Armut in Bayern Sophia, bald drei, ist seit ihrer Geburt ein Sozialfall

Die Kinderarmut in Bayern steigt - trotz der wirtschaftlich guten Lage. Sophia, hier mit ihrer Mutter, zählt zu den Betroffenen.

(Foto: Peter Roggenthin)

Die Wirtschaft wächst, und zugleich wachsen immer mehr Kinder in Armut auf - wie Sophia mitten im reichen Erlangen. Ihrer Mutter bleiben am Monatsende zehn Euro übrig. Wenn sie Glück hat.

Von Karsten Fehr

Es ist diese eine Nacht, die ihr Leben für immer verändert hat. Sarah Keller hatte Sex mit einem Mann, mit dem es keine gemeinsame Zukunft gab. Keller (Name geändert) wurde schwanger, verlor ihren Job, bekam ihr Kind: eine Tochter, Sophia. Sarah Keller ist nun alleinerziehend, bezieht Hartz IV. Sie und Sophia sind arm.

Die Wirtschaft in Bayern wächst, die Kinderarmut allerdings auch: Im Freistaat leben heute im Vergleich zu 2011 mehr Kinder in Familien, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind. Das zeigt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung. Besonders besorgniserregend: "Die Mehrheit armer Kinder wächst über einen langen Zeitraum in Armut auf", heißt es dort.

Kinderarmut Kinderarmut in Deutschland steigt
Bertelsmann-Studie

Kinderarmut in Deutschland steigt

Besonders betroffen sind Minderjährige, die bei Alleinerziehenden oder in kinderreichen Familien aufwachsen. Bremerhaven hält einen traurigen Rekord.

2015 lebten in Bayern 141 256 Kinder unter 18 Jahren in Familien, die Hartz-IV-Leistungen erhielten. Das waren fast 7200 mehr als noch 2011 und entsprach einem Anteil von 6,8 Prozent (2011: 6,4 Prozent). In Deutschland waren es knapp zwei Millionen Kinder. Die Quote im Bundesgebiet betrug 14,7 Prozent (2011: 14,3 Prozent). Damit leben im Freistaat im Vergleich zum Bundesdurchschnitt anteilig zwar deutlich weniger Kinder in Armut. Trotzdem verfolgt Antje Funcke, eine Autorin der Studie, die Entwicklung nicht ohne Sorge: "Dass in einem Bundesland wie Bayern, das wirtschaftlich wächst, die Kinderarmut zunimmt, sollte zumindest als Warnzeichen gewertet werden."

Die Staatsregierung sieht das nicht so - das Sozialministerium spricht von einem "moderaten Anstieg der Zahlen" und verweist auf die Wirtschaftskraft des Freistaats: Bayern sei solide aufgestellt, und nicht zuletzt wegen der guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt sei die Ausgangslage für Familien günstig, ließ Sozialministerin Emilia Müller auf Nachfrage verlauten.

Auf dem Spielplatz vor Sophias Zuhause lagen Spritzen von Heroinsüchtigen herum

Sophia bekam davon wenig mit. Sie wuchs zunächst in Bruck auf, einem armen Stadtteil mitten im reichen Erlangen. Wenn sie raus zum Spielen ging, dann waren die Scherben, auf die sie hätte treten können, nicht das größte Problem: Auf dem Spielplatz, direkt vor ihrem Zuhause, wurde gefixt. Die Spritzen der Heroinsüchtigen lagen überall herum. "Das ist nichts für Kinder", sagte ihre Mutter damals. Kurzzeitig hatte Sarah Keller, nun 31 Jahre alt, wieder einen Job: Sie putzte in einer Flüchtlings-Unterkunft. Doch mittlerweile ist die alleinerziehende Mutter wieder arbeitslos - unverschuldet.

Wie ihrer Tochter Sophia geht es vielen betroffenen Kindern: Für sie ist Armut ein Dauerzustand. Stimmen die Zahlen der Bertelsmann Stiftung, dann ist in Bayern fast die Hälfte der armen Kinder zwischen sieben und 14 Jahren mehr als drei Jahre auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen. In ganz Deutschland sind es sogar mehr als 57 Prozent.

Antje Funcke findet diese Entwicklung "erschreckend": "Je länger ein Kind in Armut lebt, desto geringer sind seine Bildungs- und Teilhabechancen." Andauernde Armutserfahrungen würden sich besonders negativ auf die Entwicklung von Kindern auswirken. "In den Urlaub fahren oder einfach mal etwas unternehmen - auf das müssen diese Kinder oft verzichten."

So auch Sophia. Das Mädchen ernährt sich von Lebensmitteln, die seine Mutter von der "Gabentreppe", einem Hilfsprojekt für Bedürftige in Erlangen, besorgt. Sie trägt gebrauchte Kleider, die ihre Mutter günstig ersteigert. Sie lebt in einer Wohnung, deren Wände so dünn sind, dass man das Geschrei von nebenan hört. Die finanzielle Situation der Familie lässt nichts anderes zu. "Wenn ich Glück habe, bleiben mir am Monatsende zehn Euro übrig", sagt die Mutter.