Süddeutsche Zeitung

Flüchtlinge in Bad Hindelang:Störung im Bergpanorama

Panik, wenn die Feuerwehrsirene heult: In Bad Hindelang im Oberallgäu sind erstmals 20 Flüchtlinge untergebracht. Die Solidarität mit den Männern aus Afrika ist groß. Doch der Bürgermeister fürchtet die Stammtisch-Meinung.

Solomon Weldeab sitzt auf seinem Bett und schaut aus dem Fenster, auf den Gipfel des Imberger Horns. Das Bett steht in einem ehemaligen Klassenzimmer. Wenn er aufsteht, stößt er mit dem Knie fast an das Bettgestell seines Nachbarn. Zehn Liegen reihen sich aneinander, die Tafel hängt noch an der Wand. Solomon Weldeab ist 30 Jahre alt und Eritreer. Seit Anfang August wohnt er mit 19 weiteren afrikanischen Flüchtlingen in einer früheren Schule im Oberallgäu.

Zum ersten Mal hat die Gemeinde Bad Hindelang Asylbewerber aufgenommen. Die Männer sind zwischen 18 und 44 Jahre alt und kommen aus Somalia, Nigeria und dem Senegal, die meisten aus Eritrea. Weldeabs Heimat ist fast doppelt so groß wie Bayern und hat etwa halb so viele Einwohner. Wegen der autoritären Herrschaft Isayas Afewerkis wird Eritrea als "Nordkorea Afrikas" bezeichnet, auf der Rangliste der Pressefreiheit belegt das Land den letzten Platz.

Weldeab kam über das Mittelmeer nach Europa. "Wir waren mehr als 450 Menschen in einem völlig überfüllten Boot. Eine Mutter ist bei der Überfahrt gestorben. Ihr kleines Kind war ganz allein, als wir ankamen", erzählt er. Er selbst ist wie viele andere über Italien nach Deutschland weitergereist, im Bus.

Etwa 33 000 Asylbewerber erwartet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für das Jahr 2014 allein in Bayern, die Zahlen sind mehrfach nach oben korrigiert worden. Die Erstaufnahmestellen in Zirndorf und München sind überfüllt. Von dort werden die Menschen auf die Landkreise verteilt - wie die jungen Männer, die im Oberallgäu landeten.

Das kleine Schulhaus im Bad Hindelanger Ortsteil Vorderhindelang stand seit Jahren leer. Der Gemeinderat bot es als Notunterkunft an. Innerhalb weniger Tage wurden die zwei Klassenzimmer mit Betten und Schränken eingerichtet. "Now it's no school anymore", sagt der Somalier Ahmed Liman, der vor der Al-Shabaab-Miliz geflohen ist, und grinst schief, "now it's our house". Die alte Schule ist jetzt ihr Zuhause - oder zumindest so etwas in der Art.

"Beeindruckend" sei die Hilfsbereitschaft

Bad Hindelang ist das, was man ein beschauliches Dorf nennen könnte. Nicht ganz 5000 Einwohner hat die Marktgemeinde, die Menschen grüßen sich beim Bäcker. Im September findet der Alm-Abtrieb statt, der hier "Viehscheid" heißt und für die Hindelanger so wichtig ist wie das Oktoberfest für die Münchner. Die Vermieter der Ferienwohnungen müssen nicht mit einem direkten Blick auf die Berge werben, denn den hat hier jeder. Die Gemeinde lebt zu großen Teilen vom Tourismus. Bei Bundestags- und Landtagswahlen erreicht die CSU in Bad Hindelang regelmäßig etwa 50 Prozent der Stimmen.

Deren Asylpolitik ist durch Härte gekennzeichnet - zuletzt stand die CSU bundesweit massiv in der Kritik, weil Ministerpräsident und Parteichef Horst Seehofer angesichts steigender Asylbewerberzahlen wieder Grenzkontrollen gefordert hatte. In Bad Hindelang ist die Grenze zu Österreich weniger als zehn Kilometer entfernt, aber von Ablehnung ist hier nichts zu merken. Die Hilfsbereitschaft im Dorf sei "beeindruckend", sagt CSU-Bürgermeister Adalbert Martin. Spontan hat sich ein Helferkreis gebildet.

Die Teams kümmern sich ehrenamtlich um Kleidung, begleiten die Flüchtlinge zum Arzt oder übersetzen Behördenbriefe, denn die werden nur auf Deutsch verteilt. "Wir wollen den Menschen im Alltag helfen", sagt Karl-Heinz Reimund, der in der Gemeindeverwaltung für die Asylbewerber zuständig ist. "Als es zum Beispiel einen Probealarm beim benachbarten Feuerwehrhaus gab, waren die Jungs in Panik. Man musste ihnen erst erklären, was Sirenen hier bedeuten."

Die Helfer haben einen regelrechten Stundenplan mit Angeboten erstellt für "unsere Asylbewerber", wie sie sie nennen. Sprachunterricht, Sport, Ausflüge in die Berge. Zehn bis elf Uhr, Deutschstunde. Die Flüchtlinge sitzen an U-förmig angeordneten Tischen. "Woher kommst du?", fragt Said und wendet sich an Sitznachbar Yohannes. "Ich komme aus Eritrea", antwortet der und gibt die Frage an Ahmed weiter. Die pensionierte Volksschullehrerin Elisabeth Gassner korrigiert die Aussprache, sie unterrichtet seit Kurzem wieder.

Nahtlos geht es weiter mit Verkehrserziehung. Berufsschullehrer Reinhard Pargent löst Gassner ab. Die Gruppe hat Fahrräder geschenkt bekommen, Pargent erklärt deutsche Straßenschilder. Er hat sich nach einer Informationsveranstaltung als freiwilliger Helfer gemeldet. "Ich dachte mir, irgendetwas kann man immer tun", sagt er. Maria Scholl, die direkt gegenüber der früheren Schule wohnt, würde die jungen Männer gerne zum Essen einladen. "Sie sind so herzlich. Aber ich bin unsicher, ob die das nicht langweilig finden, mit mir alter Frau", sagt sie lächelnd.

Ein Tourist fühlt sich belästigt - und beschwert sich

Doch es gibt auch Menschen, die nicht denken wie Maria Scholl. Den Bürgermeister hat eine E-Mail erreicht, in der sich ein Tourist über die Asylbewerber beschwert. Er und andere fühlten sich belästigt, eine derartige Unterkunft passe nicht zu einem Urlaubsort, heißt es darin. Sie störe. Bürgermeister Martin hat "absolut kein Verständnis" für das Schreiben: "Auf so etwas reagieren wir gar nicht erst."

Einen Grund, nicht mehr ins Oberallgäu zu fahren, sehen die Urlauber am Busbahnhof derzeit nicht. "Da müsste mich schon einer überfallen, dass ich mir Sorgen machen würde", sagt etwa Jürgen Priem aus Frankfurt. Es scheint also die Meinung eines Einzelnen zu sein - doch viele fürchten, dass sie die allgemeine Stimmung beeinflussen könnte.

Als überlegt wurde, die Flüchtlinge in einem ehemaligen Hotel in der Ortsmitte einzuquartieren, gab es auch von Einheimischen Bedenken - wegen der Touristen. Wer weiß, ob die noch anreisen, so die Befürchtung. Und: Manche Dorfbewohner äußern ihre Meinung nur im Privaten. "Was an den Stammtischen geredet wird, will ich gar nicht wissen", räumt der Bürgermeister ein. Eine Hindelangerin, die nicht namentlich zitiert werden will, sagt: "Ich hätte Angst um meine Kinder, wenn ich direkt nebenan wohnen würde."

Einige im Dorf befürchten: Es könnten zu viele Asylbewerber werden. Derlei Einwände finden die Helfer lächerlich. "Im Zweiten Weltkrieg gab es im Gemeindegebiet 2000 Flüchtlinge, also fast einen neuen Ortsteil", sagt Reimund. "Da muss doch jetzt das bisschen Hilfe für 20 Menschen leistbar sein."

Nicht arbeiten zu dürfen, ist für Weldeab schwer auszuhalten

Die Zweifel im Dorf werden auch durch eine gesetzliche Regelung befeuert. Weil Asylbewerber erst nach neun Monaten eine Arbeitserlaubnis bekommen, fragen sich viele: Was machen die nur den ganzen Tag?

Für Weldeab, Liman und die anderen ist die eigene Tatenlosigkeit schwer auszuhalten. "Man sitzt auf dem Bett und grübelt. Ich bin das nicht gewohnt", sagt Weldeab. In Eritrea arbeitete er im Handel. Doch wegen seines Glaubens fühlte der Protestant sich bedroht. Bestimmte christliche Gruppen werden in der Militärdiktatur verfolgt, immer wieder berichten Hilfswerke von grundlosen Festnahmen.

Weldeab zeigt Fotos von seiner Frau, die er zurücklassen musste, von seinen zwei Söhnen, fünf und acht Jahre alt. "Hier in Deutschland ist es besser. Aber es ist hart, so zu leben. Wir haben viel zu wenig Platz." Die 20 Männer teilen sich eine Dusche. Morgens müssen sie anstehen. "Ich bin ein erwachsener Mann, ich will mich nicht vor allen anderen umziehen", sagt Weldeab. "Da gibt es oft Streit." Die Männer sprechen verschiedene Sprachen, auch untereinander ist die Verständigung schwer. Gerne würden sie selbst kochen. Obwohl seit 1. April 2014 die umstrittenen Essenspakete in Schwaben abgeschafft sind, werden die Männer von einer Großküche versorgt. Der Kühlschrank funktioniert nicht, ein Herd darf nicht aufgestellt werden, aus Brandschutzgründen.

"Fast muss man die Euphorie bremsen"

Bürgermeister Martin betont, dass es sich bei der Schule um eine Übergangslösung handele. Die Arbeitsregelung müsse man überdenken, findet auch er. Derzeit werde in der Gemeinde über Ein-Euro-Jobs für die Asylbewerber gesprochen. Ob er sich von der Landesregierung im Stich gelassen fühlt? "Der Staat hat klare Grenzen", sagt er.

Dass die Flüchtlinge in Bad Hindelang so umsorgt werden, wäre ohne die Einheimischen nicht möglich. "Fast muss man die Euphorie ein bisschen bremsen, damit die Hilfe nicht nachlässt. Schließlich werden in den nächsten Monaten bestimmt wieder Flüchtlinge zu uns kommen", sagt der Helfer Pargent.

Wie es mit den 20 Männern weitergeht, ist bislang unklar. Nur etwa 27 Prozent der Asylanträge, über die zwischen Januar und Juli 2014 entschieden wurde, sind laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge befürwortet worden - die meisten Menschen werden abgeschoben. Für Eritrea liegt die derzeitige Anerkennungsquote bei etwa 45, für Somalia bei 21 Prozent. Je nach Herkunftsland müssen die Flüchtlinge lange auf eine Entscheidung warten, meist mehr als zwölf Monate.

Von Anfeindungen merken die Flüchtlinge selbst nichts, sagen sie. "Alle sind nett zu uns", findet Ahmed Liman, Weldeab nickt. "Dankeschön" ist das Wort, das sie alle problemlos beherrschen.

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