei planmäßig erfolgt, sagte eine Sprecherin des bayerischen Umweltministeriums.
  • Atomkraft-Gegner feierten die Abschaltung mit einem Fest.

Von Lisa Schnell

In der Nacht zum Sonntag wurde das Atomkraftwerk (AKW) Grafenrheinfeld fast genau um Mitternacht vom Netz genommen, das hat der Energiekonzern Eon mitgeteilt. Davor versammelten sich etwa 120 Atomkraftgegner trotz des schlechten Wetters zu einem Abschaltfest. Die ersten Familien mit Kindern kamen schon um 20.30 Uhr zu einem Picknick zusammen. Auf einer gemähten Wiese am Zaun, die Kühltürme vor sich, breiteten sie Decken aus und ließen sich auf Campingstühlen nieder. Viele hatten Essen und Trinken dabei.

Ein Künstler aus dem Fichtelgebirge verdeutlichte mit einem Auto, auf dem Atommüllfässer und Skelette montiert waren, um was es ging. Dann, kurz vor Mitternacht, der Moment, auf den viele von ihnen seit Jahrzehnten warteten: Laut zählten sie die letzten Sekunden bis Mitternacht mit, fielen sich in die Arme, schwenkten Wunderkerzen und stießen mit Sekt an. "Es war ein historischer Moment", sagt Babs Günther vom Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft.

Als sie Sonntagnacht kurz vor ein Uhr nach Hause ging, strahlte von einem der Kühltürme eine ganz andere Botschaft: "Danke!" war dort als Projektion in großen Lettern zu lesen und zwar für "300 Milliarden kWh CO₂-armen Strom". Der Dank kam von "Maxatomstrom", der Marke eines mittelständischen Energieversorgers aus Augsburg, die nur "sortenreinen Atomstrom" anbietet. Deren Sprecher, Jan Pflug, ist sich sicher, dass die CO₂-Emissionen infolge der Abschaltung steigen werden. "Quatsch", sagt Atomkraftgegnerin Babs Günther.

Bei solchen Rechnungen werde der CO₂-Ausstoß etwa des Uranabbaus nicht berücksichtigt. Die Geschichte von Grafenrheinfeld als Erfolg zu verkaufen sei "dreist", da die Risiken in den Zwischenlagern weiter bestehen würden. Zwischenlager gibt es neben Grafenrheinfeld auch an den bayerischen AKW-Standorten Isar und Grundremmingen. Gerade ist in der großen Koalition in Berlin ein Streit entbrannt, weil die CSU sich gegen zusätzliche Castoren für das Zwischenlager Isar 1 ausgesprochen hat.

Die bayerischen Grünen nahmen die Stilllegung von Grafenrheinfeld zum Anlass, auf ein höheres Tempo bei der Energiewende in Bayern zu drängen. Konkret forderte der Fraktionsvorsitzende der Landtagsgrünen Ludwig Hartmann "einen schnelleren Atomausstieg am Standort Grundremmingen". In zwei Jahren soll dort nur Block B stillgelegt werden. Block C dagegen, der zweite der nach Hartmann "gefährlich veralteten Siedewasserreaktoren", würde dagegen erst 2021 abgeschaltet werden. Mit einer früheren Stilllegung könnten zwölf Castoren mit Atommüll vermieden werden.

© SZ vom 29.06.2015/infu
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