Architektur Der Kirchenarchitekt und sein bröckelndes Erbe

Die Kreuzkirche in Nürnberg ist schon seit zehn Jahren gesperrt, das Bild von 2011 zeigt Dekan Dirk Wessel vor einem Gerüst, das das Kirchendach stützt.

(Foto: dpa)
  • Der Architekt Olaf Andreas Gulbransson gilt als einer der bedeutendsten Kirchenbauer der Nachkriegszeit.
  • Viele der evangelischen Kirchen, die er in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Bayern gebaut hat, sind allerdings marode.
  • Abgerissen werden können sie nicht, weil viele Gebäude unter Denkmalschutz stehen.
Von Claudia Henzler, Nürnberg

Es ist die Art Jubiläum, die sich niemand wünscht: Seit zehn Jahren ist die Kreuzkirche der evangelischen St.-Leonhard-Gemeinde in Nürnberg wegen Einsturzgefahr gesperrt. Und das wird auch so bleiben. Denn die Renovierung ist aus Sicht der Kirche zu teuer, ein Abriss aber nicht möglich, weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht.

Die Pläne für den modernen Bau stammen von Olaf Andreas Gulbransson, Sohn des norwegischen Zeichners und Karikaturisten Olaf Gulbransson, der unter anderem für den Simplicissimus arbeitete. Olaf Andreas Gulbransson gilt als einer der bedeutendsten Kirchenarchitekten der Nachkriegszeit. Viele seiner Bauten stehen unter Denkmalschutz, haben in den vergangenen Jahrzehnten aber wegen ihrer Sanierungsbedürftigkeit von sich reden gemacht.

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Die Kreuzkirche sieht noch immer eindrucksvoll aus mit ihrer roten Backsteinfassade und dem nach außen aufstrebenden Faltdach aus Metall. Sie steht im Stadtteil Schweinau, südwestlich der Nürnberger Innenstadt, umgeben von eher lieblos gestalteten Wohnblocks. Die grünlichen Metalltüren lassen sich nicht öffnen, das Schild "Einsturzgefahr! Betreten verboten!" ist allerdings längst verschwunden. Jeder weiß auch so: Der Gottesdienst findet im Gemeindezentrum statt.

Mit einfachen Formen und klugen Raumkonzepten war Gulbransson nach dem Krieg zum Lieblingsplaner der evangelischen Gemeinden in Bayern geworden, von denen viele durch Flucht und Vertreibung erst neu entstanden waren. Sein Erstlingswerk, die Christuskirche in Schliersee, wurde 1954 begeistert aufgenommen und brachte reichlich Folgeaufträge. In nur acht Jahren plante und baute Gulbransson neun Kirchen. Als er 1961 im Alter von nur 45 Jahren bei einem unverschuldeten Autounfall ums Leben kam, waren 18 weitere Kirchen gerade im Bau oder zumindest fertig geplant. Sie wurden von einem Mitarbeiter seines Büros zu Ende geführt.

Beim Nürnberger Gotteshaus, Baujahr 1963, waren die Bauherren von Gulbranssons Plänen abgewichen. Sie verwendeten statt massiver Balken ein billigeres Material aus zusammengeleimten Platten. Eine Konstruktion, wie sie bei der Eissporthalle in Bad Reichenhall verbaut wurde, welche 2006 einstürzte. 15 Menschen kamen dabei ums Leben. Sogar die Firma sei dieselbe wie in Bad Reichenhall gewesen, sagt Dekan Dirk Wessel. Nach einer Statikprüfung musste der Gulbranssonbau in Nürnberg 2008 gesperrt werden, das Dach wird seitdem durch einen Lastturm im Innenraum der Kirche abgestützt.

2,5 Millionen - nur für das Dach

Vor zehn Jahren war Wessel noch einigermaßen zuversichtlich, dass sich eine Lösung finden würde, sagt er. Er habe sogar über eine Open-Air-Kirche nachgedacht. Dann wurden immer neue Schäden entdeckt, die geschätzten Kosten stiegen. "Wir liegen heute locker bei 2,5 Millionen Euro nur für das Dach", sagt er. In Zeiten, in denen die Kirchen Mitglieder verlieren und Gemeinden zusammengelegt werden, wird das Gebäude mit 640 Plätzen gar nicht mehr gebraucht.

Gulbranssons Erstling in Schliersee.

(Foto: Imago)

Also wurde es entwidmet, die Orgel in die Paulskirche im ukrainischen Odessa gebracht. Zum Stand der Dinge teilt die evangelische Landeskirche mit: "Verschiedene Verkaufsversuche und alternative Nutzungsüberlegungen, die auch zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege geprüft wurden, waren bisher nicht erfolgreich." Wessel fasst es so zusammen: "Es bleibt alles so wie es ist."

Entwidmet wurde im vergangenen Jahr auch die Lukaskirche Gulbranssons in Kelheim. Der Rundbau sollte verkauft werden, weil die Gemeinde sich den Unterhalt von vier Kirchen nicht mehr leisten wollte. 2017 hat das Landesdenkmalamt die kleine Kirche jedoch überraschend unter Schutz gestellt. "Eine alternative Verwendung ist noch offen", teilt die Landeskirche mit.

Schlechte Materialien, wenig Bauaufsicht

Nicht ganz so perspektivlos ist die Lage in Würzburg. Dort wurde 2011 die Erlöserkirche gesperrt - ein Gulbranssonbau von 1961. Die Kosten für die Sanierung werden auf mehr als eine Million Euro geschätzt, begonnen wurde damit noch immer nicht. Weil die Ursache für Wasserschäden gefunden und abgestellt wurden, und ein Statikgutachten zumindest für das Hauptschiff und den Altarraum Entwarnung gab, wird sie seit Pfingsten 2017 wieder sporadisch genutzt. Die Instandsetzung soll nun Schritt für Schritt folgen.

Auch beim Erstlingswerk am Schliersee war der Altarraum mehrere Jahre aus statischen Gründen gesperrt, bevor er 2011 saniert wurde. Aus Sicht von Experten liegt der hohe Instandsetzungsaufwand zum einen an der Entstehungszeit. Die teilweise jungen Kirchengemeinden hatten wenig Geld und sparten am Material, nach Gulbranssons Tod mag mangelnde Aufsicht dazu gekommen sein. Zudem waren manche Baustoffe in den Fünfziger- und beginnenden Sechzigerjahren noch nicht vollständig erprobt. Hinzu kommt, dass Gulbranssons Konstruktionen keine schmucklosen Zweckbauten sind und Kosten für Reparaturen schon deshalb höher liegen können.

Fachleute relativieren aber auch: Die Lebensdauer eines öffentlichen Gebäudes liege in der Regel nur bei etwa 50 Jahren, danach sind hohe Instandsetzungskosten fällig - unabhängig vom Architekten. Auch andere Kirchen müssen saniert werden, die stehen aber weniger im Licht der Öffentlichkeit als die Gulbransson-Werke.

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