Arzberg in Oberfranken:Mitten im Zwiespalt

Göcking braucht nur ein paar Schritte vors Büro zu gehen, dann ist er mitten drin im Zwiespalt. Links wird gerade die Bahnhofstraße saniert, Bagger versperren den Weg, ein Zeichen dafür, dass etwas vorwärts geht. Die Bürger maulen, weil sie Bauarbeiten nicht mehr gewohnt sind. Hier gammelt aber auch dieses dreistöckige Wohnhaus vor sich hin: Im Erdgeschoss das einstige Elektrogeschäft, in dem Göcking viele Jahre gearbeitet hatte. Die Jalousien sind heruntergelassen. In Starnberg wäre das Gebäude Millionen wert, doch hier hat der Hausherr sein Eigentum aufgegeben.

Für Göcking war es neu und erschreckend zugleich, dass so etwas überhaupt möglich ist. Dabei kommt es immer wieder mal vor, dass Erben in Arzberg ein baufälliges Haus ausschlagen. Dann fällt es an den Freistaat, der für die Sicherung des Gebäudes sorgen muss. Wenn jemand aber sein Eigentum aufgibt, steht die Stadt in der Pflicht - und das kostet Geld.

Arzberg

Arzberger Ansichten: Das Elektrogeschäft steht seit Jahren leer. Der Eigentümer hat sein Haus aufgegeben, jetzt muss sich die Stadt darum kümmern.

Wer zieht schon nach Arzberg?

Der Immobilienmarkt liegt am Boden. Ein Blick ins Schaufenster der Sparkasse: ein Dreifamilienhaus, zu verkaufen für 167.000 Euro, was noch vergleichsweise teuer ist. Kürzlich erwarb die Stadt ein Haus mit Garten für 16.000 Euro. "Man muss froh sein, wenn man es überhaupt wieder losbekommt", sagt Göcking. Einem potenziellen Käufer würde die Stadt sogar noch 4000 Euro Förderung zuschießen. Doch wer zieht schon nach Arzberg?

Mit dem Auto fährt der Bürgermeister durch die Innenstadt: Da links, das war einmal die Metzgerei, dort steht eine Bäckerei zu verkaufen, die Apotheke hat auch zugemacht. Mehr als 20 leer stehende Geschäfte hat Göcking in einem Plan eingezeichnet. Eine Abwärtsspirale, die nur schwer zu durchbrechen ist: Mit den Einwohnern verliert die Stadt Kaufkraft, Einzelhändler müssen aufgeben und damit sinkt wiederum die Attraktivität als Wohnort.

Oben auf der Anhöhe liegen die Schulen, sie sind der Schlüssel für die Zukunft: Kinder toben über den Pausenhof - hundert sind es noch in der Grundschule. Daneben die einstige Hauptschule. Für 450 Schüler wurde sie vor Jahrzehnten geplant, jetzt steht sie leer. Eine einzige fünfte Klasse gibt es noch, sie hat in der Grundschule Unterschlupf gefunden. "Die Mittelschule ist eigentlich nicht zu", sagt Göcking sarkastisch, "sie macht halt nur irgendwann nicht mehr auf." Die Stadt Arzberg hat deshalb bei der Staatsregierung den Antrag auf Errichtung einer Gemeinschaftsschule gestellt. Wenn die Schulen schließen, dann droht Arzberg das Schicksal als Altenheim. "Aber ein seniorengerechtes Wohnstädtchen ist nicht überlebensfähig."

"Ich bin Arzberger mit Herz und Blut"

Deshalb hält die Stadt auch an der Musikschule fest, obwohl sie kein Geld hat. Deshalb hat sie hat das Freibad nicht geschlossen, sondern renoviert. Und deshalb hat Hans Günther Tröger sein Haus in der Altstadt hergerichtet: "Ich bin Arzberger mit Herz und Blut", sagt der Unternehmer. "Es tut mir weh, wenn alles niedergeht." In frischem Grün leuchtet jetzt die hundert Jahre alte "Eisenwarenhandlung Hans Rieß" aus der grauen Welt der Eternitplatten und Fliesen heraus.

Die Wohnungen im Obergeschoss sind freilich nicht vermietbar, das Geschäft seines Mieters im Erdgeschoss läuft schleppend. Trotzdem sagt Tröger: "Selbstverständlich kann man in Arzberg gut leben." Er ärgert sich über die depressive Mentalität, die sich in der Stadt breit gemacht habe - und sie schlechter macht, als sie ist. Der evangelische Pfarrer Matthias Leibach wurde sogar gewarnt, als er vor drei Jahren seine Stelle in Arzberg antrat. Jetzt sagt er: "Ich lebe gerne hier, sehr gerne sogar. Das könnten manche Arzberger gar nicht glauben."

Arzberg

Leuchtet wieder in frischem Grün: die hundert Jahre alte "Eisenwarenhandlung Hans Rieß".

Auf dem Kirchberg zündet sich Göcking eine Zigarette an. Er wirkt ein wenig stolz. So wie hier, sagt er, könnte Arzberg mal aussehen: Für 800 000 Euro hat die Stadt am Hang leer stehende Häuser abgerissen und einen Terrassengarten angelegt. Jetzt hofft er, dass er nach Jahren der Suche endlich einen Investor für das Schuhmann-Areal gefunden hat. Die Lebenshilfe Marktredwitz will dort eine Behinderteneinrichtung bauen. Danach muss er sich um den Abriss der Winterling-Fabrik kümmern. Wieder so eine Großruine - die nächste dunkle Wolke am Himmel, wie Göcking sagt. Er ist seit 2006 Bürgermeister, er kennt es nicht anders. Zumindest weiß er inzwischen: Arzberg wird weiter schrumpfen, aber nicht zugrunde gehen.

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