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Forschungsreise:Expedition ins Verderben

Beckler dokumentierte in Australien verschiedene Landschaften und Pflanzen mit dem Zeichenstift.

(Foto: Thomas Balbierer)

Der Arzt Hermann Beckler aus dem schwäbischen Höchstädt nahm 1860 an einer Durchquerung Australiens teil. Die Reise endete im Chaos, trotzdem gilt sie noch heute als legendär.

Das Vermächtnis des Hermann Beckler liegt in einem bunten Karton im Keller des Höchstädter Rathauses. Die Kiste - etwas größer als ein Schuhkarton - steht im untersten Fach eines abgeschlossenen Stahlschranks, nur wenige haben den passenden Schlüssel. Einer von ihnen ist Leo Thomas vom Historischen Verein im Ort. Es ist nicht so, dass er in dem dunklen und trockenen Kellerraum ein Geheimnis hüten würde, aber ein Schatz ist die Kiste voller Briefe und Schriften des Hermann Beckler für den Hobbyhistoriker allemal.

Der Arzt und Botaniker, 1828 in Höchstädt geboren, hatte Deutschland 1855 Richtung Australien verlassen, wo er bei der waghalsigen "Burke and Wills Expedition" anheuerte. Ziel der Expedition war, Australien erstmals von Süden nach Norden zu durchqueren und wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse über das australische Hinterland zu gewinnen. 3250 Kilometer durch unbekanntes Gelände. Die Reise endete im Chaos, die Gruppe trennte sich im Streit, beide Expeditionsführer kamen um. Trotzdem gilt das Unterfangen in Australien noch heute als legendär. Den Briten Robert O'Hara Burke und William John Wills wurden Denkmäler gesetzt.

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In Deutschland wurde Hermann Beckler nie verehrt, seine Geschichte geriet in Vergessenheit. Lange interessierte sich niemand für seinen Nachlass, den die Familie an die Stadt Höchstädt übergeben hatte. Bis 2010 eine E-Mail aus Australien bei Leo Thomas einging. Ein Forscher der Royal Society of Victoria erkundigte sich nach Becklers alten Schriften, berichtet Thomas. Erst die Anfrage vom anderen Ende der Welt habe ihn wieder auf die Spur Becklers gebracht. Gemeinsam mit dem australischen Forscher wertete er die Reiseberichte, Tagebücher, zwei Testamente und Briefe aus. Beckler hatte während seiner Zeit in Australien regelmäßig an seinen Bruder Karl geschrieben. Die Originaldokumente sind in altdeutscher Schrift verfasst und sehr eng beschrieben.

Die Expedition beginnt im August 1860. Beckler berichtet schon früh von Streit in der Gruppe. "Burke führt ein strenges Kommando", sagt Thomas. "Ihm geht es vor allem um den eigenen Ruhm." Denn gleichzeitig zur Expedition von Burke und Wills unternimmt auch der Schotte John McDouall Stuart den Versuch, Australien zu durchqueren. Deshalb fordert Burke, so Hobbyhistoriker Thomas, "Tempo, Tempo, Tempo."

Die Truppe bricht von Melbourne auf und sticht ins Landesinnere. Heute wissen Historiker, dass die Expedition die zu dem Zeitpunkt am besten ausgerüstete Entdeckungsreise ist. Neben Pferden kommen erstmals auch Kamele zum Einsatz. Doch die Ausrüstung wird bald zur Last, Burke nimmt keine Rücksicht auf Mensch und Tier. Die Tiere müssen bis zu 400 Kilogramm buckeln, sagt Thomas. "Landvermesser, Botaniker, Zeichner - alle werden zu Kamelführern degradiert." Ursprünglich nehmen an dem Trip 19 Männer teil, Burke entledigt sich jedoch einiger Teilnehmer, um schneller voranzukommen. In einem seiner Briefe schreibt Hermann Beckler: "Es wurden drei Leute und ein Indier (letzterer auf seinen Wunsch) entlassen. Der Indier (Beludsch) kam uns sehr bald wieder nach, und wir waren froh darüber, denn es war sicher, dass er von uns allen mit den Kamelen, namentlich mit den störrischen, am besten umzugehen wusste."

Der Forscherdrang siegt

Ende Oktober kommt es zum Eklat: Der zweite Mann hinter Burke, George Landells, verlässt die Expedition. "Er war von Wills bei Burke angeklagt worden, separatistische Zwecke zu verfolgen", schreibt Beckler. Für den Höchstädter ist die Entscheidung ein Schock und er beschließt, sich Landells anzuschließen. "Es war keine kleine Sache für mich, jetzt plötzlich von einem so lange und so innig genährtem Wunsch wie dem einer solchen Reise zurückzutreten." Beckler erklärt sich aber bereit, der Gruppe so lange als Arzt zu dienen, bis ein neuer Arzt dazustößt.

In Menindee, etwa 800 Kilometer nördlich von Melbourne, gründen die Forscher ein Basislager. Burke, von Ruhmsucht getrieben, zieht mit einer kleineren Mannschaft weiter. Der Rest, darunter Beckler, bleibt in dem Camp zurück. Endlich kann sich der Botaniker nun der australischen Pflanzenwelt widmen. Wie groß sein Forscherdrang gewesen sein muss, zeigt sich an zahlreichen Zeichnungen, die er später zurück nach Deutschland gebracht hat und die nun in Höchstädt lagern. Er skizziert die trockenen Landschaften des Landesinneren, zeichnet Aborigines, die Ureinwohner Australiens, und entdeckt neue Pflanzenarten, etwa die Acacia beckleri, ein Mimosengewächs mit gelblichen Blüten. "Er hat für die Forschung alles gegeben", sagt Hobbyhistoriker Thomas.

Die eigentliche Expedition geht ohne ihn weiter, für Burke ist Beckler nach dessen Rückzug ohnehin ein Feigling. Die Truppe um Burks schlägt im damaligen Cooper's Creek ein weiteres Lager auf. Der australische Sommer macht den Entdeckern zu schaffen, sie leiden unter sengender Hitze und Sandstürmen. Doch statt den Sommer im Schutz des Lagers zu verbringen, brechen Burke und Wills im Dezember wieder auf. An ihrer Seite sind nur noch zwei weitere Männer, John King und Charles Gray. Zu diesem Zeitpunkt haben sie noch nicht einmal die Hälfte der 3250 Kilometer zurückgelegt.

Der leidenschaftliche Naturforscher Hermann Beckler.

(Foto: Wikipedia)

Die vier Männer kommen nun gut voran, im Februar 1861 sind sie ihrem Ziel, dem Golf von Carpentaria, sehr nahe. Doch sie können das Meer nicht erreichen, zwischen ihnen und dem Meer liegen riesige Sumpfgebiete. Die Entdecker kehren um. Sie wissen, dass die zurückgebliebenen Männer für sie Proviant deponiert haben. Doch der Weg zurück durchs Landesinnere gerät zur Katastrophe. Sie verpassen den Rest der Gruppe nur knapp. Die hinterlassenen Vorräte brauchen sie auf, sie werden immer schwächer. Als erstes stirbt Charles Gray. Burke und Wills sterben wohl im Juni 1861. Nur der Soldat John King überlebt, er findet Zuflucht bei einem Aborigine-Stamm und wird Monate später von einem Suchtrupp gerettet.

Beckler gilt als Verräter

Hermann Beckler wird nach der Expedition von einer Untersuchungskommission verhört, die das Scheitern der Unternehmung aufarbeitet. Während Burke und Wills in Australien als Helden gefeiert werden, gilt Beckler wie andere Aussteiger als Verräter, erklärt Leo Thomas. Doch John King, der die Tour als einziger überlebt hat, spricht sich für ihn aus. Desillusioniert kehrt Beckler zurück nach Deutschland und lässt sich 1862 als Arzt im Allgäu nieder. "Sein Abenteuerdrang war gestillt", so Thomas.

Am 10. Dezember 1914 starb der Höchstädter im Alter von 86 Jahren in Fischen, davon zeugt die Todesanzeige, die sich in seinem Nachlass befindet. Wie auch sein Testament, demzufolge er ein Erbe von 48 700 Reichsmark hinterließ.

Ob Hermann Beckler nach seinem Australien-Abenteuer noch einmal nach Höchstädt zurückkehrte, sei nicht überliefert, sagt Leo Thomas. Die Kleinstadt hat eine Straße nach ihm benannt. An seinem Geburtshaus erinnert eine Gedenktafel an ihn. Sonst ist von ihm nicht mehr geblieben als ein bunter Karton voller Briefe und Zeichnungen im Keller des Rathauses. Eigentlich schade, findet Thomas, "dass er bei uns so unbekannt geblieben ist".

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