Asylbewerber Wenn traumatisierte Flüchtlinge alleingelassen werden

Das Hotel, wo der mutmaßliche Attentäter lebte.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Geschätzt jeder dritte Flüchtling in Deutschland leidet an Depressionen oder posttraumatischer Belastungsstörung. Theoretisch werden sie in Kliniken psychiatrisch betreut. Doch in der Praxis ist das oft anders.

Von Bernd Kastner

Manchmal muss die Putzfrau helfen. Wenn eine psychiatrische Klinik einen Flüchtling behandeln will, aber niemand vom ärztlichen Personal dessen Sprache spricht, müssten schon mal eine Reinigungskraft einspringen oder ein Küchenhelfer, sofern er oder sie sich mit dem Patienten verständigen können. "Das kommt sehr häufig vor", sagt die Psychologin Jenny Baron von der "Baff", dem Dachverband der Behandlungszentren für Flüchtlinge. Diese improvisierte Art der Versorgung scheint symptomatisch dafür zu sein, wie sich das medizinische System in Deutschland um Asylbewerber kümmert.

Dabei ist der Bedarf enorm: Geschätzt jeder dritte Asylsuchende kommt traumatisiert in Deutschland an, mit einer Depression oder einer posttraumatischen Belastungsstörung, weil er oder sie in der Heimat oder auf der Flucht Schreckliches erlebt haben. Die Not also ist groß - die der Patienten und die des überforderten Systems.

Anschlag in Ansbach Erster Selbstmordanschlag in Deutschland - Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen
Anschlag in Ansbach

Erster Selbstmordanschlag in Deutschland - Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen

Bayerns Innenminister Herrmann teilte am Nachmittag neue Ermittlungsergebnisse mit: Sie deuteten sehr auf einen islamistischen Hintergrund hin.

"Trauma ist nicht gleich Gefahr." Elise Bittenbinder betont das, weil ihr das am Tag nach dem Anschlag von Ansbach so wichtig ist. Nicht dass jeder Traumatisierte für einen potenziellen Attentäter gehalten wird. Sie leitet die "Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer", kurz Baff, und weiß, dass sich traumatisierte Menschen in der Regel in sich zurückziehen und depressiv werden. Die wenigsten entwickelten Aggressionen.

Etwa 9000 Menschen haben die bundesweit 32 psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer unter dem Baff-Dach im vergangenen Jahr sozial und juristisch beraten oder begleitet, zusätzlich haben sie etwa 5000 Menschen psychotherapeutisch behandelt. Auch wenn längst nicht jeder Traumatisierte eine Therapie benötigt: Nötig wäre ein Vielfaches des bestehenden Angebots, sagt Jenny Baron. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz in einem der Spezial-Zentren betrage gut sieben Monate. Viele Patienten warten also ein Jahr und länger: "Das ist nicht vertretbar", sagt Baron.

Lage in ländlichen Regionen "äußerst desolat"

Theoretisch stehen Flüchtlingen die regulären Kliniken offen, tatsächlich aber gestalte sich die Hilfe dort oft schwierig. Es gebe nur wenige Krankenhäuser, die ein strukturiertes System an Dolmetschern vorhielten, weshalb sie immer wieder auf fachfremdes Personal zum Übersetzen zurückgreifen müssten. Meist kümmern sich Psychiatrien auch nur um akute Fälle, etwa Suizidgefährdete. Dem stationären Aufenthalt müsse sich dann unbedingt eine ambulante Psychotherapie anschließen, erklärt Jürgen Soyer, Chef von Refugio, dem Behandlungszentrum in München.

Eine solche Therapie könnte auch ein niedergelassener Arzt oder Psychologen übernehmen, allein: Die wenigsten von ihnen seien bereit, Flüchtlinge zu behandeln. Sie scheuten die damit verbundene Bürokratie und den Verdienstausfall. So werde ein Therapeut für die ersten Diagnosegespräche überhaupt nicht bezahlt, sofern der Patient in den ersten 15 Monaten seines Aufenthalts in Deutschland zu ihm komme. "Es ist ein unglaublich kompliziertes Verfahren", kritisiert Soyer.

Das führe dazu, dass fast alle Flüchtlingstherapeuten "halb ehrenamtlich" arbeiteten, gezwungenermaßen. Obendrein werde eine nötige Therapie oft gar nicht bewilligt, egal, ob das Sozialamt oder die Krankenkasse zuständig ist. Dabei sei eine gute Therapie entscheidend, sagt Soyer: "Dann müssen die Patienten nicht mehr in die Klinik." Dabei sei die Versorgung in den Großstädten meist noch irgendwie zu organisieren. In ländlichen Regionen dagegen sei die Lage "äußerst desolat".

Nach Syrien wird derzeit grundsätzlich nicht abgeschoben

Eine schwere psychische Erkrankung kann Grund sein, dass ein abgelehnter Asylbewerber nicht in sein Herkunftsland abgeschoben wird. Duldung nennt sich der daraus folgende rechtlich labile Zustand: Der Aufenthalt in Deutschland ist zwar rechtswidrig, wird aber geduldet, sagt Gisela Seidler, die im Deutschen Anwaltverein dem Ausschuss für Ausländer- und Asylrecht vorsitzt. Laut Ausländerzentralregister lebten Ende Juni etwa 168 000 Geduldete in Deutschland, darunter 11 000 Syrer.

Es gibt diverse weitere Gründe, warum ein abgelehnter Asylbewerber nicht abgeschoben wird. Wenn er etwa in einem anderen europäischen Land schon Schutz genießt, die deutschen Behörden aber wiederum die im Rücknahmeabkommen festgeschriebene Frist zur Abschiebung versäumt haben. Geduldet wird ein Flüchtling auch dann, wenn ihm in der Heimat Folter oder Todesstrafe drohen. Und nach Syrien wird derzeit grundsätzlich nicht abgeschoben.

Diese Art von Abschiebeschutz genießen auch verurteilte Straftäter. Daran hat die Verschärfung des Aufenthaltsgesetzes im März nichts geändert, auch wenn die Hürde für die Ausweisung sogar von anerkannten Flüchtlingen heruntergesetzt wurde: Es genügt bei bestimmten Taten nun die Verurteilung zu einem Jahr Haft. Seidler warnt davor, nach Ansbach nun die nächste Verschärfung der Abschieberegeln zu diskutieren. Viel sinnvoller wäre es zu verhindern, dass Unbefugte an Waffen oder Sprengstoff kommen. Und dass psychisch Belasteten und Kranken adäquat geholfen wird. Das eine aber, die Gesetzesänderung, "ist billig, das andere kostet".

Anschlag in Ansbach "Man kann niemandem mehr trauen, und man traut sich nichts mehr"
Anschlag in Ansbach

"Man kann niemandem mehr trauen, und man traut sich nichts mehr"

Wie reagiert Ansbach auf die jüngste Bluttat in Bayern? Nach dem Anschlag von Sonntagabend scheinen manche Anwohner ihre fränkische Gelassenheit verloren zu haben.   Von Tanja Mokosch