bedeckt München
vgwortpixel

Arnstorf:Schule der Zukunft

Digitales Bildungsnetz Bayern, Realschule Arnstorf, eine Schule, die von Fujitsu gefoerdert wird.

Game over: Die PCs im Multifunktionsraum werden für analogen Unterricht im Tisch versenkt.

(Foto: Jakob Boerner)

100 Laptops und Tablets, Wlan in jedem Klassenzimmer, IT-Unterricht von der fünften Jahrgangsstufe an: Die Realschule Arnstorf ist durch und durch digital

Wer in Bayern "Digital Natives" sucht, muss in die Provinz fahren. Dorthin, wo Pilger die Landstraße blockieren und auch sonst wenig los ist. Arnstorf liegt 50 Kilometer hinter Altötting, irgendwo zwischen Deggendorf und Passau. Vor elf Jahren wurde auf der grünen Wiese die Staatliche Realschule Arnstorf gebaut. Digitales und Informationstechnologie waren im Kommen, ein Profil braucht jede Schule. Also wählte Direktor Jürgen Böhm eben dieses. Von außen sieht die Schule aus wie viele andere: klare Linien, warme Farben und Beton. Im Innern bunte Wände, Kinderstimmen und der Geruch von Pausenbrot und nassem Schwamm. Dass hier 766 Digital Natives lernen, auf die eigenen Daten zu achten und dabei die Welt der Computer und des Internets aktiv mitzugestalten, zeigt erst der zweite Blick.

Laptop- und Tabletklassen werden anderswo als Innovation des Unterrichtens gerühmt, Arnstorf ist weiter. Im eigens programmierten Schulnetzwerk tauschen sich Lehrer, Eltern und Schüler aus, stellen Präsentationen für Referate oder Unterrichtsmaterial bereit, die in der Schulstunde oder daheim beim Lernen nur noch abgerufen werden. Wlan ist Standard, IT-Unterricht gibt's von der fünften Klasse an. In allen Klassenzimmern stehen Laptopanschlüsse am Pult und Beamer bereit. Mehr als 100 Computer und Laptops sind auf alle Etagen verteilt. In den Multimediaräumen werden die Rechner im Tisch versenkt, wenn analog gelernt wird - das Konstrukt aus alten Nähmaschinentischen hat der Hausmeister gebaut. Aber wie an allen bayerischen Schulen gilt auch in der Arnstorfer Realschule "Handy aus!". Entsprechend beliebt ist die neueste Unterrichtsmethode: "bring your own device".

Die Schüler dürfen Handys und Tablets benutzen, wenn es ins Lernkonzept passt. Wie das aussehen kann, zeigt Michael Huber vor dem Biosaal. Großformatige Bilder hängen an der Wand, aber was ist darauf zu sehen? "Die Schüler sollten mikroskopieren, also haben sie ihre Handys auf das Okular gehalten und fotografiert", sagt Biolehrer Huber. Aus den Fotos bastelten die Jugendlichen ein Rätsel für die anderen Schüler. Die Auflösung hängt samt Erklärung des Objekts unten an der Wand - Handyspielerei mit Lerneffekt.

Und "bring your own device" ist günstiger für die Schule. Computer auf dem aktuellen Stand zu halten, sei "enormer finanzieller Aufwand", sagt Schulleiter Böhm. Technischer Rückschritt kommt nicht infrage. Zwar kümmern sich zwölf Schüler als "Admin Crew" um die Wartung von Soft- und Hardware, das spart Geld. Aber mehr könne man ihnen und den Administratoren nicht zumuten, sagt Böhm. Fast jeder Schüler besitze heute ein internetfähiges Gerät, das über das schuleigene Netzwerk in den Unterricht einbezogen werden kann. "In den Laptopklassen fühlten die Kollegen sich wegen der hohen Anschaffungskosten oft verpflichtet, die PCs möglichst oft zu benutzen", sagt Böhm.

Neben Textverarbeitung oder Codierung von Algorithmen lernen die Schüler auch, Simulationen und Computeranimationen zu erstellen. Neben dem Biosaal bauen sieben Neuntklässlerinnen an PCs das Modell eines Puppenhauses. Sie tuscheln mit der Nachbarin über Größenverhältnisse und Raumtiefe. Das Projekt bearbeiten die Mädchen über Wochen, tüfteln auch mal daheim und holen sich via Chat Tipps von Mitschülern und Lehrerin.

So weit wie Arnstorf ist kaum eine bayerische Schule. Zwar ist Digitalisierung ein großes Projekt der Staatsregierung, und regelmäßig lanciert das Kultusministerium neue Modellversuche, doch laut Umfragen des Bayerischen Philologenverbands und des Meinungsforschungsinstituts Forsa nutzten die meisten der befragten Lehrer selten digitale Medien, weil sie mit der Ausstattung in ihrer Schule unzufrieden seien. Dafür seien die Kommunen zuständig, heißt es im Ministerium. Dass er da Glück hat, ist Böhm bewusst. Die Marktgemeinde kann sich die Vorreiterrolle leisten. Größter Gewerbesteuerzahler im 7000-Einwohner-Ort ist die Lindner Gruppe. Das Bauunternehmen beschäftigt 5000 Leute und ist in Europa führend bei Innenausbau und Isoliertechnik.

"Ausstattung alleine macht aber noch keinen Unterricht", sagt Böhm, ohne das Engagement seiner Kollegen ginge nichts. "Wir brauchen viel mehr Freiheit, einer der Systemadministratoren hat seine Stunden schon im September aufgebraucht", sagt Böhm, der auch Vorsitzender des Realschullehrerverbands ist. Aber es fehle auch an der Lehrerbildung: Viele junge Pädagogen wollten gezielt nach Arnstorf, seien an digitalem Lehren interessiert, aber müssten erst speziell geschult werden. "An der Uni wurden wir nicht darauf vorbereitet", sagt Biolehrer Huber.

Die Digitalisierung ist seit gut 15 Jahren Thema in der Bildungspolitik, die Umsetzung zieht sich. Mittlerweile stehen auf der Onlineplattform "Mebis" des bayerischen Landesmedienzentrums 14 000 Lernmaterialien und Konzepte zu Verfügung. Das Kultusministerium präsentierte erst kürzlich wieder zwei Projekte, die online durch Feedback-Chats oder Video-Tutorials individuelle Förderung und Lernen daheim verbessern sollen. Die Masse hat davon noch nichts.

Ist das die Schule der Zukunft? "Wir diskutieren sehr kritisch über alle Neuerungen, denn je mehr man weiß, desto kritischer ist man", sagt Böhm. Tafel und Kreide werden in allen Klassen bleiben, neben Whiteboards und Laptopanschlüssen. "Dann ist die didaktische Vielfalt vollkommen", sagt er.