Ein tiefschwarzer länglicher Körper, der ein wenig glänzt, gerade mal drei Zentimeter groß, dafür aber auffällige Vertiefungen auf den Flügeldecken und dem Halsschild: Der Grubenlaufkäfer oder Carabus variolosus, der in feuchten Wäldern lebt und dort nachts in kleinen Quellrieseln und -teichen nach winzigen Schnecken, Insekten und Fischlein taucht, zählt zu den seltensten Käferarten in Bayern. Deutschlandweit wird der Grubenlaufkäfer, der nicht fliegen kann, als vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste geführt. Einst war er weitverbreitet.
Jetzt haben Experten der Heinz Sielmann Stiftung, die eine ganze Reihe Biotope in Ostbayern betreut, den Grubenlaufkäfer gleich mehrfach an der Unteren Ilz bei Passau nachgewiesen. „Das war Wahnsinn, als wir auf ihn gestoßen sind“, sagt der Käfer-Fachmann Andreas Weigel. „Der Grubenlaufkäfer kommt nur noch an ganz wenigen Orten in Deutschland vor. Die Freude war riesengroß, dass wir ihn hier im Ilztal gefunden haben.“ Zumal Weigel und Co. den Grubenlaufkäfer auch an Stellen in dem nur 30 Hektar großen Untersuchungsgebiet nachgewiesen haben, an denen sie ihn gar nicht erwartet hatten.
Einen gewichtigen Anteil an den Nachweisen haben Arnie und die Biologin Irene Wagensonner, die in Furth bei Landshut lebt und arbeitet. Arnie ist ein Artenspürhund, Wagensonner seine Halterin. Arnie hat das Gebiet im Ilztal an einer langen Laufleine nach Duftspuren des Grubenlaufkäfers abgesucht. Wo immer er fündig wurde, hat er sich hingesetzt und Blickkontakt mit seiner Halterin Irene Wagensonner aufgenommen.
„Dann war klar, hier hält sich ein Grubenlaufkäfer auf“, sagt Wagensonner – und zwar auch dann, wenn man ihn nicht sehen konnte, etwa weil er unter Steine gekrabbelt war oder sich unter die Rinde eines abgestorbenen Baums gezwängt hatte. „Arnie arbeitet sehr genau“, sagt Wagensommer. „Wann immer er bis jetzt einen Fund angezeigt hat, war da auch einer.“

Bei der Heinz Sielmann Stiftung sind sie begeistert von Arnie. „Beim klassischen Artenmonitoring mit Fallen ist man immer auch vom Zufall abhängig, ob ein Exemplar in sie reingeht oder nicht“, sagt Bernhard Gohlke, der das Monitoring im Ilztal für die Heinz Sielmann Stiftung verantwortet hat. Bei Arnie ist das anders. „Wenn sich in einem Gebiet, das er nach einer bestimmten Art absucht, auch nur ein Exemplar aufhält, findet er es“, sagt Gohlke. „Das ist fantastisch.“ Außerdem werden die gesuchten Tiere geschont. Denn Arnie signalisiert nur ihr Vorkommen. Die Tiere selbst lässt er in Ruhe.
Die einzigen Voraussetzungen für den Einsatz von Arnie: Man muss vorab wissen, nach welcher Art man sucht. In Gohlkes Worten: „Für uns war von vorneherein klar, dass das Ilztal bei Passau mit seinen alten, feuchten Wäldern und den vielen Quellrieseln und -teichen geradezu prädestiniert ist als Lebensraum für den Grubenlaufkäfer.“ Und man braucht eine Duftprobe von der Art, an der Arnie intensiv riechen kann, damit er weiß, nach welcher Art er suchen soll. Experten sprechen von Anriechen. „Aber auch das ist in der Regel kein Problem“, sagt Gohlke. „Für so eine Duftprobe taugt auch ein entsprechendes Präparat.“
Arnie ist ein fünf Jahre alter, struppiger Berger Picard. Das ist eine alte französische Hütehunderasse, die vielen aus den Eberhoferkrimis geläufig ist. Der bisweilen arg zerzauste Hund Ludwig, der mit seinen treuen Blicken dort eine Reihe denkwürdiger Auftritte hat, ist ein Berger Picard. Die mittelgroßen Hunde haben meist ein rehbraunes, gelbes oder gräuliches Fell. Sie gelten als sehr selbständig und eigenwillig, aber auch als sensibel und menschenbezogen.
Mit ihrer extrem feinen Nase und den 200 Millionen bis 300 Millionen Geruchsrezeptoren sind Berger Picards geradezu prädestiniert als Artenspürhunde. Arnie, der eine zweijährige Ausbildung absolviert hat, kann nicht nur kleinsten Tieren zuverlässig nachforschen. Sondern auch Hautreste, Kotspuren und andere winzige Hinterlassenschaften auffinden. Und natürlich kann er auch alle möglichen Pilze und Pflanzen riechen, bei denen Menschen mit ihren gerade mal sechs Millionen Geruchsrezeptoren völlig versagen.
Es ist freilich nicht sein feiner Geruchssinn alleine, der Arnie zu einem so zuverlässigen Artenspürhund macht. „Als Hütehund, der er ja von Haus aus ist, ist er extrem geländegängig“, berichtet Irene Wagensonner. „Er geht durch jedes Wasser und scheut keine noch so dichte Hecke.“ Und er orientiert sich weit im Gelände, hat einen ausgezeichneten Überblick über große Flächen und ist wetterfest, gleich wie sehr es regnet oder zieht.

„Außerdem wird Arnie nicht schnell nervös“, sagt Wagensonner. Sogar bei giftigen Kreuzottern nicht, denen der Rüde mit der Biologin erst kürzlich nachgespürt hat, und auch nicht bei Feuersalamandern, deren Hautsekret für Hunde tödlich sein kann. „Ich habe ihm halt antrainiert, dass er bei Tieren, die ihm gefährlich werden können, eineinhalb bis zwei Meter Sicherheitsabstand hält“, sagt Wagensonner.
Obwohl die Arbeit mit Artenschutzhunden extrem viele Vorteile hat, ist sie noch relativ wenig verbreitet. Zumindest im klassischen Naturschutz. Nach Wagensonners Worten gibt es deutschlandweit erst um die 50 Hunde, die so umfassend einsetzbar sind wie ihr Arnie. Viele klassische Naturschützer seien zumindest erst einmal misstrauisch, „sie glauben nicht so recht daran, dass die Hunde im Artenmonitoring wirklich zuverlässig und unauffällig arbeiten“.
So auch bei der Heinz Sielmann Stiftung, die vor gut 30 Jahren von dem legendären Tierfilmer, Autor und Zoologen und dessen Frau Inge gegründet worden ist und deutschlandweit im Naturschutz aktiv ist. „Natürlich war ich anfangs ein wenig skeptisch“, sagt Stiftungs-Mann Gohlke, der die Suche nach dem Grubenlaufkäfer im Ilztal verantwortet hat. „Aber das hatte schnell ein Ende, bei dem Erfolg. Wir wollen wieder mit Arnie arbeiten.“
Bei der Suche nach der Äskulapnatter zum Beispiel. Die bis zu zwei Meter langen, ungiftige Schlangen kommen hauptsächlich in Südeuropa vor, in Deutschland gibt es einige kleine Bestände. Einer wird im Unteren Ilztal vermutet. Wie überhaupt diese Region bei Passau ein einzigartiges Naturjuwel ist. Bei dem Monitoring der Heinz Sielmann Stiftung kamen dort alleine 502 Käferarten zusammen, außer dem Grubenlaufkäfer zum Beispiel auch der höchst seltene Bombardierkäfer. Und natürlich andere Raritäten wie die Gelbbauchunke und der Feuersalamander.

Bei der Deutschen Bahn haben sie die Qualitäten der Artenspürhunde ebenfalls erkannt. Dort kommen die Tiere inzwischen regelmäßig zum Einsatz, um bei der Abwicklung von Projekten wie dem Aus- und Umbau des Bahnhofs München-Pasing Zauneidechsen und andere streng geschützte Arten schnell aufspüren und entsprechende Schutzmaßnahmen ergreifen zu können. Die Bahn hat dafür sogar eine spezielle Hundestaffel etabliert.
Irene Wagensonner und ihr Arnie sind ebenfalls gefragt, nicht nur bei der Heinz Sielmann Stiftung. So gefragt sogar, dass sich die Biologin unlängst Verstärkung geholt hat. Lupa ist neun Monate jung und ebenfalls ein Berger Picard. Die Hündin hat ihre Ausbildung zum Artenspürhund noch komplett vor sich. Start ist im Mai.


