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Artenschutz:Wildkatzen vermehren sich wieder in Bayern

Wildkatze

Gestatten, felis silvestris silvestris. Der Körper der Wildkatze ist kräftig, ihr Fell wirkt ein wenig verwaschen. Und sie ist unzähmbar.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Sie wurden unerbittlich gejagt und galten in Bayern als ausgerottet. Inzwischen ist es Naturschützern gelungen, wieder 600 Wildkatzen anzusiedeln. Doch zwei Regionen scheinen die Tiere zu meiden.

Von Christian Sebald

Diese Zahl hat Kai Frobel sehr gefreut: Wenigstens 600 Wildkatzen leben in Bayerns Wäldern. "Das ist eine Sensation, das zeigt, dass unsere Bemühungen um die Rückkehr der Wildkatze richtig waren", sagt der oberste Artenschützer im Bund Naturschutz (BN). "Eigentlich haben wir nur mit 300 gerechnet." Doch die Freude ist nicht ungetrübt. Oberbayern und Niederbayern sind nach wie vor frei von Wildkatzen. Dabei war sich Frobel ziemlich sicher, dass auch hier wenigstens einige Wildkatzen umherstreifen.

Aber darauf fehlt jeder Hinweis. Zumindest hat sich in dem dreijährigen Forschungsprojekt "Wildkatzen in Bayern", dessen Ergebnisse Forstminister Helmut Brunner (CSU) und BN-Chef Hubert Weiger am Donnerstag präsentiert haben, keiner ergeben.

Was Wildkatzen von der Hauskatze unterscheidet

Es ist so eine Sache mit den Wildkatzen. Viele Menschen halten die Tiere für verwilderte Hauskatzen. Dabei sind Wildkatzen und Hauskatzen, selbst wenn letztere verwildert sind und fernab von menschlichen Siedlungen leben, zwei verschiedene Arten. Die Felis silvestris silvestris, wie der wissenschaftliche Name der Wildkatze lautet, ist ein heimisches Wildtier, das seit Tausenden Jahren in den Wäldern Mitteleuropas verbreitet ist. Die Hauskatze dagegen stammt von der nordafrikanischen Falbkatze ab. Falbkatzen sind zutraulich, weshalb sie angeblich schon 7500 vor Christus auf Zypern domestiziert wurden. Nach Mitteleuropa gelangten sie erst sehr viel später durch die alten Römer.

Äußerlich ähneln sich Wildkatzen und Hauskatzen aber sehr. Sogar Fachleute tun sich schwer, sie zu unterscheiden. Wildkatzen haben einen vergleichsweise massigen, kräftigen Körper. Ihr Fell wirkt ein wenig verwaschen. Ihren Rücken ziert ein Aalstrich, ein dunkler Fellstreifen längs der Wirbelsäule also. Der Schwanz ist eher kurz und buschig, er hat ein stumpfes Ende mit mehreren schwarzen Fellringen.

Der prägnanteste Unterschied zu Hauskatzen aber ist, dass Wildkatzen extrem scheu und unzähmbar sind. "Wer irgendwo in einem Wald auf eine Katze trifft, die sich nicht sofort aus dem Staub macht, der kann sicher sein, dass er eine Hauskatze vor sich hat", sagt Ulrike Giese, die auch in dem Forschungsprojekt mitgearbeitet hat. "Eine Wildkatze meidet jeden Kontakt nicht nur zu Menschen, sondern auch zu Siedlungen."

Warum die Tiere in Bayern ausgerottet wurden

Ihre Scheu hat den Wildkatzen nichts genutzt. Die Tiere wurden erbittert gejagt, seit dem späten 19. Jahrhundert galten sie in Bayern als ausgerottet. Der Grund war der Irrglaube, Wildkatzen gingen auch auf Rehkitze und Hirschkälber los. Dabei sind sie doch wie ihre zahmen Genossen vor allem auf Mäuse aus, ab und an auch auf Vögel oder Fische.

Heute profitieren die Wildkatzen vom guten Image der Hauskatzen, sagt Frobel. Er muss es wissen. Denn er hat ja nicht nur an dem Forschungsprojekt mitgearbeitet, sondern auch die Imagekampagne des BN für die Wildkatze betreut: Der Verband richtete in Bad Kissingen ein Wildkatzengehege samt Lehrpfad ein, er druckte Informationsbroschüren und Faltblätter. Außerdem stellte er eine "Wildkatzenkiste" mit Unterrichtsmaterialien zusammen, die an Schulen sehr gefragt ist. Und die Wildkatzen-Ausstellung des BN tourt schon seit Jahren durch Bayern.

Der wahre Grund für die Rückkehr der Wildkatze freilich ist eine Wiedereinbürgerungsaktion. Seit 1984 setzte der BN vor allem im unterfränkischen Spessart 600 Wildkatzen aus. Von dort aus eroberten sich die Tiere erst die Rhön und dann die Haßberge zurück. Später drangen sie weiter in den Steigerwald, den Nürnberger Reichswald und nach Nordschwaben vor. "Nur was die bayerischen Alpen und Niederbayern anbelangt, da waren wir wohl etwas zu optimistisch", sagt Frobel. "Das dauert noch einige Jahre, bis sie auch dort angelangt sein werden."

Und wie haben Frobel und seine Helfer nun festgestellt, dass es wenigstens 600 Wildkatzen sind, die wieder in Bayern leben? Sie haben überall, wo sie welche vermutet haben, Lockstäbe in den Boden gerammt, insgesamt etwa 2200 Stück. Lockstäbe sind einfache Holzstecken, die mit Baldrian präpariert sind. Wildkatzen können Baldrian nicht widerstehen, er zieht sie magisch an. Sowie sie auf einen solchen Lockstock stoßen, reiben sie sich an ihm. Dabei lassen sie Haare, Hautpartikel und anderes genetisches Material zurück. Frobel und seine Helfer mussten die Hinterlassenschaften nur noch einsammeln und auswerten lassen.

© SZ vom 27.11.2015/mmo
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