Asylbewerber in Bayern:Stimmungsmache gegen Flüchtlinge

Unruhe in Kempten

In Kempten löste eine geplante Notunterkunft für Flüchtlinge große Unruhe aus. CSU-Stadtrat Peter Wagenbrenner wurde von der Allgäuer Zeitung mit den Worten zitiert, er hoffe auf einen "Aufstand der Bevölkerung", um die Unterbringung der Asylbewerber in einem ehemaligen Amtsgebäude mitten im Wohngebiet zu verhindern. Wagenbrenner habe die Pläne der Regierung von Schwaben als "unzumutbar" bezeichnet und den Bürgern nahegelegt, bei einer Informationsveranstaltung dagegen "deutlich Front" zu machen. Diese Worte lösten einen Aufschrei bei anderen Parteien und beim Bayerischen Flüchtlingsrat aus. "Woanders hetzen Rechtsradikale wie NPD oder BIA gegen die Unterbringung von Flüchtlingen", sagt Stephan Dünnwald vom Flüchtlingsrat, "in Kempten scheint ein Anheizen der Stimmung gegen Flüchtlinge auch in der CSU hoffähig zu sein."

Bei dem genannten Info-Abend ließ Wagenbrenner kräftig zurückrudern: In seiner Abwesenheit erklärte eine Anwältin, Wagenbrenner habe die zitierten Aussagen nie gemacht. Auf Anfrage springt auch CSU-Oberbürgermeister Thomas Kiechle seinem Stadtrat bei: "Er hat einen Aufstand befürchtet, aber sich nicht gewünscht." Die umstrittene "Notunterkunft" für bis zu 120 Flüchtlinge werde nun schnellstmöglich eingerichtet, kündigt Kiechle an. Nach wie vor unwidersprochen sind Aussagen, mit denen die Allgäuer Zeitung Anwohner zitierte: "Da besorge ich mir ein Gewehr", sagte ein anonymer Rentner.

Am Ende der Kapazität

UMF - hinter diesem sterilen Kürzel verbergen sich nicht selten die anrührendsten Flüchtlingsschicksale: UMF steht für "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge", Kinder und Jugendliche also, die ohne Schutz von Erwachsenen in einem fremden Land auftauchen. Zuständig für die Erstbetreuung der jungen Flüchtlinge ist in Bayern nicht der Staat, sondern die jeweilige Kommune - häufig München, Rosenheim und Passau. Die niederbayerische Grenzstadt hat ihre Kapazitäten längst überschritten: Mehr als 200 minderjährige Asylbewerber sind dieses Jahr bereits in Passau gestrandet, bis Jahresende rechnet die Stadtverwaltung mit 300. Vor zwei Jahren waren es zwölf. Sieben Mitarbeiter des Jugendamts kümmern sich derzeit um nichts anderes.

Weil der Platz in den vorhandenen Einrichtungen nicht ausreichte, hat die Stadt in einer Turnhalle eine Notunterkunft eingerichtet. Mitte August hat der Passauer Stadtrat in einer einstimmig verabschiedeten Resolution die Staatsregierung aufgefordert, sich ihrer Verantwortung zu stellen. Die Worte zeigten Wirkung. Vor wenigen Tagen sagte das Kabinett den Kommunen finanzielle Hilfe und eine bayernweite Verteilung der unbegleiteten Minderjährigen nach Abschluss des Erstaufnahmeverfahrens zu. "Endlich kommt Bewegung in diese Problematik", sagt Oberbürgermeister Jürgen Dupper. Der Beschluss entlaste nicht nur seine Verwaltung, sondern stelle auch eine angemessene Betreuung der jungen Menschen sicher.

Tourist fühlt sich belästigt

Zum ersten Mal hat der Urlaubsort Bad Hindelang im Oberallgäu Asylbewerber aufgenommen: Seit Anfang August wohnen 20 junge Männer in einer ehemaligen Schule. Sie sind zwischen 18 und 44 Jahre alt und kommen aus Somalia, Nigeria und dem Senegal, die meisten aus Eritrea. Die Hilfsbereitschaft im Ort ist "beeindruckend", sagt Bürgermeister Adalbert Martin (CSU). Spontan hat sich ein Helferkreis gebildet: Verschiedene Teams kümmern sich ehrenamtlich um Kleidung, bieten Sprachunterricht an, begleiten die Flüchtlinge zum Arzt und übersetzen Schreiben der Behörden. Doch nicht alle im Ort zeigen sich solidarisch. Den Bürgermeister hat eine E-Mail erreicht, in der sich ein Tourist über die Asylbewerber beschwert. Er und andere fühlten sich belästigt, eine derartige Unterkunft störe und passe nicht zu einem Urlaubsort.

Bürgermeister Martin hat "absolut kein Verständnis": "Auf so etwas reagieren wir gar nicht erst." Es scheint die Meinung eines Einzelnen zu sein. Bad Hindelang lebt zu großen Teilen vom Tourismus. Hört man sich bei den Urlaubern im Dorf um, dann erfährt man, dass sie von den Flüchtlingen überhaupt nichts mitbekommen.

Flüchtling wird Pflegehelfer

Die alten Menschen im Seban-Dönhuber-Haus in in Neuötting verbindet viel mit diesem jungen Mann aus Afghanistan: Vielleicht ist sein Name, Nizamudin Mirzazada, für sie am Anfang befremdlich - aber er hat den Krieg mit all seiner Grausamkeit erlebt, so wie viele von ihnen auch. "Oft werde ich gefragt, was da gerade in Afghanistan passiert. Und dann erzählen die alten Leute von ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg", sagt Mirzazada. Der 27-Jährige, der Ende 2010 vor den Taliban nach Deutschland geflüchtet war, hatte in einem Sprachkurs vom Pflege-Praktikum des Roten Kreuzes erfahren. Den Pflegehelferkurs bestand er mit Bravour, wie Waldtraud Heidmann, seine Chefin, hervorhebt.

Mit Mirzazada ergriff auch der Iraker Schahab Zrar Ahmad die Chance, der Perspektivlosigkeit in der Asylbewerber-Unterkunft zu entkommen. Davon profitiert nicht zuletzt das Rote Kreuz: "Uns fehlen die Fachkräfte in der Pflege", sagt Brigitte Meyer, die stellvertretende BRK-Präsidentin. Davon abgesehen, sei es ein Gebot der Stunde, den Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt endlich zu erleichtern.

Arzt hält Sprechstunde ab

Seine Frau habe ihn etwas angestachelt, sagt der Mediziner Christoph Wittmann. Und er selbst habe auch etwas tun wollen, als er gehört habe, dass die Flüchtlinge im Notcamp an der Nürnberger Deutschherrenstraße medizinisch nicht versorgt würden. Sie leben in einem Festzelt, schlechter als anderswo. Wittmann organisierte ein Zelt und ein paar Bettlaken als Trennwände und seitdem bietet er jeden Tag mit drei, vier Kollegen Sprechstunden an. Ehrenamtlich, neben seiner Arbeit in der Klinik. "Auf Dauer geht das nicht", sagt er, "das greift die Substanz an." Er habe schon an die Regierung appelliert, einen ärztlichen Dienst zu installieren. Aber noch sind die Flüchtlinge auf die ehrenamtliche Arbeit von Wittmann und Kollegen angewiesen.

© SZ vom 15.09.2014/kaa/skan/stma/wiw/ebri/dm /bica
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