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Asylpolitik in Bayern:Flüchtlingskinder in die Kindergärten

Flüchtlingskinder in der Kita

Bunte Welt: Kinder profitieren von interkulturellen Freundschaften.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Sozialministerin Emilia Müller möchte, dass Flüchtlingsfamilien ihre Kinder in Kitas bringen.
  • Dort lernten die Kinder die deutsche Sprache und das selbstverständliche Miteinander verschiedener Kulturen.
  • Für die Erzieherinnen bedeutet das eine weiter steigende Arbeitsbelastung - die meisten sind nicht für die Arbeit mit den traumatisierten Kindern ausgebildet.

Von Elena Adam

Sie kommen aus dem Chaos - was sie brauchen, ist Schutz, Geborgenheit und Verlässlichkeit. Flüchtlingskinder aus Eritrea, Syrien oder Afghanistan haben gemeinsam mit ihren Eltern einen langen und schweren Weg zurückgelegt, endlich in Sicherheit angekommen, soll für sie so etwas ähnliches wie Normalität einkehren. Und dazu gehört in Deutschland der Besuch eines Kindergartens.

Das bayerische Sozialministerium hat am Montag eine Broschüre veröffentlicht, ihr Titel: "Kinder in Kindertageseinrichtungen - Informationen für Eltern im Rahmen des Asylverfahrens". In sechs Sprachen wird erklärt, was eine Kita ist und warum Kinder sie besuchen sollten. Ministerin Emilia Müller möchte Flüchtlingsfamilien dazu ermutigen, ihre Kinder in eine Fremdbetreuung zu bringen. "Unabhängig vom Ausgang des Asylverfahrens möchten wir die Eltern darin bestärken, ihre Kinder frühzeitig eine Kinderbetreuung besuchen zu lassen", teilt die Ministerin mit. "Denn dort lernen sie die deutsche Sprache und erleben ein selbstverständliches Miteinander verschiedener Kulturen." Das ermögliche ihnen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und sich im Fall eines Bleiberechts schnell zu integrieren. Die Gebühren übernimmt die wirtschaftliche Jugendhilfe, wenn Flüchtlingsfamilien sich diese nicht leisten können - ebenso wie bei einkommensschwachen Eltern ohne Migrationshintergrund.

Konkurrenz um Kita-Plätze

In der Praxis ist Müllers Wunsch nach mehr Flüchtlingskindern in den Kitas aber gar nicht so einfach umzusetzen. Tatsache ist, dass ein Drittel der gestellten Asylanträge von Kindern stammen. Kinder von Asylbewerbern haben vom vollendeten ersten Lebensjahr an bis zur Einschulung einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Kindertageseinrichtung. Der besteht von dem Zeitpunkt an, an dem sie mit ihrer Familie aus der Erstaufnahmeeinrichtung in eine staatliche Gemeinschaftsunterkunft oder dezentrale Unterkunft der Kommunen ziehen. Tatsache ist aber auch, dass Krippen- und Kindergartenplätze begehrt und in großen Städten meist umkämpft sind. Die Wartelisten sind lang, viele Kinder werden bereits kurz nach der Zeugung angemeldet. Jetzt kommen unerwartet Flüchtlingskinder hinzu. Was die Ministerin in ihrer Broschüre vergessen hat zu erwähnen, ist die Sorge berufstätiger Großstadt-Eltern, künftig durch die Flüchtlinge noch mehr Konkurrenten um die ohnehin knappen Betreuungsplätze zu haben.

Diese Eltern aber kann Pia-Theresia Franke vom Verband katholischer Kindertageseinrichtungen in Bayern beruhigen: "Der Rechtsanspruch für Flüchtlingskinder gilt ja erst, wenn sie in einer Anschlussunterkunft angekommen sind; und die sind meistens in den ländlichen Regionen. Dort haben wir bis jetzt noch keine Probleme mit überfüllten Kitas erlebt. Aber das ist regional sehr unterschiedlich."

Herausforderung für die Erzieherinnen

Allerdings haben es besonders ländliche Kindertagesstätten schwer, Erzieher und Kinderpfleger zu finden. Steigt die Zahl der Flüchtlingskinder in einer Kita, steigt auch die Arbeitsbelastung für das Personal. Viele Erzieher sind nicht dafür ausgebildet, mit traumatisierten Kindern zu arbeiten. Zwar gibt es Angebote wie die Weiterqualifizierung mit Schwerpunkt "Traumapädagogik", aber die findet man nur vereinzelt und Träger-intern. Was fehlt, ist ein bayernweites oder sogar länderübergreifendes Netzwerk der Kindertagesstätten. Mal werden Dolmetscher benötigt, mal einfach nur Informationen über die Herkunftsländer der Flüchtlingskinder. Vieles könnte einfacher sein, wenn die Einrichtungen besser miteinander vernetzt wären, sagt Franke. "Ich fände es schön, wenn wir das in Zukunft online realisieren könnten. Aber wir stehen ganz am Anfang."

Franke aber dringt darauf, "nicht immer nur die Probleme zu sehen. Sonst heißt es irgendwann: Die Flüchtlingskinder sind ein Problem. Und das stimmt nicht". Die Kinder - deutsche wie ausländische - würden von den interkulturellen Freundschaften profitieren.

© SZ vom 11.08.2015/vewo

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