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Asylbewerber:Integration mit dem Gaspedal

Wollen anerkannte Flüchtlinge einen Job bekommen, ist vor allem auf dem Land meist der Führerschein unabdingbar. Doch es gibt Hürden - nicht nur bei Sprache und Verkehrsregeln

Zehn Bewerbungen, kein einziges Jobangebot. Mahmoud Kwadr geht es wie vielen syrischen Flüchtlingen: Asylantrag, Anerkennung, Arbeitserlaubnis. Und dann: keine Arbeit. "Alle Firmen wollen den Führerschein", die Erfahrung hat der 41-Jährige gemacht. Also will er ihn auch. Und so steigt er jetzt jede Woche in den grauen Kleinwagen der Fahrschule Hölzlberger und fährt durch die Gemeinde Fürstenzell in der Nähe von Passau. Heute auf dem Programm: Kupplung üben.

Kwadr, außerhalb des Autos eher ein lockerer und lustiger Typ, sitzt mit Schweißperlen auf der Stirn am Steuer. In Syrien ist er nicht gefahren, sagt er, das sei nicht notwendig gewesen in Damaskus. Es ist seine zweite Fahrstunde, das heißt, er ist das zweite Mal überhaupt auf der Straße. Und dann auch noch dieser Schilderwald hier! Da bleibt von den Anweisungen vom Beifahrersitz nicht viel hängen. Fahrlehrer Matthias Hölzlberger sagt: "Du hast Vorfahrt. Wenn ein Auto kommt, bist du Erster." Kwadr, den Blick angestrengt auf die Straße gerichtet, murmelt "Erster, ja" und greift zur Gangschaltung.

Fremde Verkehrsregeln und die Sprache sind nicht die einzigen Hürden, die der Syrer meistern muss. Der Führerschein ist teuer, die Mittel sind begrenzt. Alles, was er hat, setzt er auf eine Karte. Für Kwadr ist der Führerschein das Ticket ins Berufsleben, das ist zumindest die Hoffnung. Damit ist er nicht alleine. Gerade auf dem Land kann der Arbeitsweg zur Odyssee werden, mit Bus und Rad ist die Arbeitsstelle oft kaum zu erreichen. Viele Betriebe machen den Führerschein deshalb zur Voraussetzung. Wer will schon einen Azubi, der jeden Tag zu spät kommt? Es scheint, als würden immer mehr Flüchtlinge zu dem Schluss gelangen wie Kwadr. Einige Fahrlehrer berichten von einem regelrechten Ansturm auf ihre Schulen. Statistisch lässt sich das nicht belegen, da die Prüfungszahlen in den Erhebungen nicht nach Staatsangehörigkeit ausgewiesen werden. Es ist auch unwahrscheinlich, dass sich die Zahl der Flüchtlinge stark auf die Gesamtzahl der Fahrschüler auswirkt, schließlich machen Asylbewerber nur einen kleinen Bruchteil an der Bevölkerung aus. Einen Anhaltspunkt gibt es jedoch: Seit es Ende 2016 möglich wurde, die Theorieprüfung auf Hocharabisch abzulegen, ist sie mit Abstand die meistgenutzte Fremdsprache.

Die theoretische Prüfung legte Mahmoud Kwadr (links) auf Arabisch ab. Matthias Hölzlberger, Fahrlehrer im niederbayerischen Fürstenzell, macht ihn nun fit für die Straße.

(Foto: Benedikt Dietsch)

Auch Kwadr hat seine Prüfung auf Hocharabisch gemacht, einfach sei es deswegen noch lange nicht gewesen. Denn Arabisch ist nicht gleich Arabisch. Der syrische Dialekt unterscheidet sich vor allem grammatikalisch teils erheblich vom Hocharabischen. Dazu kommt, dass manche Wörter im Arabischen schlicht nicht existieren. "Übersetzen Sie mal Waldschneise oder Verkehrsspitze, da wissen die meisten auf Deutsch schon nicht, was gemeint ist", sagt Fahrlehrer Hölzlberger. Der 29-Jährige - Tanktop, Dreitagebart, breites Bairisch - ist Juniorchef des Familienbetriebs. In Fürstenzell hat er schon einige Flüchtlinge am Steuer ausgebildet. Etwa ein Drittel seiner Fahrschüler seien Asylbewerber, Männer überwiegend. Die Hälfte von ihnen mache die Prüfung auf Hocharabisch, der Rest wähle zum Beispiel Englisch, wenn die Muttersprache nicht angeboten wird. Oder gleich Deutsch, schließlich muss die praktische Prüfung auch darin abgelegt werden.

"Einige sprechen schon sehr gut", sagt der Fahrlehrer. Da sei das kein Problem. Für die meisten sei es aber eine riesige Herausforderung. Immer wieder fragten ihn Flüchtlinge, ob sie wirklich zum Theorieunterricht kommen müssten. "Die sitzen da eine Stunde drin und verstehen gar nichts. Ich könnte auch Chinesisch reden." Die Prüfungen seien trotzdem machbar. Man müsse nur "lernen, lernen, lernen". Kwadr hat sich das zu Herzen genommen, zwei Monate lang hat er gebüffelt, sechs Stunden täglich. "Ich habe bestanden", sagt er stolz, "im ersten Versuch."

So soll es auch in der praktischen Prüfung laufen, doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Kwadr sagt die ganze Fahrstunde über nichts. Neben ihm erklärt Hölzlberger im Telegrammstil, überdeutlich und klar: "Wenn du spürst, Auto will vor, dann langsam Kupplung, ja? Langsam." Kwadr nickt. Langsam ist das Gegenteil von dem, was er will. Je schneller er lernt, desto günstiger kommt er weg. Er zahlt jede Woche bar, 84 Euro. Noch kann er es aus Ersparnissen eines alten Jobs finanzieren. Doch wenn das aufgebraucht ist? Vom Arbeitslosengeld bleibt nicht viel übrig. "Ich habe es schon beim Jobcenter versucht", sagt Kwadr. Als anerkannter Flüchtling kann er dort einen Antrag stellen, hat die gleichen Rechte wie ein Deutscher. Freunden von ihm wurde die Fahrausbildung so finanziert. Doch es kam eine Absage. "Die Fälle, in denen das Jobcenter den Führerschein zahlt, sind verschwindend gering", sagt Matthias Hölzlberger.

Für Mahmoud Kwadr aus Syrien könnte der Führerschein das Ticket ins Berufsleben sein.

(Foto: Benedikt Dietsch)

Josefine Steiger kann das bestätigen. Für die Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben hat sie jahrelang Flüchtlinge an Betriebe vermittelt. Ihre Erfahrung: "Kaum jemandem wird der Führerschein gezahlt" - ob nun vom Jobcenter oder der Arbeitsstelle. Überhaupt, "von den etwa 2000 Auszubildenden mit Fluchthintergrund in Schwaben haben in den letzten drei Jahren keine zehn den Führerschein gemacht", sagt sie. Vor allem wenn ihr Asylantrag nicht angenommen wurde, sei die Priorität, die Ausbildung abzuschließen, um in Deutschland bleiben zu können. Zwar dürfen theoretisch auch Flüchtlinge ihre Fahrerlaubnis erwerben, die nicht anerkannt sind. Doch "die haben ganz andere Sorgen als den Führerschein", sagt sie.

Für Mahmoud Kwadr sieht die Sache anders aus. Seine Gleichung lautet: Erst der Lappen, dann die Arbeit. "Da vorne links" heißt es vom Beifahrersitz. Kwadr biegt rechts ab. Halb so wild, sagt Hölzlberger. Sein Ziel werde er trotzdem erreichen.