Am Aschermittwoch, so heißt es in einem alten Karnevalslied, ist alles vorbei. Für die Politik gilt das nicht, in Bayern schon gar nicht. In Niederbayern veranstalten die Parteien zu Beginn der Fastenzeit traditionell ein politisches Kräftemessen, das in diesem Jahr die heiße Phase des Kommunalwahlkampfs einläutet. Ein Überblick:
Seit die Ampel in Berlin Geschichte ist, muss man sich bei Ritualen wie dem politischen Aschermittwoch ja immer fragen: Wen knöpft sich Markus Söder vor? Der einstige Lieblingsgegner, die Grünen, taugt nicht mehr für ein vormittagfüllendes Bashing, beim letzten CSU-Parteitag verzichtete Söder in seiner Rede sogar ganz auf eine Erwähnung der Partei. Wozu? Lohnt nicht mehr, hieß es in CSU-Kreisen. Die SPD ist jetzt Partner im Bund, da lässt es sich sticheln, aber nicht mit zu harten Attacken. Auch mit den Freien Wählern in der Bayern-Koalition läuft es ziemlich harmonisch, deren Chef Hubert Aiwanger hatte zum Jahresende sogar bekundet, das Bündnis nach 2028 fortsetzen zu wollen. Auch wenn die FW vielerorts Konkurrent der CSU bei der Kommunalwahl sein dürften – sie verbal zu vermöbeln, das wäre eine unkluge Taktik.

Bliebe noch die AfD, unerfreulicher Mitbewerber jetzt bei Wahlen wie zu den Kreistagen, ohnehin in Bayern und im Bund, und auch im Grundsatz. Die Rechtsradikalen machen ja immer wieder klar, dass sie die CSU als staatstragende Partei vernichten und beerben wollen, sie versuchen auch frech, deren Helden Franz Josef Strauß für sich zu okkupieren. Söders Abgrenzung zur AfD ist unmissverständlich, er geißelt sie oft als „rechtsextreme Kaderpartei, moskautreu und autoritär“. Aber damit einen Aschermittwoch in Passau bestreiten, eine Rede für die Demokratie halten? Ist wohl auch nicht die Kost, die Parteianhänger zwischen Bier und Fischsemmeln gern von der Bühne aus serviert bekommen. Es ist eine Zwickmühle, Söder wird sich vermutlich in einen Rundumschlag retten.
Würde man Wetten auf Hubert Aiwangers Aschermittwochs-Pointen abschließen, stünde das Streusalz bei den Buchmachern vermutlich weit oben. Der Freie-Wähler-Chef spottet seit Jahresbeginn lautstark über Berlin, wo trotz Schnees und glatter Straßen ein Streusalzverbot gilt. „Ganzjahresfasching in Reinkultur“, kommentierte Aiwanger auf Social Media. Die Bundeshauptstadt ist in bayerischen Bierzeltreden die Zielscheibe schlechthin.

Auch die Berliner Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD dürfte Bayerns Wirtschaftsminister in der Deggendorfer Stadthalle ins Visier nehmen. Die Frage wird sein, wie viel Attacke gegen den bayerischen Koalitionspartner CSU sich Aiwanger traut. Vor einem Jahr hatte er vollmundig angekündigt, das milliardenschwere Sondervermögen der schwarz-roten Koalition verhindern zu wollen, nur um kurz darauf einzuknicken. Seitdem ist Aiwangers Rebellenmythos angekratzt. Im Bayerntrend des Bayerischen Rundfunks kamen seine Freien Wähler Anfang des Jahres auf ihren schlechtesten Wert seit Jahren, neun Prozent. Bei der Kommunalwahl gilt daher: bloß nicht ausrutschen, Streusalz hin oder her.
AfD
Bei der AfD in Osterhofen steht ein Name auf der Rednerliste, der in der breiten Öffentlichkeit recht unbekannt ist, in AfD-Kreisen aber rauf- und runtergebetet wird: Joachim Paul. Der Wahlausschuss der Stadt Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz hatte ihn 2025 nicht zur Oberbürgermeisterwahl zugelassen, wegen Zweifeln an seiner Verfassungstreue. Als Symbol einer vermeintlichen Unterdrückung durch ein „Altparteien-Kartell“ zieht die AfD Paul seitdem heran, im Netz und in allerlei Reden, um die eigenen Leute aufzupeitschen.

Derlei Geraune wird man beim Aschermittwoch zu hören bekommen. Sprechen wird zudem der Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, Markus Frohnmaier, neben Stammpersonal beim Aschermittwoch wie Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner und Landeschef Stephan Protschka, der für die AfD zur Kommunalwahl in Dingolfing-Landau als Landrat kandidiert.
Grüne
Mit zwei Hauptrednerinnen stechen die Grünen im von Alphamännchen geprägten Aschermittwochs-Haudrauf heraus. Angriffslustig dürften die beiden Katharinas (Dröge und Schulze) aber dennoch auftreten. Die beiden Fraktionschefinnen im Bund und in Bayern können ihre Oppositionsrolle ausleben und den Regierenden (Merz und Söder) erzählen, was sie alles falsch machen. Etwa bei der Energiewende, die die Grünen durch neue Pläne von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gefährdet sehen.

Für Schulze und die bayerischen Grünen geht es aber auch darum, kurz vor der Kommunalwahl zu zeigen: Wir sind noch da! Im Kampf um die OB- und Landratsposten fliegen die Grünen etwas unter dem Radar, mit großen Wahlsiegen wird nicht gerechnet. Das hat aber auch Vorzüge: Der Hass, dem Kandidierende der Öko-Partei in den vergangenen Jahren ausgesetzt waren, habe abgenommen, berichten wahlkämpfende Grüne.
SPD
Lars Klingbeil absolviert seine zweite Aschermittwochs-Rede in Vilshofen. Als der SPD-Chef vor zwei Jahren zum ersten Mal auf der Bühne des Wolferstetter Kellers stand, regierten seine Sozialdemokraten noch in der Ampel mit den Grünen und der FDP. Überall im Land protestierten die Bauern gegen die Abschaffung von Steuerprivilegien beim Agrardiesel, die Regierung war ziemlich unbeliebt. Ein Zustand, der dem heutigen Vize-Kanzler vertraut vorkommen dürfte.

Bevor Klingbeil damals sprach, prophezeite die oberbayerische SPD-Frau Maria Noichl das Aus der FDP und Christian Lindner: „Christian, wir werden dich nicht vermissen, wenn die FDP nicht mehr in den Bundestag einzieht.“ Klingbeil gab sich brav und ließ die Provokation verpuffen. Auch diesmal darf man keine Krawall-Rede erwarten, dafür ist der Niedersachse nicht der Typ. Ein paar harmlose Scherze über Markus Söder sind aber fast schon Pflicht, um die geschundene Sozialdemokratie bei Laune zu halten. Nur ein baldiges Ende der Koalition dürfte sich diesmal niemand wünschen. Zu düster sind die Alternativen.
FDP, Linke, BSW, ÖDP, Bayernpartei
Auch kleine Parteien laden ihre Anhänger ein. Dazu muss man mittlerweile auch die außerparlamentarische FDP zählen. Als Hauptredner hat sie Wolfgang Kubicki nach Dingolfing geladen, der ist zumindest Garant für würzige Scherze. Außerdem sprechen der im vergangenen Jahr gewählte FDP-Landeschef Michael Rouff und Susanne Seehofer, seine Stellvertreterin.

Politischer Aschermittwoch:„Söder arbeitet sehr emotiv, mit empfundener Bedrohung und Bevormundung“
Der Politologe Daniel Nagl hat zum politischen Aschermittwoch promoviert. Er erklärt, warum die Veranstaltung mehr ist als verbales Draufhauen, wie Markus Söder Ängste schürt und wer zur Vorbereitung ein Bier trinken sollte.
Die Linke will zwar bei den Kommunalwahlen im März mitmischen und ihren Bundestrend nutzen; eine in Bayern geplante Veranstaltung hat sie aber kurzfristig nach Stuttgart verlegt, wegen der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Das stiftete kurzzeitig Verwirrung, denn trotzdem wird es auch eine Veranstaltung in Bayern geben. In Thyrnau sind zwar keine Parteichefs, aber Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow sowie die frühere Linken-Vorsitzende Janine Wissler angekündigt.
Auch das BSW will Präsenz zeigen. In Tiefenbach bei Passau sprechen der Europapolitiker Fabio De Masi und Amira Mohamed Ali, Vorsitzende der Wagenknecht-Partei.
Zum bayerischen Inventar, bei Landtagswahlen und am Aschermittwoch, gehören ÖDP und Bayernpartei. Die ÖDP in Passau wendet sich an Leute, die kein „Mini-Atomkraftwerk bei Ihnen um die Ecke“ wollen, in Anspielung an Söders Kernkraftpläne. Die Bayernpartei verweist in der Einladung nach Vilshofen an der Donau darauf, dass der politische Aschermittwoch ein von ihr „wiederbelebtes“ Format sei. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm sie den traditionellen Viehmarkt am Aschermittwoch zum Anlass für eine Großkundgebung. Die CSU erkannte damals rasch das Potenzial. Die beiden Parteien duellierten sich fortan regelrecht – das Spektakel war geboren.

